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Lebendige Partnerschaft

Mehr als 240 Kooperationen verbinden deutsche und brasilianische Hochschulen. Brasilien ist damit Deutschlands wichtigster Partner in Lateinamerika. Und für Nachwuchsakademiker aus Brasilien ist Deutschland eines der beliebtesten Studienländer.

Von Annekatrin Looss

Mit Stipendien und gelegentlichen Gastprofessuren deutscher Wissenschaftler in Brasilien fing es an. Heute – mehr als 20 Jahre später – belegen zahlreiche Beispiele den lebendigen Austausch zwischen den Forschern beider Länder: Experten des Max-Planck-Instituts ergründen mit brasilianischen Kollegen die Wechselwirkungen zwischen Atmosphäre und Biosphäre. Wissenschaftler der Universität von Pernambuco in Recife und der Technischen Universität Kaiserslautern suchen gemeinsam den Grund für die dramatische Vermehrung der Blattscheiderameisen an den Rändern des Regenwaldes. Und Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung erkunden mit brasilianischen Forschern die Möglichkeiten, den wachsenden Trinkwasserbedarf rund um die brasilianische Hauptstadt auch in Zukunft zu decken.

„Das Interesse am Austausch ist sehr groß“, sagt Dr. Irma de Melo-Reiners, Geschäftsführerin des Bayerischen Hochschulzentrums für Lateinamerika (BAYLAT) an der Universität Erlangen-Nürnberg. Derzeit seien im Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) 242 Kooperationen zwischen deutschen und brasilianischen Hochschulen aufgelistet. Mit dem Deutsch-Brasilianischen Jahr der Wissenschaft, Technologie und Innovation 2010/2011 soll sich die Zusammenarbeit beider Länder weiter verstärken. „Brasilien ist Deutschlands wichtigster Partner im Forschungsbereich“, sagt Michael Eschweiler, Leiter des für Brasilien zuständigen Referats beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Erster Grund: Die Größe des Landes. „Zweitens hat die brasilianische Wissenschaft einen großen Schritt nach vorn gemacht hat.“ Die brasilianischen Universitäten seien sehr gut, bestätigt auch die Leiterin des Lateinamerika-Referats der HRK Iris Danowski. „Alle Kooperationen finden auf Augenhöhe statt.“ Das Bildungsministerium Brasiliens und seine Agentur CAPES bieten eine Reihe guter Programme für den wissenschaftlichen Nachwuchs. Zusammen mit dem DAAD wurde etwa PROBRAL, das die Zusammenarbeit von Forschergruppen fördert, und UNIBRAL, in dem es um Kooperationen in der Lehre geht, aufgelegt. Mit einer weiteren Initiative von DAAD und CAPES werden seit 2009 Doppelabschlüsse (UNIBRAL II) und Doppelpromotionen (PROBRAL II) besonders gefördert.

Insgesamt gehen rund 24000 junge Brasilianer jedes Jahr ins Ausland, um zu studieren. Wichtigster Grund: ein internationales Element in der Biografie. Deutschland folgt dabei nach den USA, Frankreich, Portugal und Spanien auf Platz fünf der beliebtesten Austauschländer. Der gute wissenschaftliche Ruf, besonders in den technischen Fächern, zieht brasilianische Studierende an, ebenso der Praxisbezug der Lehre, die gute Ausstattung der Universitäten und der Zugang zu modernsten Technologien. „In vielen Bereichen hat Deutschland einen deutlichen Wissensvorsprung, gerade bei erneuerbaren Energien oder Ingenieurwissenschaften“, so Eschweiler. Außerdem seien die Studiengebühren im Vergleich zu den USA relativ niedrig. Wer in Deutschland studiert, hat in der beruflichen Laufbahn schnell ein Plus. Denn auch auf wirtschaftlicher Ebene ist Brasilien der wichtigste Partner Deutschlands in Südamerika. Etwa 1200 deutsche Unternehmen sind in Brasilien ansässig.

2089 brasilianische Studierende waren dem Statistischen Bundesamt zufolge im Wintersemester 2008/09 an deutschen Hochschulen eingeschrieben. Die beliebteste Fächergruppe sind die Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften (592 Studierende), gefolgt von den Ingenieur- (462) und den Sprach- und Kulturwissenschaften (420). „Wir verzeichnen einen stetigen Anstieg des Bedarfs an Stipendien“, so Eschweiler. Die Nachfrage steigt, ebenso die Angebote: Seit mehr als 20 Jahren arbeitet etwa die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU) Münster mit Hochschulen in Brasilien zusammen. Derzeit gibt es mehr als 20 Kooperationen, ein neu gegründetes Brasilienzentrum soll die vielfältigen Kooperationen bündeln. „Den brasilianischen Studenten steht unser gesamtes Studienangebot offen“, sagt Uni-Sprecherin Brigitte Nussbaum. Derzeit baut die Hochschule eine Vertretung in Brasilien auf, die auch anderen deutschen Universitäten als Verbindungsbüro dienen soll.

Die Universität Stuttgart wiederum hat mit Partnern in Curitiba den Masterstudiengang für kommunalen und industriellen Umweltschutz ins Leben gerufen, der vom DAAD als „exzellent“ eingestuft wurde. Brasilianische Umweltfachleute werden darin nach deutschen Standards ausgebildet. Der Studienplan sieht vor, dass vor allem brasilianische Dozenten die Pflichtfächer lehren und dann gemeinsam mit Stuttgarter Dozenten Vertiefungsrichtungen anbieten. Die Masterarbeit wird in der Industrie angefertigt. Bisher sind 40 Studierende eingeschrieben – Tendenz steigend. „Die Studenten, die meist parallel zum Studium in einem Unternehmen arbeiten, etwa VW, Mercedes oder Siemens, werden von diesen nach Deutschland geschickt. Die Firmen zahlen auch die Studiengebühren, im Gegenzug sollen die Absolventen ihr Wissen im Unternehmen weitertragen“, sagt Uwe Menzel, der zuständige Professor des Studiengangs. „Dass die Studenten Berufserfahrung haben, merkt man. Sie lernen nicht nur sehr gut, sondern stellen auch konkretere Fragen“, so Menzel. Als nächster Schritt wird in Stuttgart ein Promotionsstudiengang mit entsprechendem Forschungsangebot beantragt.

Auch der Verein deutscher Ingenieure plant eine Hochschule für die Ingenieursausbildung in São Paulo, um den wachsenden Bedarf an Ingenieuren beider Länder zu befriedigen. Allein die brasilianische Ölgesellschaft Petrobras benötigt bis 2015 rund 15000 Ingenieure. Die Studienabbrecherquote in diesem Bereich ist jedoch hoch. Nur 20 Prozent der Studienanfänger schließen ihre Ausbildung ab. Durch die Einbindung schon in der Gründungsphase soll die Ausrichtung der neuen Hochschule besonders gut an die Bedürfnisse der in Brasilien ansässigen Firmen deutschen Ursprungs angepasst werden.

14.09.2010
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