Herr Thamm, mit dem USable-Wettbewerb unterstüten Sie Menschen dabei, Ideen und Projekte aus den USA und Kanada in ihrer Nachbarschaft, Stadt, Region oder bundesweit zu realisieren. Was macht die nordamerikanischen Länder zu Ideengebern für die deutsche Zivilgesellschaft?
Die zivilgesellschaftliche Philosophie in Nordamerika, nach der jeder Bürger für sich und sein Umfeld eine direkte Verantwortung fühlt, danach handelt und dabei auch vom Staat unterstütz wird.
Welche Art von Projekten setzen Sie um?
USable-Ausschreibungen gibt es seit zehn Jahren in einem zweijährigen Rhythmus. Und jeder Wettbewerb hat ein Thema, zuletzt hieß es „Empowerment. Menschen stärken“. Die Projekte spiegeln alle Lebensbereiche wider – von der Kinderbetreuung über berufliche Förderung bis zur Seniorenhilfe. Der nächste Wettbewerb 2009/2010 widmet sich der Generation 50 plus. Denn allein in den USA werden in den nächsten Jahren 77 Millionen Menschen in Rente gehen. Das sind Rentner der neuen Generation, die sich neu in das gesellschaftliche Leben einbringen wollen und auch einbringen müssen. Deutschland ist durch den demographischen Wandel in einer ähnlichen Situation. Darum wollen wir herausfinden: Wie engagiert sich die Generation 50 plus in Nordamerika und was können wir davon übernehmen?
Werden die Projekte aus Nordamerika in Deutschland eins zu eins übernommen?
Die jeweilige Philosophie wollen wir möglichst übernehmen, aber die Rahmenbedingungen werden den Umständen in Deutschland angepasst. Ein Beispiel: Wir arbeiten mit der Lehrerin Gesine Liese aus Hamburg zusammen, die lange in den USA gelebt hat. Dort hat sie erlebt, wie früh Kinder an Universitäten herangeführt werden, um Sie für ein Studium zu begeistern. Ein Projekt mit diesem Ziel setzt die Wissenschaftlerin nun in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Hamburg-Harburg um. Aber natürlich gibt es in Deutschland eine andere Hochschul-Bürokratie als in den USA. Das gilt auch für den Umgang mit Wohlfahrtsverbänden oder staatlichen Stellen. Eins zu eins können die Projekte also meist nicht umgesetzt werden. Das Wichtige ist, die Idee rüberzubringen: der Staat muss die Kompetenzen seiner Bürger nutzen.
Welche Unterschiede zwischen den nordamerikanischen und der deutschen Zivilgesellschaft gibt es?
Die Zivilgesellschaft in Nordamerika ist viel staatsferner als die deutsche. Das hat mit der Geschichte des Landes zu tun. Die USA sind ja von Menschen gegründet worden, die in anderen Ländern häufig staatlich gegängelt wurden. Darum hat sich von Anfang an die Haltung entwickelt: „Was ich ohne den Staat tun kann, mache ich auch ohne den Staat“. In Deutschland gibt es dagegen ein viel größeres Vertrauen in staatliche Regelungen. Nun beobachten wir eine sehr interessante Entwicklung: Beide Staaten gleichen sich einander an. US-Präsident Obama blickt in Fragen der Sozialpolitik und der Krankenversicherung nach Europa und Deutschland, während vielen Deutschen wiederum immer klarer wird, dass sie mehr selbst in die Hand nehmen müssen. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Menschen auf beiden Kontinenten durch die modernen Kommunikationsmittel viel mehr voneinander mitbekommen. Der Kontakt miteinander ist nicht mehr länger nur außenpolitisch. Gleichzeitig zeigt die internationale Wirtschaftskrise, wie sich Probleme in verschiedenen Ländern ziemlich ähnlich auswirken.
Liegen die Unterschiede nicht auch darin begründet, dass Deutschland über einen umfassenden Sozialstaat verfügt?
Ja, das ist sicher der Hauptgrund. Aber mit unserem Wettbewerb geht es nicht darum, den Sozialstaat zu kürzen, sondern die Eigeninitiative zu fördern. In Deutschland werden viele zivilgesellschaftliche Organisationen auch vom Staat unterstützt. Das ist natürlich begrüßenswert – nimmt aber gleichzeitig Spontaneität aus dem bürgerschaftlichen Engagement heraus.
Besteht nicht die Gefahr, dass solche Projekte und innovative Ideen zu sehr von der Aktivität ihrer Gründer abhängig bleiben und bei deren Rückzug schnell erlöschen?
Ja, darum wollen wir mit der nächsten Ausschreibung einen neuen Weg beschreiten. Das Know-how der Gründer soll weitergegeben werden. Da geht es um Management- und Fundraising-Fragen. USable wird künftig Fortbildungen geben, um dies zu gewährleisten.
Ihre Stiftung fördert den Wettbewerb als deutsch-amerikanisches Modell. Gibt es denn auch deutsche Initiativen, von denen die amerikanische Zivilgesellschaft profitieren kann?
Wir versuchen das zu befördern und suchen dafür Partner auf amerikanischer Seite. Aber so ein Netzwerk aufzubauen, braucht Zeit. Wer aber in den USA oder in Kanada lebt, und in Deutschland ein Projekt umsetzen möchte, den laden wir herzlich ein. Unsere Türen stehen offen.
Gab es auch USable-Projekte, die auf beiden Kontinenten umgesetzt wurden?
Es gab eine Initiative mit New Yorker und Hamburger Erziehern, Ausbildern und Sozialarbeitern, die sich getroffen haben, um ihre Erfahrungen rund um die Integration von Migranten auszutauschen. Dieses Projekt war von Anfang an auf zwei Jahre angelegt. Insgesamt gab es vier Treffen – zwei in New York, zwei in Hamburg. Entstanden ist ein Netzwerk, das heute noch existiert und sich austauscht. Und beide Seiten profitieren davon.
Interview: Rainer Stumpf














