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Medien

Korrespondent für die halbe Welt

Seit zehn Jahren berichtet Christoph Hein als Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus Asien. Ein Interview über sein Einzugsgebiet, seinen Arbeitsalltag und den Wandel in der Medienlandschaft in Deutschland und Asien.

Interview: Martin Orth

Herr Hein, Sie berichten seit genau zehn Jahren aus Asien. Wie groß ist Ihr Einzugsgebiet?

Das umfasst gut und gerne die halbe Welt: Mit China und Indien, Südostasien und Australien versuche ich nicht nur, den Ländern der Erde mit den höchsten Wachstumsraten gerecht zu werden, sondern berichte auch aus einer Region, in der die meisten Armen der Welt leben. Was nicht jeder weiß: In Asien leben auch die meisten Muslime der Erde. Damit bietet die Region einen unheimlichen Spannungsbogen: Rund drei Milliarden Menschen, Milliardäre und Slumbewohner, glitzernde Metropolen und Sweatshops, Spitzendesign und Naturkatastrophen. Die Herausforderungen der Welt im 21. Jahrhundert lassen sich in Asien wie durch ein Brennglas verfolgen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus? Wie häufig sind Sie unterwegs?

Am Ende jeden Jahres wundere ich mich beim Blick in den Kalender immer wieder: Es ist regelmäßig mehr als die Hälfte des Jahres. Für einen Wirtschaftskorrespondenten liegt der Schwerpunkt der Berichterstattung derzeit natürlich in China, aber Indien wird von Woche zu Woche wichtiger. Gleichwohl versuche ich, auch mal in Länder wie Laos, die Mongolei, Timor Leste oder auch Tibet zu kommen – damit können wir unseren Leser eben Geschichten bieten, die sie in anderen Medien nicht finden. Und darin liegt ja der Sinn einer solchen Korrespondentenstelle, die natürlich für einen Verlag einen erheblichen finanziellen Aufwand darstellt.

Was hat sich durch neue Medien in den vergangenen zehn Jahren bei Ihrer Arbeit geändert?

Sie sind Fluch und Segen. Einerseits bieten sie natürlich eine zusätzliche Informationsquelle, die es zu nutzen gilt. Andererseits muss man aufpassen, ihnen nicht zu sehr zu trauen. Für meine Arbeit nutze ich die Zeitverschiebung, um nach einem Tag der Recherche abends im Hotel aktuell zu schreiben. Die Informationen, die wir über das Netz bekommen, haben dabei ja auch unsere Kollegen in Frankfurt auf dem Bildschirm. Umso wichtiger wird es für den Korrespondenten, sie zu sichten und zu bewerten – für den Leser Spreu von Weizen zu trennen, ihm einen Weg durch die Nachrichtenflut zu bahnen. Dazu aber braucht es die Erfahrung vor Ort.

Sie berichten exklusiv für eine hoch angesehene deutsche Tageszeitung. Allerdings heißt es immer wieder, dass die Bedeutung von Tageszeitungen in der modernen Medienwelt sinke. Wie sehen Sie die Zukunft der Tageszeitung, die Tageszeitung der Zukunft?

Gute Zeitungen besitzen einen Trumpf: Sie haben Fachleute, die Nachrichten und Berichte recherchieren, auswählen, bewerten. Damit verfügen sie über hochwertigen Inhalt. Den gilt es, den Lesern in derjenigen Form anzubieten, die diese nachfragen. Schon in den vergangenen Jahren haben wir gemerkt, wie Konkurrenz für die Zeitung heranwächst. Ich glaube nicht, dass sie ausstirbt. Aber sie muss sich noch genauer auf ihre Zielgruppe einstellen. Wir Zeitungsleute müssen uns selbst in unserem Handeln immer wieder hinterfragen. Zugleich müssen die produzierten Inhalte dann auf weiteren Vertriebskanälen angeboten werden. Damit allerdings Geld zu verdienen, ist bislang niemandem gelungen. Insofern leben wir sicherlich auch in Zeiten eines Umbruchs. Erst in fünf, vielleicht zehn Jahren werden wir wissen, auf welche Weise die Inhalte der Zeitung noch dargeboten werden müssen, so dass es für Leser befriedigend, für Verlage auskömmlich ist.

Und welchen Stellenwert haben Tageszeitungen in asiatischen Ländern – auch gegenüber anderen Medien?

Das lässt sich kaum pauschal beantworten. In meinem Beritt liegen Länder, wo Zensur herrscht wie in Burma (Myanmar) oder China. Dann gibt es Länder wie Singapur, wo der Staat sehr deutlich auf die Verbreitung von Inhalten achtet. Und wieder andere, wie Indien, wo dem gedruckten Wort seit jeher Gewicht zukommt, wo keine Woche vergeht, ohne dass neue Zeitungen und Magazine auf den Markt kommen. Bei alledem haben die Asiaten der jungen Mittelschicht natürlich eine hohe Affinität zu den neuen elektronischen Medien, schon Schulkinder sitzen stundenlang vor dem Internet, twittern, bedienen ihre Netzwerke. Ohne Zweifel aber leisten Zeitungen etwa in Thailand, Indien und Indonesien einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung. Die „Bangkok Post“, die „Nation“ in Thailand, die „Jakarta Post“ in Indonesien sind Beispiele für einen freien, recherchefreudigen Journalismus. Andererseits wird ein Traditionsmagazin wie der „Far Eastern Economic Review“, seit 60 Jahren meinungsbildend für alle, die an Asien interessiert sind, zum Jahresende eingestellt werden. Auch in Asien also kommt es darauf an, sich an die Lesegewohnheiten schneller als bislang anzupassen.

Was waren Ihre spannendsten Themen der vergangenen Jahre?

Über einen längeren Horizont betrachtet ist es ganz sicher der Aufstieg von China und Indien, der Vergleich der unterschiedlichen Systeme. Dazwischen gibt es natürlich jede Menge Höhepunkte, die schon der Terminkalender in diesem riesigen Berichtsgebiet mit sich bringt: Dazu zählen die Interviews mit Staatsführern oder Milliardären, mehr noch die Recherchen in entlegenen Regionen, die sehr aufwendig sein können. Und, so zynisch es klingt: Mit den Augen des Berichterstatters betrachtet, zählten der Tsunami oder das Erdbeben auf Sumatra im vergangenen Oktober natürlich zu den großen Herausforderungen. Bei solchen Katastrophen müssen sie innerhalb weniger Stunden perfekt funktionieren, in erster Linie zunächst die Logistik in den Griff bekommen. Die Trauer kommt dann später.

Sie berichten von Singapur aus. Welche Vorteile bietet der Stadtstaat gegenüber anderen Standorten in der Region?

Singapur leidet immer noch unter seinem selbstverschuldeten, falschen Image. Wenn Sie heute jemanden in Europa nach dem Stadtstaat fragen, wird er als erstes über das Kaugummiverbot herziehen. Das ist in dieser Form aber längst abgeschafft. So wie sich Singapur überhaupt innerhalb von zehn Jahren weitgehend verändert hat. Heute ist Singapur eine moderne Metropole, in der es sich sehr gut leben lässt. Für mich ist entscheidend, dass hier alles sehr schnell und reibungslos funktioniert. Vor allem aber definiert sich Singapur als Scharnier zwischen Ostasien und Südasien. Das heißt, dass Sie in Singapur aus beiden Regionen viel mitbekommen. Sitzen Sie in Shanghai, richtet sich Ihr Blick auf China. Sitzen Sie in Mumbai, geht viel Zeit für die Organisation des täglichen Lebens verloren. Es gibt keine andere Stadt in Asien, die demjenigen, der die gesamte östliche Halbkugel im Blick haben will, diese Möglichkeiten bietet,

21.10.2009
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