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Musik

Kreativ jenseits der Nischen

Bereits vor ein paar Jahren sorgte das Berliner Label Plak Music für Furore in der Pop-Szene. Für den deutsch-türkischen Musikaustausch setzt sich jetzt auch das neue Netzwerk Plak Ton ein.

Von Johannes Göbel

Es begann in einem Berliner Kiosk. Wer Ende der 1990er-Jahre den kleinen Lottoladen in Kreuzberg betrat, war schon auf dem richtigen Weg zur Keimzelle des heutigen Labels Plak Ton. Ünal Yüksel, Sohn des Ladenbesitzers und bereits bestens vernetzter Musik-Produzent, managte im Hinterzimmer mit seinem Geschäftspartner Jochen Kühling das Label Ypsilon, das sich auf HipHop mit orientalischem Einfluss spezialisierte. 2003 gründeten die beiden Männer dann Plak Music, das zeitweise die türkischen Superstars Sezen Aksu und Sertab Erener vermarktete und deutsch-türkischen Pop zu seinem Markenzeichen machte. Und dessen kreativer Nachfolger nun das neue Musik-Netzwerk Plak Ton ist.

Ünal Yüksel und Jochen Kühling sind immer noch an Bord, seit 2009 mischt auch der Manager Murat Suner in der Leitung des Netzwerks mit. Mit dem neuen Namen Plak Ton wollen die Drei auch vermeiden, „immer wieder auf das Thema Integration reduziert zu werden“, wie es Jochen Kühling formuliert. In Nischen wollen die Macher nicht gedrängt werden. Das war schon in den Anfängen von Plak Music so, als sich das Label zunächst auf den Deutschland-Vertrieb für Künstler aus der Türkei konzentrierte. „Das war allein schon deshalb etwas schwierig, weil zahlreiche türkische Kioske in Berlin Musik als Nebenerwerb entdeckt hatten“, erinnert sich Kühling.

Doch das Plak-Team fand seinen eigenen Weg, entdeckte Talente wie den Kölner Kenan oder den Nürnberger Ali Güven. Und feierte mit dem ebenfalls aus Köln stammenden Murat Ersen alias Muhabbet erstaunliche Erfolge. Zusammen mit dem musikalischen Mastermind Ünal Yüksel verband Muhabbet Elemente des modernen Rhythm and Blues (R’n’B) mit Arabesk-Einflüssen. Und mit deutschen Texten. Der neue R‘nBesk-Sound, lässig und gefühlvoll zugleich, wurde populär und erreichte vor allem zahlreiche junge Deutschtürken. Die Single „Sie liegt in meinen Armen“ schaffte es 2005 bis auf Platz 15 der deutschen Charts. Später nahm der zum Star avancierte Muhabbet mit dem damaligen deutschen Außenminister Steinmeier und seinem französischen Amtskollegen Kouchner die Single „Deutschland“ auf, deren Text sich gegen Vorurteile gegenüber Migranten wandte. „Das waren schöne Erfolge“, sagt Jochen Kühling, „aber Muhabbets Karriere nahm irgendwann politische Dimensionen an, die für unser kleines Label schwer zu händeln waren.“ Muhabbet hat mittlerweile das Label gewechselt, doch Plak setzt nach wie vor auf Künstler, die deutsche Sprache und türkische Musik kreativ miteinander verbinden.

Da wäre etwa die aus Hannover stammende alevitische Sängerin Ayda, die bereits als junges Mädchen eine professionelle Gesangsausbildung genoss, gefolgt von Unterricht in Live- und Bühnenperformance wie auch im Musical-Bereich. Ayda hat schon Auftritte mit deutschen Stars wie Udo Lindenberg und Xavier Naidoo absolviert und arbeitet gerade an ihrem ersten eigenen Album, das demnächst bei Plak Ton erscheinen soll. „Sie findet einen ganz eigenen Weg, mit der deutschen Sprache umzugehen“, sagt Murat Suner, der sich ihre Aufnahmen erst vor kurzem im Studio angehört hat. Suner, Kühling und Yüksel sind sich einig, dass gerade der melodiöse Umgang mit Sprache die deutsch-türkische Musik besonders reizvoll macht. „Generell wird im Türkischen oft unverkrampfter über Gefühle gesungen“, sagt Jochen Kühling. „Wo ein Deutscher vielleicht einfach nur ‚Ich liebe dich‘ sagt, beherrscht ein Türke eine ganze Litanei von Worten, um seine Gefühle auszudrücken.“ Ünal Yüksel ergänzt: „Es kann aber auch bereichernd sein, wenn jemand sozusagen versucht, seine türkische Gefühlswelt auf Deutsch auszudrücken.“ Yüksel verweist auf den 20-jährigen Berliner Sänger Sefer Tatlicioglu alias Sefo, eine weitere Nachwuchshoffnung von Plak Ton. Wie Ayda bringt auch Sefo demnächst sein erstes Soloalbum heraus und mit „Grüne Augen“ hat er bereits einen ersten Internet-Hit landen können. Kleine Textprobe: „Du bist meine Frau / Das, was ich brauch / Mein ein und alles / Ich will bei Dir bleiben / Und Dir sagen: Ich liebe Dich!“

Bereits Ende 2008 wurde Sefo vom Goethe-Institut nach Izmir eingeladen, um bei der Eröffnung einer Schule aufzutreten. „Die Kids haben meine Lieder mitgesungen; da habe ich das erste Mal gemerkt, dass ich mit deutscher Sprache auch in der Türkei erfolgreich sein kann“, erinnert er sich. Auf Einladung des Goethe-Instituts und der Ernst-Reuter-Initiative besuchte Sefo 2009 erneut türkische Schulen, in denen Deutsch als Fremdsprache unterrichtet wird. Im Rahmen der Partnerschul-Initiative (PASCH) des Auswärtigen Amts, die weltweit Interesse für das moderne Deutschland und seine Sprache wecken will, gab er auf den Schulhöfen Konzerte und leitete zusammen mit Ünal Yüksel R’nBesk-Workshops. „Wir verstehen uns auch als Botschafter der deutsch-türkischen Kultur“, sagt Ünal Yüksel, der erst im Sommer wieder in der Türkei war und in Istanbul den PASCH-Schülerbandwettbewerb am Kabatas Erkek Lisesi begleitete. Unter seiner Anleitung nahmen die Bands neue, deutschsprachige Songs auf und stellten sich auch dem Publikum. „Zuvor haben wir ganz unterschiedliche deutsche Songs gehört, etwa vom Soulmusiker Xavier Naidoo oder von der österreichischen Rocksängerin Christina Stürmer. Die Kids merken so auch, dass Deutsch cool sein kann.“

Zu einem Höhepunkt des deutsch-türkischen Kulturaustauschs kam es 2010 ebenfalls dank der Unterstützung von Plak Ton. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahrs der Region Ruhr und der Metropole Istanbul, fanden in Duisburg und in der türkischen Weltstadt am 26. Juni zwei Konzerte vor tausenden von Zuschauern tatt. Während in Istanbul unter anderem die deutsche Pop-Formation Alphaville („Forever Young“) auftrat, war in Duisburg-Marxloh der türkische Star-Tenor Ferhat Göcer Headliner. Ebenfalls am Start: Sefo. Vorbild für den Event „Türkiyeah! – Ruhrgebiet trifft Istanbul“ war das von Plak im Sommer 2009 veranstaltete „1. R‘nBesk-Festival Türkiyeah“.

Knapp 15000 Musik-Fans kamen seinerzeit ans Görlitzer Ufer in Kreuzberg, um sich unter anderem die türkische Mädchengruppe Hepsi oder Lady R’nBesk Dilek aus London anzuhören. Auch auf der Bühne: die norddeutsche Crossover-Band Lee Jay Cop und der auf Türkisch rockende Berliner Arzt Ilker Aydin, beide bei Plak Ton unter Vertrag. Die bunte musikalische Mischung des auch für 2011 geplanten Festivals passt gut zu einem Label, das sich nicht in Nischen drängen lassen will. Auch wenn R‘nBesk eine stark prägende Stilrichtung für Plak Ton bleibt. Fragt man Manager Murat Suner, zeigen aber auch die R‘nBesk-Fans, dass Vielfalt für sie ganz normal ist: „Die meisten Fans sind zwischen zwölf und 24 Jahren alt, leben in urbanen Ballungsräumen und Metropolen, sind oftmals bikulturell geprägt, zweisprachig – und empfinden das als ganz selbstverständlich.“////

08.09.2010
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