Frau Gille, Sie haben seit Beginn der neunziger Jahre regelmäßig junge West- und Ostdeutsche zwischen 16 und 29 Jahren zu ihren Lebensentwürfen und ihrer Wertorientierung befragt. Was waren die Erkenntnisse?
Wir haben festgestellt, dass die Lebenswünsche dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ganz Deutschland sehr ähnlich sind. Vor allem was die Wertorientierung und Lebensentwürfe angeht, kann man eine Annäherung zwischen West- und Ostdeutschland erkennen. In den fünf neuen Bundesländern hat sich zum Beispiel das Ausbildungsverhalten verändert, das Bildungsniveau ist gestiegen. Es gibt jetzt viel mehr Abiturienten als zu DDR-Zeiten. Früher haben Jugendliche in der DDR sehr früh Kinder bekommen. Heute kommt für viele zuerst die Ausbildung, dann erst die Familiengründung.
Wie sieht es bei der politischen Einstellung aus?
Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die 16- bis 29-Jährigen in den alten und neuen Bundesländern in ihren politischen Orientierungen und bei der Einschätzung des politischen Systems unterscheiden. Die Jugendlichen in den neuen Bundesländern haben eine größere Distanz zum politischen System und sind der Politik gegenüber kritischer eingestellt.
Womit erklären Sie sich diesen Unterschied?
Kinder und Jugendliche werden durch ihre Eltern, die Schule und andere gesellschaftliche Institutionen sozialisiert. Hier gibt es Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern. Zum Beispiel die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In den neuen Bundesländern sind Ausbildungsplätze knapper, und junge Menschen erleben häufiger, dass ihre Eltern arbeitslos sind. Das sind Erfahrungen, die mit dazu führen, dass sie das gesellschaftliche System anders beurteilen.
Dem Mauerfall 1989 folgte ein Jahr später die Wiedervereinigung. Wie bewertet die junge Generation die Einheit?
Die Wende wird positiv gesehen. Als gewaltigen Vorteil der deutschen Einheit sehen die Jugendlichen in den neuen Bundesländern vor allem die damit gewonnenen Freiheiten, insbesondere die Möglichkeit, jetzt ungehindert reisen zu können.
Wie sehr identifizieren sich die Jugendlichen in West und Ost mit dem wiedervereinten Deutschland?
Wir können beobachten, dass die Identifikation mit dem eigenen Teil Deutschlands in den neuen Bundesländern stärker ausgeprägt ist als in den alten. Letztlich ist es aber so, dass das Gesamtdeutsche überwiegt und Deutschland als Ganzes als der gemeinsame Staat angesehen wird. Außerdem glaube ich, dass heute viele Jugendliche nicht mehr in den Kategorien westdeutsch-ostdeutsch denken.
Martina Gille
ist Diplom-Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Jugendinstitut (DJI), München














