„Optimale Bedingungen“
Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft
Herr Professor Mlynek, was zeichnet den Forschungsstandort Deutschland aus?
Es sind vor allem zwei Dinge. Die gut ausgebildeten Menschen und die Infrastruktur. Deutsche Postdoktoranden werden international sehr geschätzt – ihr tolles Potenzial beflügelt den Forschungsstandort Deutschland. Außerdem haben wir eine Infrastruktur, die das Leben sehr erleichtert, und modernste Technologieplattformen sowie Großgeräte für die Spitzenforschung.
Hat Deutschland etwas zu bieten, was andere Länder vielleicht nicht haben?
Eine gesunde Mischung aus Kontinuität und dem Willen zu Erneuerung. Ein Beispiel? In Hamburg wird ein weltweit einzigartiger Röntgenlaser gebaut. Dazu bedarf es einer immensen Vorlaufzeit und einer Nutzung bis zu 25 Jahren. Solche Projekte, die neues Denken und langfristiges Planen voraussetzen, lassen sich am besten in Deutschland verwirklichen.
Und umgekehrt: In welchem Bereich muss sich noch etwas verbessern?
Wir haben ein klares Defizit bei den Rahmenbedingungen. Leider werden wissenschaftliche Einrichtungen noch immer wie nachgelagerte Behörden behandelt. Wir brauchen mehr Autonomie, weniger Bürokratie und mehr Freiräume – vor allem, um unternehmerisch handeln zu können. Deutschland hat sich laut dem Abkommen von Lissabon verpflichtet, bis 2010 die Bildungsausgaben auf 3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen. Jetzt liegen wir bei rund 2,5 bis 2,6 Prozent. Dort müssen wir also deutlich zulegen.
Es heißt manchmal, dass es in Deutschland nicht an Spitzenforschung mangelt, aber daran, sie auch in Anwendungen umzusetzen. Wie lässt sich das ändern?
Das ist ein schwieriges Thema. Sicher müssen wir uns stärker fragen: Lohnt es sich, eine Entdeckung im Labor auch geistig schützen zu lassen? Und wir müssen junge Leute mehr ermutigen, neben einer Tätigkeit bei einem Großunternehmen auch die eigene Selbstständigkeit als Alternative zu sehen. Weg von der Stigmatisierung von Fehlern, hin zum Mut zum Risiko.
In der globalisierten Welt ist die Internationalisierung eines Forschungsstandorts ein wichtiges Thema – wie weit ist Deutschland in dieser Beziehung?
Deutschland ist sehr international aufgestellt. Doch wir stellen unser Licht gerne unter den Scheffel. Allein bei der Helmholtz-Gemeinschaft forschen jedes Jahr rund 4000 bis 5000 Gastwissenschaftler aus aller Welt. Sie kommen hierher, weil sie hier optimale Bedingungen finden. Weniger Hürden bei der Einwanderungspolitik täten hier gut – gerade für das Werben um den Nachwuchs aus den ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen.
Sie haben in Deutschland und Paris studiert, in den USA und der Schweiz geforscht und sind seit 1990 wieder in Deutschland tätig. Was hat Sie zurückgeführt?
Wer eine gute Idee hat, kann sie in Deutschland umsetzen. Diese Gewissheit hatte ich damals und bin überzeugt, dass dies auch heute noch zutrifft. Außerdem ist Deutschland mein Heimatland, Deutsch meine Muttersprache und meine Kultur.
„Es gibt hier eine starke wissenschaftliche Basis“
Prof. Dr. David B. Audretsch, USA, Direktor am MPI für Ökonomik
Sie sind seit 2003 Direktor am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena. Was hat Sie als US-Amerikaner bewogen, in Deutschland zu forschen?
Ich habe während der 80er- und 90er-Jahre im Westen Berlins gelebt. Damals, während des Mauerfalls und kurz danach, gab es Entwicklungen in der Wirtschaftspolitik, die ich faszinierend fand. Auch heute ist es spannend, wenn es zum Beispiel darum geht, wie Deutschland auf die Globalisierung reagiert. Das interessiert mich nicht nur als Forscher. Ich wohne in Weimar und bin gern im Osten. Die Menschen sind sehr sympathisch, ich mag die Kultur und die Natur.
Was zeichnet den Forschungsstandort Deutschland Ihrer Meinung nach aus?
Ich denke, es ist die langfristige Perspektive, mit der hier geforscht und gearbeitet wird. In Deutschland nimmt man Wissenschaft ernst und hat auch tiefe Wurzeln und Traditionen. Außerdem ist die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses sehr gründlich und kompetent. So gibt es hier eine starke wissenschaftliche Basis.
Was sollte verbessert werden?
Die Flexibilität. Das ist eine Frage der Organisation. Mit mehr Freiheit könnte jeder seine Stärken – ob in Forschung oder Lehre – besser einsetzen. Ich wünsche mir und sehe das schon fast als einen Welttrend, dass die Forscher weniger Beamte, sondern mehr kreative und produktive Schöpfer werden.
Hat Deutschland etwas, was kein anderes Land hat?
Das sind die Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Institute und die Helmholtz-Gemeinschaft. Darum ist Deutschland zu beneiden. Und es sichert Deutschland international einen wissenschaftlichen Wettbewerbsvorteil.
„Ich arbeite mit den weltweit Besten zusammen“
Prof. Dr. Ignacio Cirac, Spanien, Direktor am MPI für Quantenoptik
Professor Cirac, Sie sind mit dem renommierten Prinz-von-Asturien-Preis ausgezeichnet worden und arbeiten seit 2001 als Direktor am Max-Planck-Institut für Quantenoptik bei München. Warum haben Sie sich für Deutschland entschieden?
Am Max-Planck-Institut kann ich mich ganz auf meine Forschung konzentrieren, ohne mir über die Finanzierung Sorgen machen zu müssen. Im Gegenteil: Die Finanzierung ist gut und solide. Außerdem arbeite ich mit den weltweit besten Forschern auf diesem Gebiet zusammen. Sie sind meine Kollegen und sitzen fast nebenan.
Was zeichnet den Forschungsstandort Deutschland besonders aus?
In Deutschland gibt es eine Forschungstradition, die ich auch in der Gesellschaft spüre. In fast jeder Zeitschrift steht etwas über Technik oder Forschung. Museen beschäftigen sich mit wissenschaftlichen Themen. Zum anderen erfährt man als Forscher große Unterstützung und es gibt die Exzellenzinitiative, Einladungen der DFG zum Networking oder Humboldt-Fellowships. Außerdem gibt es zahlreiche Möglichkeiten zur Finanzierung, so dass man seine Ideen hier gut umsetzen kann. Für Bayern kann ich das jedenfalls so bestätigen.
Was sollte verbessert werden?
Junge Wissenschaftler werden oft erst spät selbstständig. Die Junior-Professur halte ich daher für einen guten Schritt – hin zu mehr Eigenständigkeit.
Was bieten andere Länder nicht?
In Deutschland haben promovierte Absolventen häufig eine bessere Chance, bei großen Unternehmen angestellt zu werden, als ihre europäischen Kollegen in Spanien oder Italien. Ich würde jedem Absolventen empfehlen, ins Ausland zu gehen und den eigenen Horizont zu erweitern.
„Man muss genau hinsehen, was Rankings messen“
Dr. Sonja Berghoff, Projektleiterin am Centrum für Hochschulentwicklung (CHE)
In internationalen Rankings kommen deutsche Hochschulen nicht auf die besten Plätze. Wieso?
Man muss genau hinsehen, was die Rankings messen. Einen Grund sehe ich darin, dass Naturwissenschaften durch die Erhebungsmethodik bevorzugt werden. Deutsche Universitäten sind aber bei den Fächern traditionell sehr breit aufgestellt. Für das Schanghai-Ranking wurde die Anzahl der Publikationen in internationalen Zeitschriften ermittelt. Deutsche Publikationen erreichen deshalb keine hohen Werte. Ein weiterer Grund ist, dass nur die universitäre Forschung bewertet wird. Die in Deutschland starken Leistungen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen werden nicht berücksichtigt.
Ende 2007 hat das CHE ein erstes Ranking der 4000 Universitäten in Europa veröffentlicht. Wie schneiden die deutschen Hochschulen ab, was wurde gemessen?
Die deutschen Hochschulen schneiden hier sehr gut ab, sie müssen den internationalen Vergleich nicht scheuen. Wir sind erst am Anfang und betrachten es nicht nur als Ranking, sondern auch als Information für Universitäten und Studierende. Sie können hier sehen, wer wo auf welchem Gebiet in Europa forscht. Wir haben uns zunächst auf Naturwissenschaften konzentriert und dazu die Publikationen analysiert, viel zitierte Forscher gesucht und das Engagement in europäischen Netzwerken bewertet. Wir werden jetzt versuchen, das Ranking auf weitere Fächer auszudehnen.
Sie haben mit dem CHE-Hochschulranking auch die deutschen Hochschulen bewertet. Wer schneidet am besten ab?
Einzelne kann ich leider nicht nennen. Nur so viel: Wir haben eine hohe Korrelation zwischen unserem Ranking, der Exzellenzinitiative und dem DFG-Förderranking festgestellt. Spitze sind meist dieselben. Mehr unter: www.che-ranking.de
„Freiheit in der Forschung sorgt für Innovation“
Dr. Kazuaki Tarumi, Japan, Abteilungsleiter bei Merck KGaA
Sie sind Abteilungsleiter in der Flüssigkristallforschung bei Merck und Träger des Deutschen Zukunftspreises. Weshalb haben Sie sich für Deutschland entschieden?
Als ich als DAAD-Stipendiat nach Deutschland kam, war unter anderem ausschlaggebend, dass Deutschland bei der theoretischen Physik in der Chaosforschung führend war. Zudem ist es in Deutschland einfacher als in Japan, nach längerer Zeit der Grundlagenforschung von der Universität zu einem Unternehmen wechseln zu können.
Was zeichnet den Forschungsstandort Deutschland Ihrer Meinung nach aus?
Was mir gefällt, ist, dass man die Forschungsgegenstände grundsätzlich verstehen will und dann viele Prinzipien diskutiert. Nur mit einer solchen Freiheit in der Grundlagenforschung kommt man zu wirklichen Innovationen. Wissenschaftler müssen sich hier nicht darauf beschränken, bestehende Forschungsergebnisse zu modifizieren.
Was sollte noch verbessert werden?
Es hapert manchmal an der Umsetzung: Die Forschungsergebnisse müssen irgendwann implementiert und als Produkt in die Welt geschickt werden. Dazu muss man sich – bei aller erwünschten Diskussion – auch auf ein Ergebnis einigen und dies dann gemeinsam vorantreiben.
Was finden Sie für die berufliche Laufbahn in Deutschland besonders spannend?
Die Bereitschaft der Industrie, auch „Fachidioten“ von der Universität – wie ich einer bin – einzustellen, finde ich gut. In Japan muss man meist direkt nach dem Studium bei einem Unternehmen anfangen, wenn man Karriere machen will. In Deutschland werden Fachleute und ihre Ergebnisse akzeptiert, egal wo der Einzelne in seiner Karriere gerade steht.
„Die Exzellenzinitiative hat mein Interesse geweckt“
Antonio Pelegrina, Spanien, Erasmus-Student an der LMU München
Herr Pelegrina, Sie haben sich für ein Erasmus-Studium im Ausland entschieden. Welche Gründe sprachen für Deutschland?
Ich wollte eine neue Sprache lernen, die ich bisher nicht kannte und die mich weiterbringt. Außerdem wollte ich an eine Universität, die einen guten Ruf hat.
Was wussten Sie vorher über Deutschland als Studien- und Forschungsland?
Deutschland war für mich Neuland. Aber ich hatte von der Exzellenzinitiative gehört, mit der Deutschland seit 2006 Hochschulen finanziell zusätzlich fördert und einige Hochschulen als deutsche Spitzenuniversitäten besonders unterstützt. Das hat mein Interesse für ein Studium in Deutschland geweckt.
Und was hat den Ausschlag gegeben, an die Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zu gehen?
Die LMU ist eine der neun deutschen Spitzenuniversitäten. Sie ist bekannt und international sehr angesehen – auch in meinem Studienfach Physik. Meine Professoren in Spanien haben mir von den guten Studienbedingungen erzählt und zu dem Auslandsstudium an der LMU geraten. Außerdem ist München eine schöne Stadt, sehr international und mit einem großen Kultur- und Freizeitangebot.
Gab es etwas, was Sie an Ihrer deutschen Universität besonders überrascht hat?
Referate, wie sie Studenten an deutschen Universitäten normalerweise in Seminaren halten, kenne ich aus Spanien nicht. Vor den anderen Studenten und dem Professor einen Vortrag zu halten, das war für mich neu. Aber diese Präsentationen sind gleichzeitig eine sehr lehrreiche Erfahrung, die sicherlich auch für mein späteres Berufsleben wichtig ist.














