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Das Projekt „Stadtteilmütter“ in Berlin

Im Zeichen des roten Schals

Das Projekt „Stadtteilmütter“ aus Berlin sorgt für Aufmerksamkeit: Migrantinnen unterstützen arabische und türkische Familien, zu denen deutsche Sozialarbeiter kaum Zugang hätten

Von Katja Winckler

Sie haben mehrere Kinder, einen arabischen oder türkischen Hintergrund, selten eine gute Schulbildung und keinen Job. Was nach Sackgasse klingt, sind genau die Aufnahmekriterien eines sehr erfolgreichen Berliner Projekts. Seit vier Jahren besuchen die sogenannten Stadtteilmütter – Migrantinnen, die zwei Sprachen beherrschen müssen – in den Problemstadtteilen Neukölln, Kreuzberg und Steglitz Familien mit Migrationshintergrund und beraten diese in Sachen Erziehung, Ernährung, Gesundheit, Sprache, Bildung, Aufenthaltsrecht, Sozialleistungen oder Sucht. Ein Konzept, das aus den Brennpunktvierteln der deutschen Hauptstadt nicht mehr wegzudenken ist.

Mit ihrer schwarzen Kleidung und dem roten Schal – um den Hals, den Kopf oder die Hüfte drapiert – sind die Stadtteilmütter leicht zu erkennen. Man kann sie auf der Straße ansprechen, wenn man Informationen benötigt oder gern einen Besuchstermin vereinbaren möchte. Arabische oder türkische Eltern sprechen sie an, wenn ihre Kinder zum Beispiel die Schule schwänzen, nicht pünktlich nach Hause kommen oder sie befürchten, dass ihre Kinder Drogen nehmen. In Hausbesuchen erklären die Stadteilmütter aber auch ganz grundlegende Dinge: Warum Kinder ihre Zähne putzen und sich viel bewegen sollten. Sie fragen, ob die Kinder regelmäßig den Kinderarzt aufsuchen und die Mütter deutsch sprechen können. Genauso beantworten Sie aber auch Fragen zur Aufenthaltserlaubnis oder einem sinnvollen Umgang mit Computerspielen und dem Internet. Deutsche Sozialarbeiter hätten vielfach nicht den gleichen direkten Zugang zu den Migrantenfamilien.

Ausgerüstet sind die Stadtteilmütter mit einer Umhängetasche, die umfangreiches Material zu zehn Themenbereichen auf Deutsch, Arabisch und Türkisch enthält.

Häufig sind aber auch die patriarchalen Familienstrukturen in vielen Migrantenfamilien ein Problem. Etwas, was die 54-jährige, libanesische Stadtteilmutter Gharam Hannaoui erlebt und mit großem Einfühlungsvermögen aufzubrechen versucht: „Einmal kam ich in eine Familie, in der die Kinder häufig der Schule fernblieben. Nur der Vater redete, seine Frau saß schweigend daneben – bis ich ihn nach weiteren Besuchen bat, auch einmal seine Frau zu Wort kommen zu lassen. Es stellte sich heraus, dass er fürchtete, seine Familie komme unter die Räder. Er begann sich zu öffnen. Seine Frau beteiligte sich ebenfalls immer intensiver am Gespräch. Inzwischen lernt sie Deutsch.“

Maria Macher, Projektleiterin des 2004 gestarteten und zunächst bis 2010 laufenden Projekts, ist mit den Ergebnissen der Initiative sehr zufrieden. Derzeit sind 120 Stadtteilmütter allein in Neukölln unterwegs und haben schon über 2000 Familien erreicht. Zurzeit werden 15 neue Frauen als Stadtteilmütter qualifiziert. Das Projekt ist auch eng an die Grundschulen angebunden, um die Zusammenarbeit von Erziehern, Lehrern, Stadtteilmüttern und Eltern zu erleichtern. Initiiert und umgesetzt wird es vom Bezirk Neukölln, der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und dem Jobcenter Neukölln, die das Projekt mit 3,8 Millionen Euro finanzieren. Das Projekt ist national und international auf viel Interesse gestoßen: „Die Bundesländer Hessen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg wollen das Konzept auch umsetzen. In Dänemark wurde unsere Idee eins zu eins in sieben Städten übernommen“, erläutert Maria Macher. Das Projekt ist inzwischen schon mit sieben Sozialpreisen ausgezeichnet worden.

Doch wie wird man Stadtteilmutter? In einem halbjährigen Qualifizierungskurs werden die Frauen theoretisch und mit Hospitationen in Kindertagesstätten oder Beratungseinrichtungen auf ihre Tätigkeit vorbereitet. Nach Abschluss des Kurses treffen sich die Stadtteilmütter wöchentlich, begleitet von ihrer Kursleiterin. Ein wichtiger Punkt: Die Frauen erhalten für ihren wöchentlichen 30-Stunden-Job einen einjährigen, befristeten Arbeitsvertrag und werden dafür bezahlt. In der Regel seien die Familien sehr dankbar für ihr Angebot, sagen die Stadtteilmütter. „In den Familien herrscht ein großer Wissensbedarf. So denken viele beispielsweise, dass es gut ist, ihren Kindern Saft zu trinken zu geben. Wir erklären ihnen dann, dass Saft die Zähne angreift und dies zu Karies führen kann“, sagt die 37-jährige Libanesin Zeinab Chreif. Außerdem würden sich viele Kinder und Jugendliche zu wenig bewegen: Sie säßen zu viel vor dem Fernseher oder Computer. „Wir vermitteln den Eltern, dass sie selbst aktiv werden müssen, damit ihre Kinder gesund aufwachsen. Wir zeigen, wie man sich gesünder ernährt und dass Bewegung Spaß macht.“ Die 33-jährige Aida Shihab erlebt auch eine große Nachfrage beim Thema Sucht – egal, ob es um Internet, Wasserpfeife, Alkohol, Schmerztabletten oder Haschisch geht. „Wir versuchen den Eltern klar zu machen, dass sie stets das Gespräch mit ihren Kindern suchen sollten. So erfahren sie mehr von deren Problemen, ob in der Schule oder im Freundeskreis.“ Die Gespräche seien Angebote, sich weiter zu informieren, wenn es um Weiterbildung, Rechte oder häusliche Gewalt gehe. „Dann müssen sie Eigeninitiative ergreifen“, so Zeinab Chreif.

Sie selbst kam vor 17 Jahren aus dem Libanon nach Deutschland und hat drei Kinder zwischen 10 und 15 Jahren. Ihr Mann brachte sie auf die Idee, sich bei den Stadtteilmüttern vorzustellen und sich ausbilden zu lassen. Auch Aida Shihab, die ebenfalls aus dem Libanon stammt und und vier Kinder hat, wurde von ihrem Mann unterstützt, Stadtteilmutter zu werden. Beide waren jahrelang Hausfrau, spürten aber den Wunsch, endlich ihr eigenes Geld zu verdienen. Den Schritt haben beide nicht bereut. Ihre Arbeit hilft nicht nur den Migrantenfamilien, sondern auch den Stadtteilmüttern selbst: „Ich lebe ganz anders als vorher. Ich bin viel selbstbewusster geworden, spreche besser deutsch, weil ich es in meiner Arbeit täglich anwende, und ich habe viel gelernt. Ich bin aktiver und selbstständiger geworden“, sagt Zeinab Chreif. Heute gehe sie mit ihren Kindern schwimmen, ins Kino und habe sogar Fahrrad fahren gelernt. Aida Shihab betont, dass sehr stolz auf sich und ihre Arbeit ist. „Meine Kinder sind es auch. Sie sehen, dass sich lebenslanges Lernen lohnt und Spaß macht.“

18.05.2009
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