Schwellenängste abbauen, Brücken bauen: „Ich glaub‘, ich bin hier in meinem Element“, sagt Susanne Weiß, lächelt gewinnend und notiert sich im nächsten Moment schon wieder eine Idee auf ihrem Mobiltelefon. Es geht um den Internationalen Museumstag Mitte Mai, und die 33-jährige Berlinerin hat in ihrer Funktion als Kulturmanagerin am Sharjah Museums Department (SMD) ein ambitioniertes Projekt angeschoben. Jedes der 17 Museen des Scheichtums am Arabischen Golf soll ein Objekt aus seinem Bestand auswählen, das perfekt die Idee der jeweiligen Institution verkörpert – und zwar auf Gefühls- wie auf Kopfebene. „Social Harmony“ lautet die Mottovorgabe und die studierte Museologin weiß von ihren früheren Aufgaben an Museen und Kunstvereinen im In- und Ausland, wie inspirierend es für Kuratoren und ihr Team ist, wirklich verbunden zu sein mit den ausgestellten Objekten.
Im knapp 2600 Quadratkilometer kleinen Sharjah, einem der sieben Emirate am Arabischen Golf und direktem Nachbar von Dubai, lebt und arbeitet Susanne Weiß seit September 2009. Sie ist eine von derzeit vier Kulturmanagern in vier arabischen Ländern, die die Robert Bosch Stiftung mit einem Stipendium und in Kooperation mit dem Goethe-Institut fördert. „Ich tauche hier ein in einen islamischen Alltag, der einerseits geprägt ist von starkem Zusammenhalt und Religiosität, andererseits von großer Weltoffenheit und Neugier.“ Über 70 Prozent der etwa 450 Mitarbeiter des SMD sind Frauen, Zweisprachigkeit ist die Regel. „Diese Sprachgewandtheit hat mich sofort fasziniert. Perfektes Englisch ist in der deutschen Museumslandschaft nicht unbedingt die Regel.“ Sharjah hat in letzter Zeit viel unternommen, seinen Ruf als kulturelles Zentrum der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zu festigen. Der Herrscher von Sharjah, Sheikh Sultan Bin Mohammed Al Qasimi, ist den Künsten verbunden und zweifacher Doktor in Geschichte und Geografie. 2006 ließ er das Sharjah Museums Department gründen. Unter diesem Dach arbeiten nun alle musealen Einrichtungen zusammen. Die Vielfalt ist groß – Archäologie, Wissenschaft, Islamische Kultur und Moderne Kunst sind nur einige Bereiche. Susanne Weiß arbeitet hier engagiert als Verbindungsglied für mindestens ein Jahr. Momentan laufen von ihr konzipierte Workshops für die jeweiligen Mitarbeiter, die von Museumsprofis, Fotografen und Künstlern aus Deutschland gestaltet werden und genau auf die Bedürfnisse des SMD zugeschnitten sind. Trainingsprogramme zu entwickeln, die universell und spezifisch zugleich sind, das sei eine echte Herausforderung für sie. Es geht dabei um Ausstellungsorganisation und kuratorische Fragen, um Restaurierung oder Archivfotografie. Vor allem aber geht es Susanne Weiß in den zwölf Workshops darum, „Kreativität und Vernetzung noch stärker zu fördern.“
Die Generaldirektorin des Museumsverbandes, Manal Ataya, drückt es so aus: „Durch Susanne und unsere Partnerschaft mit dem Goethe-Institut und der Robert Bosch Stiftung wollen wir die Fähigkeiten unserer Landsleute stärken und ihnen eine anspruchsvolle Aufgabe in der Kulturarbeit bieten“. Denn im Museum arbeiten, das assoziierten viele Menschen in Sharjah bis vor wenigen Jahren noch mit „an der Kasse sitzen“, oder „Vitrinen abstauben“. Das erlebte auch Susanne Weiß, als sie zu Beginn ihrer Mission als Kulturmanagerin ausführliche Mitarbeitergespräche führte, etwa mit der Leiterin des Education Departments, Alya Burheima. Letztere erzählte ihr, wie Familienmitglieder sie regelrecht bemitleideten, weil sie sich für eine Stelle am SMD entschieden habe. Heute ist das anders. Alya Burheima: „Meine Mutter ist ein Fan von uns, sie streift ständig durch die Museen.“
Susanne Weiß kennt einige solcher motivierender Geschichten. Besonders die junge Generation der Emiratis interessiert sich zunehmend für die Zeit vor dem Wirtschaftsaufstieg in den 1970er-Jahren. Eine von Susannes Weiß‘ Lieblingsausstellungen findet sich im Sharjah Aquarium. Es geht darin um „Oral History“: Gezeigt werden Film- und Tondokumente über die fast verschwundene Fischerkultur. Eine andere Schau im Al Mahatta Museum zeigt in einem zeitgenössischen Schwarzweiß-Film ein verschlafenes Sharjah der 1930er-Jahre, das aber bereits den damals einzigen Flughafen der Golfregion besaß. Es treibt Susanne Weiß immer wieder um, wie rasant sich in Sharjah und den VAE der Wandel vollzogen hat. „Manchmal stelle ich mir die Frage: Lassen sich Kulturkonzepte überhaupt exportieren?“ Die Antwort gibt sie gleich selbst: „Ja, letztlich aber nur mit viel Fingerspitzengefühl, Zurückhaltung und Kompromissbereitschaft.“ Offen erzählt die Museologin, wie andere Organisations- und Diskussionsformen am Sharjah Museums Department für sie am Anfang gewöhnungsbedürftig waren. „Wir Deutschen glauben ja immer, alles stringent lösen zu müssen. Da war ich vielleicht anfangs etwas forsch.“ Aber noch ungewohnter war für Susanne Weiß ihr frühmorgendlicher Arbeitsbeginn um 7.30 Uhr. Doch sie hat sich umgestellt. „Ich hab‘s bis jetzt um keine Minute bereut.“ Da ist es wieder, ihr gewinnendes Lächeln. Und die nächste Idee ist sicher nicht weit.














