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13 Fragen an Matthias Horx

„Medien der Zukunft / Zukunft der Medien“

Matthias Horx gilt als profiliertester Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Sein „Zukunftsinstitut“ mit Hauptsitz bei Frankfurt am Main ist ein Think Tank der Zukunftsforschung.

Interview: Martin Orth

1. Die Informationsgesellschaft wird immer unübersichtlicher. Immer neue technische Möglichkeiten eröffnen immer neue Informationsquellen. Welchen Weg gehen Sie persönlich in der Mediennutzung?

Als jemand, der im vergangenen Jahrhundert Kind und Jugendlicher war, bin ich natürlich ein „Analogist“. Ich liebe Bücher, Zeitschriften, gedruckte Worte. Aber das tun meine Kinder, die mit dem Computer aufgewachsen sind, auch. Ansonsten bin ich Medien-Multitoxikologe. Ich surfe auf allen medialen Brettern, seien sie nun quadratisch in Form eines Bildschirms, oder glatt und anfassbar wie ein gediegenes Buch. Und zwar rund um die Uhr. Ich spiele auch Online-Computerspiele mit meinen Kids und habe deshalb einen etwas anderen Einblick in die digitale Realität. Die kann nämlich ganz schön Spaß machen, nur nicht den alten Paranoikern, die hinter jeder Ecke das Ende des Abendlandes wittern.

2. Die neuen Medien haben vieles vereinfacht und schneller gemacht, gehen aber einher mit Phänomenen wie der sozialen Vereinsamung. Muss der Umgang mit den Medien gelernt werden?

Die Idee von der „Vereinsamung durch Medien“ halte ich für Quatsch. Vereinsamt waren Menschen früher in abgelegenen Tälern, auf dem Land, als es noch kein Telefon gab. Heute sind manche Menschen vielleicht einsam, weil sie neurotisch oder depressiv sind. Aber unter dem Strich schließen die Medien jeden an den großen Strom an, ob es sich nun um detaillierte Information oder profanen Trash handelt. Natürlich brauchen die Menschen eine gewisse Zeit, um ein neues Medium zu erlernen, aber sie sind auch recht geschickt darin. Man denke, wie lange die Alphabetisierung gedauert hat. Dagegen sind die Menschen im Umgang mit den elektronischen Medien recht flott unterwegs. Allerdings kann nicht jeder etwas mit dem Wissens- und Sozialwesen des Internets anfangen. Es gibt immer noch viele passive Medien-Konsumenten, für die ist das Internet allenfalls ein Nachschlagekatalog. Es ist letzten Endes eine Frage der Bildung. Wer gebildet, neugierig und sozial aufsteigend ist, nutzt auch die neuen Medien intensiv.

3. Junge Menschen begeistern sich wenig für die Tageszeitung, ältere Menschen tun sich schwer mit sozialen Netzwerken im Internet. Teilen die Medien unsere Gesellschaft? Betreiben die Medien die Individualisierung der Gesellschaft?

Letzteres wäre schön. Denn Individualisierung ist für mich ein positiver Begriff. Wir wollen doch alle Individuen werden, die sich unterscheiden, die ihre eigene Persönlichkeit entwickeln, oder? Und Medien aller Art dienen letzten Endes diesem Zweck. Auch Soap-Operas haben, wie viele Studien ergeben haben, einen lehrenden und emanzipativen Aspekt. Wer sein Leben lang die TV-Serie „Lindenstraße“ gesehen hat, hat auch soziale Differenzierung, Toleranz und Menschenfreundschaft gelernt. Und die Älteren holen ja derzeit bei der Internet-Nutzung schnell auf.

4. Sind von dem Wandel in der Medienlandschaft auch soziale Rituale wie das morgendliche Zeitungslesen oder gemeinsam Fußballgucken betroffen?

Ja und nein. Gemeinsam Fußballgucken ist ein Horden-Erlebnis, was tief in unseren Genen verankert ist. Menschen (Männer) werden das wahrscheinlich so lange tun, bis die Sonne erkaltet, es ist ein Ritual. Das morgendliche Zeitung lesen war ja auch ein Ritual, mit dem vor allem Männer ihre Nichtkommunikation am Frühstückstisch begründen konnten. Zeitungen haben also auch einen anderen Zweck als den der Information: Sie sind Schutzschilde von Morgenmuffeln und Cocooning-Schirme in öffentlichen Räumen, etwa Cafés oder Flughäfen. Ich bin mir sicher, die Menschen werden einen Ersatz dafür erfinden, sollte die gedruckte Zeitung eines Tages aussterben. Vielleicht große, biegbare Computerschirme, die man als Paravent oder Schleier benutzen kann.

5. Es heißt, neue Medien verdrängen die herkömmlichen. Wie wird der Medien-Mix in 20 Jahren aussehen?

Nur ganz selten verdrängen neue Medien die alten vollständig, meistens gibt es einen neuen Mix und eine Ergänzung. Als das Fernsehen kam, sagte man das Kino tot, und das Internet sollte eigentlich schon längst alle beide gekillt haben – Unsinn. In zwanzig Jahren wird das Internet ein „Omninet“ geworden sein – es ist überall und nirgends, es ist die Plattform, auf der alle Inhalte laufen. Aber die Ausgabegeräte werden immer noch differenziert sein. Es wird immer noch Bücher und Magazine geben, vielleicht sogar schönere, edlere, besser riechende. Und faltbare, papierähnliche Bildschirme. Die entscheidende Frage ist aber, wie weit sich unsere kognitiven Fähigkeiten weiterentwickelt haben.

6. Sie haben einen „Digital Backlash“, einen Rückschlag für die Internet-Euphorie, vorausgesagt. Was veranlasst Sie dazu? Ist er schon eingetreten? Und wie wird er sich auswirken?

Er findet täglich statt, indem das Internet nicht jenen Gebrauch findet, die ihm die Visionäre der 90er-Jahre zuschrieben. Es gibt einen subtilen Offline-Trend – eine erhebliche Anzahl von Menschen empfindet die Bilder- und Töneflut eher als nervend und störend und wendet sich wieder sinnlichen, haptischen, persönlichen, Real­-time-Erfahrungen zu. Das Internet hält oft nicht, was es verspricht. Und wir haben immer noch große Teile der Bevölkerung, die mit dem Internet als Netzwerk-Medium nichts anfangen können, weil sie zu wenig gebildet sind oder die entsprechenden Sozialtechniken nicht beherrschen. Die eigentliche Potenz des Netzes als Wissensmedium erschließen wir ja nur, wenn wir auch vernetzt denken, fragen, kommunizieren, arbeiten.

7. Bedeutet das im Umkehrschluss ein Comeback der klassischen Medien?

Das Internet hat die Zeitungen heute schon verändert, sie kürzer, prägnanter, oft auch besser gemacht. Es funktioniert wie ein Selektionsfaktor: Die unsinnigen, überflüssigen Medien werden davon ausgerottet, die anderen verändert.

8. Nehmen wir die Printmedien. Wo liegen ihre Stärken? Und wie steht es um ihre Zukunft?

Ich glaube, dass der Begriff in Zukunft unsinnig ist. Es gibt kein „Printmedium“ mehr, sondern bestimmte Medienmarken, die sich über Inhalte, Qualität, Weltzugänge, Ideologien, was auch immer unterscheiden. Eine Zeitschrift wie die amerikanische „Wired“ ist heute schon ein mediales Produkt auf vielen Kanälen, und so geht es auch zunehmend Zeitungen. „Spiegel“ heißt in Zukunft eine bestimmte Weltsicht auf Papier, Handy oder Schirm zu Hause. Ein Medium, das nur auf Print setzt, ist ein ziemlich einsames Medium.

9. Wie sehen denn die Geschäftsmodelle für Content-Anbieter in Zukunft aus?

Sehr verschieden. Einige werden im Qualitätssektor immer noch Geld verdienen. Andere erfüllen vor allem soziale Funktionen und leben über Club- und „Free­mium“-Modelle, also Geschäftsmodelle, bei denen bestimmte Basis-Dienste kostenfrei angeboten werden – und nur die Zusatzangebote berechnet werden. Wieder andere Anbieter werden sich vom reinen Content verabschieden und Services und „Zugänge“ vermarkten. Regionalzeitungen zum Beispiel können sich zu kompletten „Service Providern“ entwickeln, die neben Zeitung auch Strom, Wasser und Kredite liefern.

10. Wider Erwarten schlägt sich das Radio außerordentlich gut im Wandel der Medienlandschaft. Worauf führen Sie das zurück?

Das Radio ist einfach und unkompliziert, ein echter Retro-Trend gegen das Mediengewusel, in dem man sich nicht mehr zurechtfindet. Es spricht jemand zu einem! Das ist einfach schön.

11. Beobachten Sie im internationalen Vergleich ein deutsches Phänomen in der Mediennutzung?

Nein, die Deutschen sind nur aufgeregter und vermuten in jeder Neuerung erst mal den Weltuntergang, bevor sie dann ganz besonders treue Fans werden.

12. Bei Science-Fiction-Filmen werden häufig heutige Phänomene einfach auf morgen projiziert. Wie verhält es sich mit der Zukunftsforschung? Wie kommen Sie zu Ihren Erkenntnissen?

Durch hartnäckige Forschung und ständige Korrektur der Modellbildung. Auch wir „projizieren“ natürlich auf morgen. Wir müssen das nur ein bisschen intelligenter und differenzierter machen als unsere Vorgänger.

13. Wird die zukünftige Medienlandschaft noch andere Tools verändern, die wir heute nur erahnen können?

Zum Beispiel werden E-Mail-Interviews wie dieses in Zukunft zu Dialogen. Ich könnte Sie dann auch fragen, was Sie eigentlich denken – und wie Sie zu Ihren Fragen gekommen sind . . .

17.12.2009
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