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Serie: Israelis in Berlin

Geschichte anders sehen

Historische Dokumente, Medienberichte und Interviews sind das „Rohmaterial“, das Dani Gal häufig für seine Kunst verwendet. In seinen Multimediainstallationen befragt er diese Quellen auf ihre vermeintliche Eindeutigkeit hin. Seine Devise heißt: Menschen dazu bewegen, Dinge anders zu sehen.

Von Lars Hansen

Berlin-Kreuzberg, mitten im Szeneviertel: Hier ist Dani Gal zu Hause. Der knapp 40 Jahre alte israelische Installationskünstler hat sich in Deutschland und im benachbarten Ausland inzwischen durch mehrere Ausstellungen einen Namen gemacht. Erst im Oktober 2009 ist Dani Gal mit dem „Ars viva“-Preis für Bildende Kunst des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet worden, der in diesem Jahr dem Thema „Geschichte/History“ gewidmet war. Eine hochrangig besetzte Jury wählte den jungen Israeli – zusammen mit drei weiteren internationalen Künstlern – aus einer Vielzahl von Vorschlägen aus; ihre Begründung: Bei den Preisträgern überzeuge „vor allem die Vielfalt der ästhetischen Ansätze, mit der sie sich historischen Fakten nähern und diese reflektieren“. Dani Gal „lasse den Betrachter teilhaben an den manchmal zufälligen, oft verblüffenden und wiederkehrenden oder auch vollkommen improvisierten Momenten medialer Geschichtsschreibung“. Im Zusammenhang mit der Preisverleihung wird noch bis zum 17. Januar im Museum Wiesbaden – und anschließend in Köln und Zürich – Dani Gals Werk „Chanting Down Babylon“ gezeigt – bestehend aus einer Rauminstallation, einem Video sowie verschiedenen Fotoarbeiten. Für die Umsetzung hat der Künstler in Amsterdam, Zürich und London recherchiert.

Der Hintergrund: Kurz nach dem Start eines El Al-Frachtflugs im Oktober 1992 vom Amsterdamer Flughafen Schiphol stürzte die israelische Boing 747 in einen Wohnkomplex. Dieses tragische und niemals vollständig aufgeklärte Unglück führte in den Niederlanden zu sehr kontroversen Diskussionen, „Verschwörungstheorien“ machten die Runde. Für „Chanting Down Babylon“ besuchte Dani Gal Bewohner des Amsterdamer Unglücksstadtteils Bijlermeer, hauptsächlich Migranten aus Surinam und Afrika, sowie den Journalisten, der als Erster die offizielle Darstellung der Katastrophe in Frage gestellt hatte; mit ihnen führte er einen Dialog über den Flugzeugabsturz und ihren wieder gewonnenen Alltag im nach dem Unglück sanierten Gebäudekomplex. Die daraus resultierende Installation vermittelt Ausschnitte dieser Treffen in einer Diashow und zwei als Lautsprecher gearbeiteten Soundskulpturen „The Horns of Jericho“. Über die Ausstellung heißt es: „Formal minimalistische Objekte zitierend, lassen die Lautsprecher, bei denen der Ton durch eine Spirale von Kammern geleitet wird, ebenso die spiralenartige Fluglinie des Frachtflugzeugs assoziieren.“ Und der Hessische Rundfunk kommentierte in einem Bericht aus Wiesbaden, Gal erforsche „einzelne subjektive Erinnerungen, bringt sie untereinander in Verbindung und kreiert ein dichtes Netz aus Fragen und ihren möglichen Antworten“.

Ausgangsmaterial der Arbeiten von Dani Gal bilden häufig historische Dokumente, Medienberichte und Interviews, die er in raumgreifende, formal reduzierte Ton-, Bild- und Videoinstallationen überführt, um sie auf ihre vermeintliche Eindeutigkeit hin zu befragen. Eine seiner zentralen Arbeiten ist das „Historical Record Archive“, eine Sammlung öffentlicher Ansprachen, Radiosendungen und Interviews, die auf Vinylschallplatten veröffentlicht wurden. „Häufig interessiere ich mich gar nicht so sehr für die ursprüngliche Intention einer veröffentlichten Aufnahme. Sie wird erst interessant, wenn Klänge, Stimmen oder Kommentare normaler Menschen dazukommen“, erläutert Dani Gal. „Das findet man zum Beispiel auf einer Aufnahme vom 9. November 1989, dem Tag, als die Berliner Mauer fiel. Man kann die Aufregung der Anwesenden hören und spüren.“

Im Alter von 25 Jahren kam der Israeli als Austauschstudent an die Staatliche Hochschule für Bildende Künste Städelschule nach Frankfurt am Main; diese Schule gilt – das betrifft Lehrende und Studierende in gleichem Maße – als internationale Institution: Mehr als 80 Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland. Die relativ geringe Anzahl von etwa 130 Studierenden im Bereich Bildende Kunst und nur 30 im Bereich Architektur ermöglicht eine sehr direkte und intensive Auseinandersetzung mit den insgesamt zwölf Lehrkräften. Zum internationalen Renommee der Schule trägt auch die Kunsthalle Portikus bei. Dort stellen Künstler aus aller Welt aus; die Studierenden der Schule profitieren davon auf vielfältige Weise. Im Laufe der Jahre hat sich dieser Ort als ein führendes Zentrum für experimentelle Kunst in Deutschland etabliert. Vor seinem fünfjährigen Aufenthalt in Frankfurt hatte Gal an der Bezalel Academy for Art and Design in Jerusalem sowie am Avni Institute in Tel Aviv studiert. Ein „Abstecher“ führte ihn 2005 auch an die Cooper Union for the Advancement of Science and Art nach New York.

„Ars viva“ ist schon der zweite renommierte Kunstpreis, den der Israeli erhalten hat: 2008 wurde er mit dem Villa Romana-Preis „Freisteller“ ausgezeichnet. „Freisteller“ ist ein Begriff, den man aus Fotografie, Drucktechnik und Computergrafik kennt: Ein Motiv wird vom Hintergrund und seinem Kontext „befreit“ und kann dadurch in andere Bildzusammenhänge eingefügt werden. Der Preis soll besonders begabten und vor allem jüngeren Künstlern über ein Stipendium die Möglichkeit bieten, sich während eines längeren Aufenthalts in dieser Villa auf den Hügeln über Florenz weiterzuentwickeln. Zehn Monate lebte Dani Gal dort zusammen mit anderen Preisträgern, ausgestattet mit einem Atelier mit eingerichteter Wohnung. Der Villa Romana-Preis ist – geschaffen 1905 – der älteste deutsche Kunstpreis; für die Preisträger im ersten Jahrzehnt des letzten Jahrhunderts stehen so klangvolle Namen wie Georg Kolbe, Max Beckmann, Käthe Kollwitz und Ernst Barlach.

Dani Gal wohnt in Berlin zusammen mit seiner Lebensgefährtin Shannon Bool und dem gemeinsamen, nicht ganz ein Jahr alten Sohn zusammen. Shannon, eine Kanadierin – sie haben sich auf der Städelschule kennengelernt – ist ebenfalls Künstlerin: Malerei, Kollagen, Skulpturen und auch Installationen sind ihre Schwerpunkte. „Wir sprechen natürlich jede Menge über Kunst“, sagt Dani Gal, „und helfen uns gegenseitig mit Ideen, auch wenn sich unsere künstlerischen Arbeiten stark voneinander unterscheiden“.

In seinen Auszeichnungen sieht Gal „eine große Ehre; sie bedeuten für meine Arbeit Anspruch und Unterstützung zugleich“, sagt er im Gespräch. „Ich fange an, mich zu langweilen, wenn ich keine Kunst mache“, antwortet er auf die Frage, warum er künstlerisch arbeite. Seine einzelnen Werke sieht er „miteinander verwoben; sie bilden ein insgesamt in sich geschlossenes Ganzes“.

Danis Eltern arbeiten beide als Bauingenieure in Jerusalem; sie emigrierten – wiederum mit ihren Eltern – 1964 aus Rumänien nach Israel und studierten in Haifa. Eine Schwester lebt und arbeitet als Architektin in Tel Aviv – einer Stadt, in der sich auch der Künstler sehr gern aufhält, „weil sie eine Stadt ist, die Spaß macht“. Aber: Er wohne und arbeite gern in Berlin und könne sich nicht vorstellen, in einer anderen deutschen Stadt zu leben, betont Dani Gal. An Berlin schätzt er „die Internationalität der Stadt“, sie biete, meint er, „eine sehr entspannte Atmosphäre, ist dennoch kulturell sehr aktiv, attraktiv und multikulturell – das ideale Umfeld für einen Kunstschaffenden“. Es scheint, Dani Gal wird auf Dauer in der deutschen Metropole bleiben.

02.11.2009
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