Mode ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft, sie spielt mit Identitäten und Traditionen und setzt zugleich aktuelle Tendenzen um. Was prägt die Mode aus Deutschland? Woran orientieren sich die Designer, welche Einflüsse greifen sie auf? Einblicke in die deutsche Modegeschichte.
Über Jahrhunderte war der Adel wesentlicher Motor der Mode. Mit aufwendiger Garderobe buhlte er an den Höfen um die Gunst der Könige und Kaiser. Vor allem der französische Hof in Versailles war tonangebend – in ganz Europa. Diese Tradition prägt die französische Mode bis heute.
Ganz anders in Deutschland. Hier gibt es aufgrund der vielen historischen Brüche und der Kleinstaaterei – 1856 gab es noch 30 selbstständige deutsche Staaten – keine großen Familien, konnte keine führende Mode entstehen. Im Gegenteil: Es gibt mit der deutschen Romantik sowie der Leibfeindlichkeit der Protestanten eine lange Tradition in der Verachtung äußerer Konventionen.
1871 mit der Gründung des Deutschen Reichs und der Wahl Berlins zur Hauptstadt begann der Wandel. Rund um den Hausvogteiplatz siedelten sich zahlreiche Modesalons und Konfektionshäuser vor allem jüdischer Bürger an. Bald schon entstand der Berliner Chic, der in den „goldenen“ 1920er-Jahren seinen Höhepunkt hatte. Damals zählten deutsche Frauen zu den elegantesten Europas. 1933, mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten, war diese erste, kurze Blüte der deutschen Mode schlagartig vorbei.
Die Nationalsozialisten setzten für die Allgemeinheit mit Tracht, Gretchenzopf und ohne Make-up ein völkisch-nationalistisches Mutterbild durch, wie Irene Guenther in ihrem Buch „Nazi Chic?“ schreibt. Die jüdischen Unternehmer und Arbeiter wurden in den Konzentrationslagern ermordet oder verließen das nationalsozialistische Deutschland. Dass es aber auch Haute-Couture-Schauen für die Nazi-Elite gab, ist heute weitgehend unbekannt. Die moderne Frau wurde, schreibt Irene Guenther, als Instrument einer Lifestyle-Propaganda benutzt. Alltagsästhetik und Design, Paraden und Fackelzüge, Inszenierungen und Kulissen wurden von den Nazis gezielt genutzt, um das Massenbedürfnis nach Identifikation, Gemeinschaft, Unterhaltung und Schönheit zu befriedigen. „Die Nazis entwickelten unter dem Primat der Politik die erste kapitalistische Massenkultur auf europäischem Boden“, schreibt der Schweizer Designtheoretiker Beat Schneider. „Sie wurde von den Nazis bewusst als ein die Massen blendendes und bindendes Herrschaftsmittel eingesetzt.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg schneiderte man Mäntel aus Uniformen und Kleider aus Fallschirmen und erstarrte in Biederkeit und Benimmregeln. Die deutsche Gesellschaft suchte nach dem verübten Holocaust nach Fassung, wollte sich vom Elend und vom Ruch der Barbarei durch Etikette befreien. Zusammen mit der Kritik der dominanten Denker Max Horkheimer und Theodor W. Adorno „Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug“, die Kultur und damit auch Mode als Ware ansahen, und der antibürgerlichen Haltung der 1968er-Bewegung führte dies zu einem durchdringenden Misstrauen gegen Mode und Stil. „Das ist Kommerz“, ist bis in die heutige Zeit ein oft gehörtes Argument intellektueller Debatten.
Hinzu kam, dass es bis zum Umzug der Bundesregierung von Bonn nach Berlin 1999 kein gesellschaftliches Zentrum in Deutschland gab, wo sich Mode entfalten konnte.
Es hatte in Deutschland keine Tradition, den Kopf aus der Menge herauszustrecken, die Mehrheit maskierte sich lieber als uniforme Masse: „Obwohl es Klassenunterschiede gibt, sollen sie nicht dargestellt werden“, schreibt Jens Jessen in der Untersuchung „Leben in Deutschland“ der Wochenzeitung „Die Zeit“. Kleine Bürger putzen sich nicht heraus wie Großgrundbesitzer und die Eliten verbergen „mit einer Art finsterer Genugtuung die Merkmale ihres Status“. Guter Stil ist, sich auffallend unauffällig zu kleiden.
Parallel keimte die heutige Vielfalt auf: Die Besatzungstruppen aus den USA, Großbritannien und Frankreich brachten ihre Lebensweisen und Moden wie Jeans und T-Shirts mit nach Westdeutschland. Die Deutschen aus der jungen Bundesrepublik begannen zu reisen – und wurden darin Weltmeister. Zusammen mit Austauschprogrammen und Einwanderern, Büchern, Filmen und Musik aus dem Ausland wurde die deutsche Kultur bereichert. Zuerst in der Küche, dann in den Gewohnheiten. Auch der Wunsch nach Mode wuchs. Und zwar nicht nur in der Bundesrepublik, wie die Ausstellung „In Grenzen frei. Mode, Fotografie, Underground in der DDR 1979–89“ im Berliner Kunstgewerbemuseum jüngst eindrucksvoll zeigte.
Beeinflusst von einer neuen Generation englischer Modemagazine wie ;-D und Face und der experimentellen Elektromusikszene setze die Jugend dem „mordslangweiligen Mode-Kommerz“ ihre Lebensfreude entgegen. Zunächst als Rebellion von Halbstarken, dann als Hippies, Rocker, Punker bis später zur Clubwear und zu den Anhängern der Technoszene. Mode war nicht mehr Eleganz, Mode war jetzt Event. Die Kleider waren schrill und oft untragbar: Neonfarben, Kunstrasen und Duschvorhänge. Berlin als Frontstadt des Kalten Krieges war Magnet für alle, die der spießigen deutschen Realität entfliehen wollten. Hier trafen sich Trend und Trash, wurden in Performances neue Präsentationsformen ausprobiert. Mode wurde immer mehr ein bewusstes Mittel der Kommunikation, der Abgrenzung und Einordnung.
Bis zur Wiedervereinigung 1990 war für viele deutsche Modedesigner das Ausland prägend. Wer seine Identität suchte, ging dafür in die Ferne, am liebsten in die USA. Doch der zunehmende Abstand zur eignen Geschichte lässt die Deutschen ihr Land neu entdecken. Statt sich für Solidität, Ernsthaftigkeit, Funktionalität und deutsche Wertarbeit zu schämen, erkennen sie die Vorteile der eigenen Stärken wieder. „Seit der Wiedervereinigung hat deutsche Mode ein neues Gesicht bekommen: einen eigenständigen, klaren deutschen Stil“, heißt es zur Ausstellung „moDe! – Deutsche Modedesigner und ihr Stil“, die 2005 vom Goethe-Institut in Tokio gezeigt wurde.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden diese Veränderungen augenscheinlich, kaum ein deutsches Medium, das sich damals nicht mit dem neuen Selbstbewusstsein beschäftigte. So kam 2003 ein Lifestylemagazin mit dem Namen „Deutsch“ heraus – was zuvor undenkbar war. Die Redaktion verstand „Deutsch als Synonym für Weltoffenheit, Pluralismus und Toleranz“. International wurde dieses neue deutsche Selbstbild erstmals während der Fußballweltmeisterschaft 2006 wahrgenommen. Diese Anerkennung von außen beflügelte Deutschland so, dass viele bis heute gern von dem „Sommermärchen“ sprechen.
Dennoch: Bis heute gilt vielen das Ausland als Maß aller Dinge, werden die eigenen Stärken gering geschätzt. Es gibt wohl nur wenige Kulturnationen, in der so viele Kreative ihre eigene Sprache verleugnen und ausschließlich englischsprachige Webseiten veröffentlichen. Auch stellt sich die Frage, warum es in Deutschland keine große imagegetriebene Modemarke wie Polo Ralph Lauren gibt, obwohl die Kompetenz vorhanden ist.
Ist es die Angst vor der Macht der Bilder, welche die Nazis so brutal politisch missbraucht haben? Obwohl deutsche Modeschöpfer wie Bernhard Willhelm oder Frank Leder in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Gregor Hohenberg zeigen, dass sie Marken schaffen können, die von starken Bildern leben (und zwar ohne die geringsten nationalistischen Anklänge, wohl aber mit lustvollen Spielen der deutschen Identität): Es gibt davor offenbar eine große Scheu in Deutschland.














