Herr Urban, warum haben Sie sich auf die russische Literatur spezialisiert?
Nun, ich bin in der ehemaligen DDR zur Grundschule gegangen und habe bereits dort Russisch gelernt. Die Begeisterung für die russische Literatur wurde später im Internat in Bayern von einem Lehrer gefördert, der uns unter anderem Dostojewskij und Tschechow nahebrachte. Anschließend entschied ich mich für ein Slawistikstudium. Meine ersten Gehversuche als Übersetzer machte ich allerdings nicht in Moskau, sondern in Belgrad. Während zweier Auslandssemester freundete ich mich dort mit serbischen Dichtern an, die sich von mir die definitive Anthologie der serbischen Gegenwartslyrik wünschten. Sie ist zum Glück nie erschienen, aber das Interesse am Übersetzen blieb. So wurde ich nach dem Studium beim Frankfurter Suhrkamp Verlag der erste Lektor für slawische Literatur in der Bundesrepublik.
Sie haben bereits Ende der 1960er-Jahre Anton Tschechows Dramen “Die Möwe” und “Der Kirschgarten” übersetzt, Was macht den Reiz dieses Schriftstellers für Sie aus?
Vor allem die charakteristische, wunderschöne Einfachheit seiner Sprache. Leider wurde diese Einfachheit lange von deutschen Übersetzern verkannt. Da wurde munter hinzugedichtet. Dabei sollte der alte Grundsatz gelten, dass sich ein Übersetzer immer am Stil des Originals zu orientieren hat. Was heute unvorstellbar ist: Ende der 1960er-Jahre galt Tschechow unter deutschen Theaterregisseuren als nahezu unspielbar. Zu verquer und schwülstig war das Deutsch der damaligen Übersetzungen. Das Gleiche ist übrigens auch Alexander Puschkin passiert.
Inwiefern?
Noch in einer deutschen Übersetzung von Puschkins Erzählung „Pique Dame“ aus dem Jahr 1953 findet sich die Formulierung „ein Palais in klassizistischer Bauart“. Bei Puschkin steht im russischen Original stattdessen: „ein Haus älterer Bauart“. So etwas passiert, wenn sich Übersetzer als Künstler verstehen. Auch Tschechows Kurzgeschichte „Tod eines Beamten“ wurde durch verschiedene Übersetzungen immer wieder verfremdet, eimal wurde aus dem Titel sogar ein „Hatschi!“.
Präzise Beschreibungskunst ist für Sie eine zentrale Qualität der russischen Klassiker?
Absolut! Worauf es ankommt, hat der geniale Puskin 1822 in seinem Essay „Über Prosa“ auf den Punkt gebracht: „Genauigkeit und Kürze“. Das Werk Puschkins bündelt die Qualitäten der so ungeheuer vitalen russischen Literatur des 19. Jahrhunderts wie mit einem Brennglas. Allein seine Briefe sind derart brillant geschrieben, mit kurzen und zugleich wunderbar anspielungsreichen Formulierungen – einfach herrlich! Puschkin verstand es meisterhaft, durch die Einfachheit seines Schreibens Schönheit zu erzeugen. Das verbindet ihn ebenso mit Iwan Turgenjew wie mit Anton Tschechow. Auch das Werk des 1942 verstorbenen Lyrikers Daniil Charms steht noch in dieser Tradition,
Was reizt Sie an Ihrer aktuellen Arbeit, der Neuübersetzung des Tschechowschen Gesamtwerks?
Ich möchte vor allem, dass Tschechows Werk so genau wie möglich unter die Leute kommt. Selbst bei der umfangreichen Tschechow-Gesamtausgabe des einstigen DDR-Verlags Rütten & Loening, die ich nach wie vor für die beste Übersetzung halte, sind zahlreiche stilistische Feinheiten unter den Tisch gefallen. So wurde etwa ein und dasselbe Wort oftmals unterschiedlich übersetzt, Das ist jedoch gerade bei Tschechows Prosa fatal, die er bis ins Detail durchkomponiert hat. Er hat unglaublich hart an seinen Texten gearbeitet und auch andere Autoren zum präzisen, knappen Ausdruck ermahnt. Etwa Gorkij, dem er schrieb, er solle streichen, wo immer es möglich ist.
Die Akribie, mit der Tschechow an seinen Texten gearbeitet hat, fordert auch Sie als Übersetzer besonders?
Eindeutig. Ich merke, dass ich mit meiner mittlerweile angesammelten Erfahrung mit immer weniger Wörtern beim Übersetzen auskomme. Aber auch ich lasse meine Übersetzungen mindestens vier Wochen liegen, bevor ich sie mir erneut anschaue. Dann gehe ich mit kritischer Distanz noch einmal an den Text heran, als wäre er von einem anderen Übersetzer. Das dauert seine Zeit. Aber der Diogenes Verlag und ich haben uns bewusst auf keinen Termin für die Fertigstellung der Gesamtausgabe festgelegt.
Worauf kommt es Ihrer Meinung nach noch beim Übersetzen an?
Ich brauche Ruhe, um die Texte hören zu können. Deshalb lebe ich auch seit über zwanzig Jahren in der Stille meines Bauernhauses, arbeite mit meiner Schreibmaschine, ohne Computer. Was die Haltung gegenüber dem Original anbelangt: Mir ist es wichtig, ein gewisses Maß an Fremdheit in die Übersetzung herüber zu retten. Ich werde nie so tun, als hätte Tschechow Deutsch geschrieben.
Stößt man als Übersetzer zwangsläufig an seine Grenzen?
Ja, Übersetzen ist per se Verlust. Nehmen Sie ein Wort wie das russische “toska”. Das können Sie mit Schwermut, Sehnsucht, niedergedrückter Stimmung oder auch mit „in die Weite starren“ übersetzen. Sie müssen sich aber für einen dieser Ausdrücke entscheiden.
Sie lassen sich nicht entmutigen...
Ich versuche, mich mit jeder Übersetzung dem Original weiter anzunähern. Dieser Prozess des ständigen Verbesserns begleitet einen bis ans Lebensende. Da ist zum einen die Schönheit des Originals, der ich immer aufs Neue gerecht werden will. Und zum anderen will ich natürlich auch Interesse für die großen russischen Autoren wecken. Das wird zusehends schwieriger. Aber das ist umso mehr ein Grund, bei der Stange zu bleiben.














