Allzu leicht ist Jürgen Reinhold nicht zu beeindrucken. Dafür ist er in seinem Beruf ein zu erfahrener Experte. Als Bauphysiker der Firma Müller-BBM hat er bereits an zahlreichen Restaurierungen mitgewirkt und insbesondere in Italien für herausragende Opernhäuser eine neue Akustik entworfen. Auch das weltberühmte, 2003 nach einem Brand neu errichtete Teatro La Fenice in Venedig verdankt seinen neuen Klang Reinholds Expertise. Aber in Moskau wurde der Fachmann noch etwas intensiver gefordert: „Die Arbeit an der Akustik für das restaurierte Bolschoi-Theater war meine bisher komplexeste Aufgabe.“
Als Jürgen Reinhold 2005 mit seiner Arbeit am Bolschoi begann, fielen ihm gleich mehrere akustische Schwachstellen auf. Etwa die zu Sowjetzeiten eingezogene, massive Betonbodenplatte unter der Parkettzone. „Wer eine gute Akustik haben will, sollte so etwas vermeiden“, betont er. Anstatt des hinderlichen Betons sorgt nun eine reine Holzkonstruktion, die durch den Klang des Orchesters mitschwingt, für ungestörten Hörgenuss. Zudem wurde der Orchestergraben vergrößert und das Parkett geneigt. „Das war uns besonders wichtig, da die Bühne mit einer Höhe von 65 Zentimetern sehr niedrig war.“ Das bedeutete gerade für das Publikum in den hinteren Reihen eine schlechtere Sicht und einen schlechteren Klang. Vom gesenkten Parkett hebt sich die Bühne nun um rund 1,10 Meter ab. Mit bedeutenden Folgen für den Schall. „Er kann sich nun viel leichter ausbreiten.“
Für das optimale Klangerlebnis waren noch zahlreiche weitere Maßnahmen nötig. Präzise Luftbohrungen durch die Holzschichten des Fußbodens zum Beispiel. „Frische Luft soll schließlich lautlos in das Bolschoi einströmen und die Akustik nicht beeinträchtigen“, hebt Jürgen Reinhold hervor. In den Labors der Müller-BBM-Firmenzentrale im bayerischen Planegg wurden zudem die Schalleigenschaften von Baumaterialien, aber auch von Vorhängen und Stühlen überprüft und entsprechende Verbesserungen vorgenommen. Das Ergebnis überzeugt. Nicht zuletzt Alexander Schanin, Orchesterintendant des Bolschoi: „Alle waren skeptisch, wie der Saal nach der Rekonstruktion klingen würde. Aber als das Orchester das erste Mal nach dieser langen Zeit zu spielen begann, war der Klang brillant, klar und präzise.“
Den Erfolg des neuen Bolschoi sieht Jürgen Reinhold auch in der guten Zusammenarbeit mit den russischen Restauratoren begründet. „Unsere Vorschläge wurden mit einer Akribie umgesetzt, die ich in meiner bisherigen Arbeit so noch nicht kennen lernen durfte.“ Eine gute Zusammenarbeit war ebenso für die Ausstattung des Bolschoi mit hochmoderner Audio- und Videotechnik und einer passenden Elektroakustik wichtig. Deren Planung übernahm ebenfalls Müller-BBM, was unter anderem zum klaren Klang von Durchsagen und dem reibungslosen Ablauf von Videoprojektionen führt.
Müller-BBM war allerdings nicht die einzige deutsche Firma, die an der Restaurierung des Bolschoi mitwirkte. Die Kunkel Consulting International GmbH aus dem hessischen Bürstadt plante die komplette Bühnentechnik. Für deren praktische Umsetzung war als Generalunternehmer die Bosch Rexroth AG zuständig, die mehr als 600 elektrische und hydraulische Antriebe installierte.
Bei soviel technischem Know-how aus Deutschland passt es, dass aktuell auch auf tänzerischer Ebene eine deutsch-russische Zusammenarbeit denkbar erscheint: Rund um die Wiedereröffnung des Bolschoi wurde bekannt, dass Wladimir Malachow, aus der Ukraine stammender Intendant des Berliner Staatsballetts, an einer Kooperation mit der legendären Moskauer Bühne arbeitet.///














