Berliner Kultur, das ist preußischer Glanz, pompöse Selbstdarstellung, Kriegszerstörung und Teilung und die lebendige, pulsierende Schicht, die daraus hervorgegangen ist. Vor allem aber ist es die Gleichzeitigkeit von Gegenwart und Geschichte, das Nebeneinander der Gegensätze. In wenigen Minuten gelangt man von der Museumsinsel mit ihren Schätzen in die bunte Galerienwelt der August- oder Brunnenstraße. Das Große steht unvermittelt neben dem Selbstgefertigten, das Überkommene neben der Kreativität des Augenblicks. Eine Konferenz im „Haus der Kulturen der Welt“ wagte kürzlich den ultimativen Vergleich: „Berlin – New York“. Der Mythos Kreuzberg stand da neben dem Mythos Harlem, der neue Potsdamer Platz neben dem Times Square. Da wirkte Berlin klein. Und doch muss es sich, was die Vielfalt des Kulturlebens betrifft, nicht verstecken.
Berlins Sehnsucht nach Welt und nach Größe hat damit zu tun, dass die Stadt 40 Jahre lang geteilt gewesen ist und dadurch in einen eher provinziellen Status zurückgestutzt zu werden drohte. Die Wirtschaft wanderte ab, sodass vorzugsweise der Kultur die Aufgabe zufiel, die Weltstadthaftigkeit zu repräsentieren – und die jeweils andere Stadthälfte zu übertrumpfen. Das „Haus der Kulturen der Welt“ ist ein Zeugnis dieser Epoche. 1957 entstand die Kongresshalle mit ihrer sensationellen Spannbetonarchitektur als Geschenk der USA an den Westteil der Stadt. 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, wurde hier ein Zentrum für die dauerhafte Auseinandersetzung mit außereuropäischen Kulturen geschaffen – Zeichen der Weltzugewandtheit der eingemauerten Stadt. Das „Haus der Kulturen“ hat sich seither zu einem lebendigen Schauplatz entwickelt, weil es gelingt, hier über den eigenen Tellerrand zu blicken und bildende Kunst, Tanz, Musik, Theater, Literatur und Film aus allen Kontinenten zu zeigen.
Ortsverbunden und traditionsbewusst geht es im alteingesessenen „Goldenen Hahn“ am Kreuzberger Heinrichplatz zu. Die Trinker am Tresen möchten, dass alles so bleibt, wie es ist. Deshalb haben sie den Antrag gestellt, ihr Lokal als Weltkulturerbe unter den besonderen Schutz der Unesco zu stellen. Der anarchistische Verleger Bernd Kramer und der für seine dadaistischen Aktionen bekannte Künstler Thomas Kapielski formulierten das Schreiben. Aber die Unesco hat nicht reagiert. Vermutlich unterscheidet sich ihr Kultur- oder auch Humorbegriff erheblich von dem im „Goldenen Hahn“. Dabei wäre diese Kneipe als Überbleibsel des alten Kreuzberg, das im Schatten der Berliner Mauer gedieh, durchaus erhaltenswert. Denn gerade hier, wo früher der Westen in einer Sackgasse endete, ist der kulturelle Wandel so deutlich wie nirgendwo sonst.
Am Ufer der Spree, die einst die Grenze zwischen Ost und West markierte, haben sich rund um die Oberbaumbrücke Universal Music und der Musiksender MTV angesiedelt. Ein paar hundert Meter flussaufwärts steht die „Arena“, ein altes Busdepot, das seit Jahren als Konzerthalle dient. Bob Dylan tritt hier regelmäßig auf, aber auch die Berliner Philharmoniker, deren Dirigent Simon Rattle dem Orchester eine neue Volksnähe verordnet hat. Von der Oberbaumbrücke spreeabwärts, mit Blick auf den Fernsehturm, entsteht die riesige Halle der „O2-World“ für kommerzielle Großveranstaltungen aller Art, vom Eishockey bis zum Popkonzert. Weiter in Richtung Alexanderplatz hat sich in einem ehemaligen Pumpwerk am Flussufer das „Radialsystem V“ angesiedelt. Ein privater Investor setzte das Gebäude instand. „New space for the arts in Berlin“ lautet der Werbespruch des Hauses, das sich als „Schnittstelle“ versteht für Festivals, Hochschulen, Bühnen, Galerien, Orchester, Tanz und Literatur. Durchaus typisch war schon das Programm zur Eröffnung 2006 mit einer Arbeit der Choreografin Sasha Waltz. Im Treppenaufgang sang ein vierstimmiger Chor, auf der Terrasse spielte ein Bläser-Quintett, im unteren Saal erklang eine Violin-Partita von Bach. Dazwischen, überall, als verbindende Elemente Tänzer, während hinter den Fenstern Schiffe vorbeifuhren, als gehörten sie zur Dekoration.
Im „Radialsystem“ fand auch ein seltsamer Kongress statt, dessen Titel „9 to 5“ sich auf die Uhrzeit bezog. Vom Abend bis in die frühen Morgenstunden gab es Vorträge und Debatten zu Themen wie „Arbeit für Leute mit stärkerem Freiheitsdrang“ und „Weltverbesserung“. Das Publikum konnte mit seinen Laptops direkt ins Netz gehen und virtuell weiterarbeiten. Geladen hatten Holm Friebe und seine Mannschaft von der Internetplattform „Riesenmaschine“. Sie sind Teil der digitalen Boheme Berlins, die man auch in den Cafés von Berlin-Mitte finden kann. Bewaffnet mit Tastatur und Netzwissen, erfinden sie neue Arbeitsbiografien. Zu ihnen gehört auch die Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, eine Autorin, die ihre Publikationsform im Internet gefunden hat.
Es ist kein Zufall, dass die Nahtstelle zwischen Ost und West entlang der Spree ein lebendiger kultureller Raum geworden ist. Hier gab es große Brachflächen, die zuerst einmal von kulturellen Nutzern in Beschlag genommen worden sind. An der Lohmühle zwischen Treptow und Kreuzberg hat sich zum Beispiel eine Wagenburg angesiedelt, deren freiheitsliebende Bewohner im Sommer Open-Air-Kino und sehr feine Jazz-Konzerte organisieren. Solche Orte beleben die Nachbarschaft: Kultur von unten. Auch die Galerien, die in Mitte, aber auch in weniger glamourösen Bezirken wie Neukölln oder Wedding entstehen und vergehen, zeigen, welch kreatives Potenzial im Verborgenen blüht. Die Vorlesebühnen wie „Chaussee der Enthusiasten“ oder „Surfpoeten“ haben den gezielten künstlerischen Dilettantismus einer Kultur der Alltagsbeobachtung zu einem Berliner Markenzeichen gemacht.
Der besondere Reichtum der Kulturlandschaft ist eine Folge der komplizierten Geschichte. Man muss die Stadt doppelt, ja dreifach denken. Das Erbe der geteilten Stadt hat sich dabei als besonderer Vorzug erwiesen. Aus zwei konkurrierenden Stadthälften wurde nach 1989 ein Ganzes, aber immer noch sind viele Institutionen doppelt vorhanden. Die Staatsbibliothek und die Philharmonie sind westliche Kompensationen aus der Zeit der Teilung, die das Konzerthaus am Gendarmenmarkt und die alte Staatsbibliothek Unter den Linden ersetzen mussten. Heute ergänzen sie sich: Tradition und eine auch schon wieder klassisch gewordene Moderne. Auch die Neue Nationalgalerie am Kulturforum, der berühmte Bau von Mies van der Rohe, war die West-Berliner Antwort auf den Verlust der Museumsinsel im Osten der Stadt. Wenn hier in einer Sonderausstellung die Impressionisten aus dem New Yorker Metropolitan Museum of Art gezeigt werden, dann wickelt sich die Schlange der Anstehenden rund um das Gebäude. Überhaupt hat sich in Berlin eine Vorliebe für Massenveranstaltungen auch in der Kultur etabliert. Die Beliebtheit der „Langen Nacht der Museen“, die zweimal jährlich stattfindet, ist ein Indiz dafür. Nur im doppelten Berlin kann es gleich drei Opernhäuser geben, fünf verschieden profilierte Literaturhäuser und eine enorme Fülle an Theatern. Auf dem Boden dieser doppelten Geschichte entstand nach 1989 eine dritte Schicht. So kehrte die wiedervereinigte Akademie der Künste in einen Neubau an den Pariser Platz am Brandenburger Tor zurück. Mit ihm rückt die Kultur ins symbolische Zentrum der Stadt.
Ein Spaziergang durch die Kulturgeschichte darf den Dorotheenstädtischen Friedhof nicht auslassen, wo die Gräber von Hegel, Fichte, Schinkel, Brecht, Anna Seghers und vielen anderen Künstlern zu finden sind. In den letzten Jahren wurden unter anderen Heiner Müller und George Tabori hier begraben. Brecht wohnte gleich nebenan und ließ in sein Arbeitszimmer ein Fenster einbauen, das ihm erlaubte, auf Hegels Grab zu blicken. Das Brechthaus ist heute Ort literarischer Veranstaltungen und Gedenkstätte.
Dass nichts so bleibt, wie es ist, wusste schon der Kritiker Alfred Kerr, der die Stadt vor 100 Jahren aus ihrem permanenten Wandel heraus beschrieben hat. Dieses Prinzip ist das einzige, was sich in Berlin niemals verändert. Das müssen auch die Kämpfer um das Weltkulturerbe im „Goldenen Hahn“ akzeptieren.













