Eine junge Frau springt hoch in die Luft. Sie presst ihre Hände und nackten Füße aneinander und strahlt, ihre dunklen Locken fliegen, im Hintergrund ein weiter Himmel und die Kulisse der noch jungen Stadt Tel Aviv. Ungestüme Lebensfreude, eine Momentaufnahme des Glücks. Fast 70 Jahre später posiert Miriam Weissenstein wieder vor ihrem Bild. Die Witwe des israelischen Fotografen Rudi Weissenstein, der sie damals bei ihrem Luftsprung verewigt hatte, eröffnete in Frankfurt am Main eine Ausstellung mit Bildern ihres Mannes. Gut gelaunt lächelte die inzwischen 96-Jährige in die Kamera, machte ein paar Scherze und lud alle Anwesenden nach Tel Aviv ein, „denn die Strecke ist in beide Richtungen genauso lang“.
Rund 50 Schwarz-Weiß-Aufnahmen des bedeutenden israelischen Fotografen zeigt die Heussenstamm-Galerie bis Ende April. Es sind überwiegend Fotos von Frankfurts Parternstadt Tel Aviv, die der aus dem heutigen Tschechien 1936 eingewanderte Weissenstein dokumentierte: der Rotschild-Boulevard mit den weißen Häusern im Bauhaus-Stil, der Dizengoff-Platz, das 1925 erbaute prachtvolle Nordau-Hotel und die Kiosks am Strand. Zu sehen sind aber auch Landschaftsbilder vom Toten Meer, eine orientalische Einwanderin mit ihrer kleinen Tochter auf der Schulter, zwei junge Frauen in einem Kibbutz sowie einige Prominente wie Golda Meir, Teddy Kollek, Marc Chagall und David Ben-Gurion, der unter dem Porträt Theodor Herzls steht und die Unabhängigkeitserklärung Israels verliest. Weissenstein war der einzige offizielle Fotograf dieser Zeremonie.
In der Heussenstamm-Galerie feierten die Gäste zusammen mit Miriam Weissenstein den 100. Geburtstag ihres Mannes und 30 Jahre Städtepartnerschaft von Frankfurt und Tel Aviv. Rudi Weissenstein fotografierte bis zu seinem Tod 1992 den Aufbau Israels, das Land und die Menschen. Er hinterließ über eine Million Negative. Miriam leitet übrigens noch heute den gemeinsamen Fotoladen und verwaltet das Archiv. Zusammen mit ihrem Enkel Ben Peter organisierte sie veschiedene Ausstellungen und gab zwei Fotobände mit Weissensteins Werken heraus. Miriam und Rudi studierten in Wien und sprachen Deutsch miteinander. Auf Rudis Grab ist ein Zitat aus Goethes Faust auf Hebräisch eingraviert. Es beginnt mit den Worten: „Ihr glücklichen Augen“. So heißt auch die Ausstellung.















