Herr Liefers, mit Ihrem Programm „Soundtrack meiner Kindheit“ haben Sie in Deutschland für ausverkaufte Hallen gesorgt. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit diesem Material auf Tour zu gehen?
Ursprünglich war nur ein Konzert in Bochum geplant, bei dem es allgemein um Musik ging, die mich geprägt hat. So landete ich bei den Bands meiner Kindheit und war selber überrascht, wie tief sich einige dieser Songs bei mir eingegraben hatten. Damit unser Publikum tief im Westen nicht ganz so ratlos im Regen steht, fing ich an, zu den Songs etwas zu erzählen, ein paar Hintergründe, ein paar Zusammenhänge, ein paar lustige und trotzdem wahre Geschichten, das alles kam verblüffend gut an. Wir bekamen erstaunliche Rückmeldungen, so als hätten die Leute bloß auf so einen Abend gewartet, ohne es zu wissen. Die Band versammelte sich, wir blickten uns in die Augen und alle dachten das Gleiche. Dann habe ich mich hingesetzt, ein paar mehr Songs ausgesucht, alte 8-mm-Filme meines Vaters zerschnippelt und nach Originaltönen von damals gesucht.
Was ist im Jahr 2009 so interessant am DDR-Rock?
Anders als bei englischen Songs versteht jeder die Texte und kann sie auf sich wirken lassen. Unsere Show ist ein sehr persönlicher Abend. Geschichte bekommt so ein Gesicht. Ich erzähle weder Helden- noch Opfergeschichten, die meisten Situationen hätte fast jeder so oder ähnlich überall erleben können. Bis auf einige Ausnahmen, und hier wird es ganz nebenbei politisch. Es wird klar, dass Politik unseren Alltag bestimmt, auch wenn wir uns nicht dafür interessieren. Wir spielen Stücke, die sich alle auf unterschiedliche Art gegen Gleichmacherei und Linientreue wehren. Sie weichen von der Staatskultur der DDR-Diktatur ab, oft erst auf den zweiten Blick.
In der DDR sind Sie immer wieder angeeckt. Sie durften kein Abitur machen, bei den Demonstrationen 1989 standen Sie am Mikrofon. Was hat Sie am Staat DDR gestört?
Wo soll ich da anfangen? Vor allem die Verlogenheit und Ignoranz des Regimes. Die Diskrepanz zwischen deren Getöne und unserer Wirklichkeit. Und später dann auch das Eingesperrtsein. Aber sehen Sie, ich bin kein Opfer des DDR-Regimes. Ich bin angeeckt, aber mir ist nie wirklich was Schlimmes passiert. Ich bin von meiner Familie so ausgestattet worden, dass ich meinen Weg doch irgendwie gehen konnte. Ich hatte auch viel Glück. Manchmal folgt man nur seinem gesunden Menschenverstand und merkt gar nicht, dass man bereits politisch handelt. Du unterschreibst einen Aufruf des Neuen Forums, einfach weil du richtig findest, was da steht, und auch findest, es wäre an der Zeit, dass sich was ändert. Und plötzlich stehst du vor einer halben Million Menschen, machst dir fast in die Hosen und hältst trotzdem eine Rede. Wahrscheinlich bin ich ein bisschen über meine Verhältnisse gegangen, aber ein kluger Mann hat mir mal gesagt: Wenn du nicht den Mund aufmachst, wenn du es dir eigentlich nicht leisten kannst, wirst du es später, wenn du es dir leisten könntest, auch nicht tun.
Für Ihren ersten Film nach der Schauspielschule haben Sie in Südamerika, Westdeutschland, Frankreich und Spanien gedreht. Haben Sie da nie an Flucht gedacht?
Südamerika hat mich wirklich aus den Angeln gehoben. Die Zeit in Ecuador hat mich verändert, mir etwas beigebracht über die Größe der Welt. Als auch die Nationale Volksarmee immer penetranter wurde und mir auf meine Wehrdienstverweigerung hin Konsequenzen angedroht wurden, da hab ich meine Flucht geplant. Aber das war im Frühjahr und Sommer 1989. Der Rest ist Geschichte.
Jan Josef Liefers
Er ist einer der vielseitigsten deutschen Künstler: Jan Josef Liefers – Schauspieler, Sänger, Drehbuchautor, Regisseur und Synchronsprecher. Womit der 1964 geborene Dresdner eine Familientradition fortsetzt. Schon seine Eltern waren Schauspieler und Regisseure. Liefers, der sich weigerte, Wehrdienst in der Volksarmee der DDR zu leisten, hatte vor der Schauspielschule eine Tischlerlehre absolviert. Der vierfache Vater lebt in Berlin.














