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Musik

Klänge ohne Grenzen

Im Orchester muss einer auf den anderen hören: Gibt es eine bessere Schule für den Dialog? Dirigent Daniel Barenboim hat mit dem „West-Eastern Divan Orchestra“ einen der ungewöhnlichsten Klangkörper der Welt geschaffen.

Von Karen Naundorf

Der Junge, der 1950 in Buenos Aires sein erstes Konzert gibt, ist sieben Jahre alt, trägt kurze Hosen und spielt Rachmaninoff auf dem Klavier. Das Publikum ist begeistert: Ein musikalisches Wunderkind! 60 Jahre später ist Daniel Barenboim berühmt. Als Pianist. Als Dirigent. Als jemand, der sich für die Versöhnung im Nahostkonflikt einsetzt. Sein vielleicht bekanntestes Projekt: Das West-Eastern-Divan Orchester, das in Weimar im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt 1999 gegründet wurde und das seinen Namen in Anlehnung an Johann Wolfgang von Goethes berühmte, von dem persischen Dichter Hafez inspirierte Gedichtsammlung trägt. Das Ungewöhnliche: Hier spielen junge Musiker aus den arabischen Ländern und Israel gemeinsam. Barenboim, seit 1992 Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, sagt: „Dieses Orchester ist das Wichtigste, was ich in meinem Leben gemacht habe.“

Einmal im Jahr kommen die 80 Mitglieder des West-Eastern Divan Orchestra zu einem mehrwöchigen Workshop zusammen und gehen anschließend gemeinsam auf Tournee. Dieses Jahr nach Südarmerika: Als Barenboim im August 2010 aus Anlass seines Bühnenjubiläums nach Buneos Aires reist und auf einer Freiluftbühne, montiert auf der 9 de Julio, der breitesten Straße der Welt, das West-Eastern-Divan Orchester dirigiert, kommen mehr als 40.000 Menschen. Sie stehen Spalier, als die Musiker nach dem Konzert von der Bühne treten. Hören nur auf zu applaudieren, wenn sie um ein Autogramm bitten.

Buenos Aires ist die letzte Station der Südamerikatournee, auf der Barenboim und sein Orchester alle Beethoven-Sinfonien spielen und der Welt zeigen wollen: Versöhnung ist möglich. Araber und Israelis können zusammen Musik machen, durch die Welt reisen, Hotelzimmer teilen, Freunde werden. Einer der Musiker warf als Kind Steine auf israelische Panzer, bis er eine Bratsche in die Hand bekam. Heute spielt er beim Divan-Orchester gemeinsam mit Israelis. Der Maestro, der einen israelischen, spanischen und argentinischen Pass und die – symbolische – palästinensische Staatsangehörigkeit hat, holte ihn ins Ensemble. „In Argentinien gewöhnte ich mich daran, dass es kein Problem ist, verschiedene Identitäten zu haben: Jude, Muslim, Palästinenser. Und man kann trotz aller Unterschiede etwas gemeinsam haben: Argentinier zu sein. Das ist eine Lektion, die der Rest der Welt noch lernen muss“, sagte Barenboim kurz nach seiner Ankunft in Buenos Aires.

Bei den Proben zu Beethovens Neunter im pompösen Teatro Colón, einem der Konzertsäle mit der besten Akustik weltweit, tragen die Musiker Jeans, T-Shirts, Kapuzenpullis, karierte Hemden, Turnschuhe, Sandalen. Wer aus welchem Land kommt, ist nicht zu erkennen. Barenboim steht am Pult, der Dirigentenstab wird zur filigranen Verlängerung seines Armes, der die Musik in die Luft schreibt. Mal zeichnet er zart Kreise, dann wieder hüpft der Taktstock fröhlich, plötzlich stößt er zu, schnell und spitz. Wenn ihm etwas nicht gefällt, stampft der Maestro mit dem Fuß auf den Boden. Spricht auf Deutsch, Englisch, Spanisch, je nachdem, an welchen Musiker er sich wendet. „Mehr Konzentration!“ ruft er. „Ich brauche eure Aufmerksamkeit zu 100 Prozent!“

Die Musiker haben sich auf einen gemeinsamen Nenner geeinigt: Sie glauben nicht an eine militärische Lösung des Konflikts im Nahen Osten. Und akzeptieren, dass die Schicksale von Israel und Palästina miteinander verwoben sind. Einer von ihnen ist der Trompeter Bassam Mussad, 25: Seine Eltern sind Ägypter, er wurde im Sudan geboren und wuchs in den USA auf. Inzwischen fühlt er sich als Vermittler: „Wenn ich mit Israelis spreche, erkläre ich die arabische Sicht, denn vielleicht kennen sie sich nicht. Wenn ich mit Arabern spreche, versuche, ich die israelischen Ansichten zu erklären.“ Sein Kollege Nabeel Abboud Ashkar, 31, ist arabischer Staatsangehöriger Israels. Mit sieben begann er, Geige zu spielen, mit 18 entschied er sich dafür Musik zu studieren, statt Ingenieur zu werden. Heute leitet er ein Konservatorium in Nazareth und unterrichtet Violine. Aus Überzeugung. „Zehn und fünf zusammenzuzählen ist viel einfacher, als eine Violine richtig in der Hand zu halten, zwischen beiden Händen zu koordinieren, zu hören, ob Tonhöhe und Rhythmus stimmen. Und dann auch noch mit anderen zusammen zu spielen, ihnen zuzuhören!“ Abboud Ashkar setzt sich für die Bildung der palästinensischen Kinder ein: „Wir dürfen nicht warten, bis alles besser wird und dann erst anfangen, die Leute zu bilden.“

Die Musiker des Divan-Orchesters verheimlichen nicht, dass es auch Streitpunkte gibt. Etwa die israelische Sperranlage. „Mit dem Orchester reißen wir alle Grenzen nieder. Es ist schwierig, nach den Konzerten zurück nach Hause zu fahren und zu wissen, dass es dort Grenzen gibt“, sagt die israelische Bratschistin Ayelet Kabilio. Nabeel Abboud Ashkar sagt: „Die Mauer hätte nie gebaut werden dürfen, sie ist unmenschlich, Dörfer wurden geteilt.“ Abboud Ashkar sitzt im Frühstücksraum des Hotels in Buenos Aires, in dem die Musiker untergebracht sind. Die Klimaanlage brummt, in der Küche klappern Teller. Wenn ein anderer Musiker vorbei läuft, winkt er freundlich. „Dieses Orchester ist ein Ort, an dem wir dem anderen in schwierigen Momenten nicht die Tür vor der Nase zuschlagen. Sondern einander zuhören. Darum geht es.“////

03.09.2010
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