Es wurde angeregt diskutiert beim Hintergrundgespräch im Berliner Kanzleramt. Über das Leben türkischer Migranten in Deutschland, über die deutsch-türkischen Beziehungen. Doch eine Überraschung hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel bis zum Schluss zurück. Warum eigentlich, fragte die deutsche Regierungschefin in die Runde der 30 leitenden Redakteure aus der Türkei, sollte es nicht einen deutsch-türkischen Fernsehsender nach dem Vorbild des deutsch-französischen Kulturkanals „Arte“ geben? Das wäre doch ein interessantes Ziel für die Zukunft. Und dieses Treffen, schlug Merkel vor, solle künftig mindestens einmal im Jahr statt finden.
Osman Okkan, der mit am Kanzlerinnentisch saß, bringt Menschen ins Gespräch – in Deutschland wie in der Türkei. Der Filmemacher und Journalist ist Vorstandssprecher des „KulturForums TürkeiDeutschland“, eines Vereins, der sich die Förderung des interkulturellen Dialogs im europäischen Kontext zum Ziel gesetzt hat. Doch der Termin im Kanzleramt war auch für den erfahrenen Netzwerker Okkan ein ganz besonderer Moment. Und eine Bestätigung für ein Programm, das vom „KulturForum TürkeiDeutschland“ gemeinsam mit der Robert Bosch Stiftung seit 2005 angeboten wird: das „Journalistenprogramm zur Vertiefung der deutsch-türkischen Beziehungen“. Ein ambitioniertes Projekt, das deutschen und türkischen Journalisten aus Print-, Online- und elektronischen Medien eine bessere Kenntnis des jeweiligen Partnerlandes vermitteln soll. Das Programm soll Journalisten helfen, das jeweils andere Land besser zu verstehen, gerade wenn sie über schwierige Themen wie Integration, Migration und das Zusammenleben der Kulturen berichten. Und weil Reisen bildet, bringt Osman Okkan – gemeinsam mit seinem Kollegen, dem Radiojournalisten Murad Bayraktar – Journalisten aus Deutschland in die Türkei und ihre Kollegen aus der Türkei nach Deutschland.
Aufgeteilt ist das Programm in drei Abschnitte: ein einführendes Wochenendforum, eine einwöchige Reise ins Partnerland und eine Abschlussbilanz während eines Wochenendseminars nach der Reise. Das Angebot kommt an bei den Medienmachern. Angelika Wagner, Redakteurin beim Westdeutschen Rundfunk in der Redaktion Religion, ist immer noch beeindruckt: „Das ist das beste Seminar, das ich je mitgemacht habe. Osman Okkan kennt viele Leute. Er hat Tür und Tor geöffnet“, sagt die Fernsehjournalistin, die im Mai 2009 an der Reise in die Türkei teilgenommen hat. Das Programm sei wegen der Vielzahl an Kontakten und Begegnungen eine exzellente Weiterbildung für Journalisten. Schon das Vorbereitungswochenende habe innerhalb kurzer Zeit viele Grundlagen geliefert. „Ich habe einen enormen Sprung gemacht, was die Einordnung von Themen und die Themensetzung betrifft“, sagt sie. Wagner schätzt es, nun ein neues Netzwerk aus Kollegen und Referenten zu haben. „Ich habe jetzt eine Fülle von Adressen, bei denen ich nachfragen kann.“
Interessenten für das Weiterbildungsprogramm können sich über die Website des „KulturForums“ bewerben. Voraussetzung ist, dass sich die Journalisten in ihren Medien konkret mit dem jeweils anderen Land beschäftigt haben, zum Bespiel mit den Bedingungen von Migration und Integration, wie Programmleiterin Bettina Berns von der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart deutlich macht. Es geht darum Vorurteile abzubauen und Wissen zu vermitteln. Die Stereotypen auf beiden Seiten will auch Okkan Osman durchbrechen. Er bietet keine Reisen an, bei denen die Journalisten abends wohlbehütet in Luxushotels zurückkehren. Im Gegenteil: Das Programm ist anstrengend, denn es gibt einen ständigen Austausch und viel zu lernen. Bei der Türkeireise der deutschen Journalisten stehen Besuche in Istanbul und Ankara ebenso auf dem Programm wie Abstecher in den Osten und Südosten des Landes, etwa nach Kars, Diyarbakır oder Mardin – und das alles in einer Woche.
Die türkischen Journalisten erhalten in ihrem ersten Seminar in Istanbul einen Überblick über die deutsch-türkischen Beziehungen, die Grundlagen deutscher Europa-, Außen-, Sicherheits- sowie Wirtschaftspolitik. Außerdem gibt es in dem kleinen Grundkurs Deutschland Informationen über die politischen Institutionen der Bundesrepublik, über die Zuwanderungs- und Integrationspolitik sowie die Menschenrechte. Bei der Deutschlandreise stehen Besuche in Köln und Berlin auf dem Programm, da diese beiden Städte stark durch Zuwanderer aus der Türkei geprägt sind. Dort sollen sich die Journalisten ein realistischeres Bild über die Lage der Migranten und den Stand der Integrationsbemühungen erarbeiten. Die Gespräche in beiden Ländern werden jeweils simultan übersetzt. Ein wichtiger Punkt: Keine der Unterhaltungen darf mitgeschnitten werden, damit die Gesprächspartner frei sprechen können und sich nicht von der starken Medienpräsenz bedrängt fühlen. Daran halten sich alle Journalisten. Wer Interviews führen will, muss nach den offiziellen Terminen eine Lücke im engen Zeitplan suchen oder einfach später wiederkommen. Ein wichtiges Thema des Journalistenprogramms ist die Religion. In Deutschland treffen die türkischen Kollegen hohe Würdenträger der katholischen und evangelischen Kirche. In der Türkei wiederum sind die Journalisten zu Diskussionsrunden mit muslimischen und auch christlichen Vertretern eingeladen.
„Angesprochen sind auch Journalisten mit Migrationshintergrund“, sagt Osman Okkan. Medienprofis wie Emel Korkmaz, die beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt am Main für das Hörfunkprogramm HR2 Kultur arbeitet. Sie reist oft in die Türkei, dennoch hat sie durch die Teilnahme am Journalistenprogramm das Land aus einem neuen Blickwinkel kennen gelernt: „Die Reise hat mir Einblicke gebracht, die ich vorher nicht hatte. Die Türkei wird in all ihren Facetten gezeigt“.














