Der Ball bleibt erst mal liegen. Ein „L“ fehlt. So viel Zeit muss sein. Bevor im Galluspark das Match beginnt, klettert Salvatore den Metallzaun hoch. Dennis reicht ihm die gelbe Pappe mit dem roten Buchstaben darauf nach oben. Ein paar Handgriffe später leuchtet der Schriftzug wieder komplett in der Abendsonne: „GALLUSPARK BOLZPLATZ“. Das „L“ ist wieder an der richtigen Stelle. Kaum steht Salvatore wieder auf dem Platz, geht das Spiel los. Seit Oktober 2007 kicken Salvatore, Dennis und fast 150 andere Jugendliche aus elf Nationen jeden Mittwoch und Sonntag zusammen auf dem Betonplatz im Frankfurter Stadtteil Gallus. Das traditionelle Arbeiterviertel, zwischen Hauptbahnhof und Messe gelegen, gilt in der Stadt als sozialer Brennpunkt. Hier hat jeder zweite der etwas mehr als 25000 Bewohner einen Migrationshintergrund. In den Schulen liegt der Ausländeranteil bei 80 Prozent. Eine Lehrstelle zu finden oder überhaupt einen Schulabschluss zu schaffen ist für viele Jugendliche aus dem Viertel nicht leicht. Auch an Freizeitangeboten bietet dieser Stadtteil im Vergleich zum Rest der Stadt nicht allzu viel. Umso wichtiger sind Orte wie der Bolzplatz.
Am Spielfeldrand steht der Mann, dem die Jugendlichen aus Italien, Kasachstan, Polen oder der Türkei das kleine Fußballfeld zu verdanken haben. Ahmet Söylemez, Sozialpädagoge von Beruf. Gemeinsam mit seiner Kollegin Helga Roos brachte er ins Rollen, was für die Jugendlichen zur Herzensangelegenheit geworden ist. Die beiden haben den Jungs gezeigt, wo sie Fördermittel und Genehmigungen für ihren Platz bekommen, Sponsoren und Mitspieler finden. „Der Fußball ist nur der Anfang. Wir wollten, dass die Jugendlichen selbst aktiv werden und auch die Pflege des Platzes übernehmen. Sie sollen gemeinsam für eine Sache einstehen“, sagt Söylemez. Der Betonplatz auf einem seit Jahren ungenutzten Gelände ist nur das jüngste von vielen Integrationsprojekten, die der 53-Jährige und Helga Roos rund um den Sport in Frankfurt am Main gestartet haben. Mit einer „Kids-WM der 32 Phantasieländer“, bei der auch schon die Bolzplatz-Kicker ihre ersten Tore schossen, fiel 2006 der Startschuss. Unter dem Dach des Sportkreises Frankfurt, zu dem die Turn- und Sportvereine in der Bankenstadt gehören, brachten Roos und ihr Mitstreiter fast 50 Migranten-, Fußball- und Kulturvereine an einen Tisch. Sie organisierten Trainingslager, interkulturelle Feste und entwarfen einen „Gallus-Kodex“, der für Fairplay, Toleranz und gegenseitigen Respekt wirbt. Jüngster Coup ist das Kooperationsprojekt „Gallus – 1:1 für Ausbildung“, mit dem die beiden Sozialpädagogen die sportlichen Jugendlichen bei der Lehrstellen- und Praktikasuche unterstützen. Allesamt mehrfach preisgekrönte Erfolgsgeschichten: 2006 zeichnete das Bündnis für Demokratie und Toleranz die Gallus-Initiative aus, 2007 ging der vom Deutschen Fußballbund (DFB) verliehene Integrationspreis nach Frankfurt. „Der Fußball ist wie geschaffen für Integration: Egal wo man herkommt, welche Sprache man spricht oder welcher Religion man angehört – auf dem Platz ziehen alle an einem Strang“, sagt Oliver Bierhoff, Ex-Nationalspieler, Manager der deutschen Nationalelf und Schirmherr des DFB-Integrationspreises.
Der Deutsche Fußballbund ist nicht der einzige Sportverband, der sich für Migranten stark macht: „Integration durch Sport“ heißt das Programm des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), an dem jährlich bis zu 500 Vereine teilnehmen. Klubs wie die Sportgemeinschaft Friedrich der Große in Herne, knapp 240 Kilometer nordwestlich von Frankfurt am Main. Die frühere Betriebssportgemeinschaft der Zeche Friedrich der Große ist mit Unterstützung des DOSB bereits seit 1995 bei der Integration von Frauen und Männern mit Migrationshintergrund aktiv. Bilinguale Übungsleiter, die der Verein immer wieder auf Lehrgänge wie „Der Islam“ oder „Sport interkulturell“ entsendet, sorgen für steigende Mitgliedszahlen. Über ein Drittel der Vereinssportlerinnen und -sportler kommt aus der Türkei, Nordafrika, Osteuropa oder den arabischen Ländern. Sie spielen nicht nur gemeinsam Volleyball, sondern besuchen Zoos oder gehen zusammen ins Kino.
Diplom-Sportwissenschaftlerin Simone Seefried, Referentin des DOSB-Projekts, weiß, warum gerade Sportvereine bei der Integrationsarbeit so erfolgreich sind: „Sport begeistert. Sport bringt Menschen verschiedener Nationalitäten zusammen, ohne dass Sprachbarrieren eine allzu große Rolle spielen. Darum ist Sport so eine große Chance für die Integration.“ Zurzeit steht bei „Integration durch Sport“ die Förderung von Migrantinnen im Mittelpunkt. Weniger als ein Prozent von ihnen, so Seefried, seien in Deutschland in einem Verein aktiv. Wie groß der Bedarf an speziellen Angeboten für Mädchen und Frauen ist, zeigt ein anderes vom DOSB unterstütztes Projekt in Heidelberg. Gleich fünf Sportvereine starteten in Kooperation mit einem internationalen Frauenzentrum, der Universität und mehreren muslimischen Gruppen im Oktober 2006 das Programm „Sport – Dialog – Integration“. Das bietet neben Sportstunden auch Nähkurse, Sprach- und Selbstbehauptungskurse. Der Erfolg ist überwältigend: Der Anteil der Migrantinnen liegt bei 80 Prozent.














