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Gemeinsam etwas bewegen

Sie helfen, beraten, decken auf und engagieren sich in vielen Bereichen: NROs aus Deutschland sind wichtige Akteure in der Gesellschaft – nicht nur der deutschen

Von Rainer Stumpf

Eine große hellbraune Fläche, geschmückt mit tannengrünen Flecken. Darüber liegt ein milchig-zarter Schleier. Seltsam abstrakt wirkt die Satellitenaufnahme der Erde. Was sie offenbart, ist eine lebensbedrohende Wirklichkeit. Der Blick aus dem All auf den zentralasiatischen Aralsee gilt als Zeichen für den Klimawandel und den zerstörerischen Umgang der Menschen mit der Natur. Vom einst viertgrößten See der Welt sind nur noch einzelne Wasserflächen übrig. Tiefgrüne Tupfer in sandbrauner Landschaft. Der milchige Schleier: Sandstürme, ausgelöst durch die Vertrocknung des Gewässers, die wiederum ist eine Folge der Bewässerungspläne der eins­tigen sowjetischen Führung. Der Klimawandel heizt diesen Prozess noch an. Dennoch versuchen die Anrainerstaaten Kasachstan und Usbekistan mit internationaler Unterstützung, den See zu retten. Gut möglich, dass dieses im Mai 2009 veröffentlichte Bild bald in vielen deutschen Klassenzimmern an die Wand projiziert wird. Aufnahmen wie diese präsentiert die Nichtregierungsorganisation (NRO) Germanwatch während ihrer „Klimaexpedition“ an ­Schulen im ganzen Land. Wirbelstürme, Gletscherschmelze, Versteppung – wenn die Schülerinnen und Schüler die Aus­wirkungen der Umweltzerstörung in ihren riesigen Dimensionen sehen, verstehen viele erst die wahre Größe des Problems. Die Germanwatch-„Klimaexpedition“ wirkt. Weshalb sie auch als offizielles Projekt der Dekade „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ der Vereinten Nationen ausgezeichnet worden ist. Ein prestigeträchtiger Erfolg für den deutschen Verein. Und ein Indiz für die Bedeutung von Nichtregierungsorganisationen.

Nahezu alle wichtigen internationalen NROs wie Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen sind mit eigenen Büros in Deutschland vertreten. Doch gibt es auch viele deutsche Initiativen, die sich weltweit engagieren. Sie setzen sich für den Klimaschutz ein, für gerechten Welthandel, prangern Völkermord an oder organisieren die medizinische Versorgung von Flüchtlingen. Fast immer arbeiten die Oganisationen themenorientiert. Politikern in autoritären Staaten sind sie ein Dorn im Auge. Die Öffentlichkeit aber schätzt ihre Arbeit. Thilo Bode, der deutsche „Mr. NRO“ und ehemalige Chef von Greenpeace International, nennt sie das „Fundament der Zivilgesellschaft“. Von der Bühne der politischen Akteure sind sie nicht mehr wegzudenken.

Ihre Wurzeln haben die meisten der größeren deutschen NROs in den gesellschaftskritischen Bewegungen der 60er-und 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts. Dies erklärt auch die Schwerpunkte, die sie sich bei ihrem Engagement setzen: Umwelt, Entwicklung, soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte oder Frieden. „Die Nichtregierungsorganisationen artikulieren die Anliegen der Weltöffentlichkeit, greifen etwas auf, was ihrer Meinung nach politisch vernachlässigt wird“, sagt Claus Leggewie, Professor für Politikwissenschaft an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Wie das in der Praxis aussieht, zeigen die Erfolge der deutschen Umwelt-NROs. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), 1975 gegründet, thematisierte das durch Umweltverschmutzung ausge­lös­te Waldsterben in Europa schon lange bevor die Politik dessen Relevanz erkannte. 1981 organisierte der Verein erste Pressefahrten in betroffene Waldgebiete. Die Fotos abgestorbener Bäume gingen durch alle deutschen Medien – und die Bevölkerung forderte von der politischen Seite Konsequenzen, die schließlich auch erfolgten. Die Erfolgsgeschichte des BUND ging weiter. Bereits 1984 waren über 100000 Deutsche Mitglied der Umweltschutzorganisation. Über 400000 sind es heute. Wobei eine hohe Mitgliederzahl nicht gleichbedeutend mit einer höheren Wahrnehmung ist, gibt Leggewie zu bedenken. Entscheidend sei, wie eine NRO in den Medien wahrgenommen werde. Ohne öffentlichkeitswirksame Aktionen komme keine Organisation mehr aus.

Der weltweit größte Erfolg für die – nicht nur deutschen – Nichtregierungsorganisationen war bisher die Rio-Konferenz der Vereinten Nationen im Jahr 1992. 2400 NRO-Vertreter nahmen an der Konferenz über Umwelt und Entwicklung teil, 17000 Menschen besuchten das parallel laufende NRO-Forum. Wurden die Initiativen anfangs von der Politik belächelt, sind sie heute anerkannte Diskussionspartner. Von den Organisationen angeregte Themen, die von der Politik adaptiert werden, sind keine Seltenheit. Manchmal sind die Grenzen zwischen NROs und Politik auch fließend. Und NRO-Vertreter gehen auch in die Politik. So wie die ehemalige Deutschland-Chefin von Amnesty International, Barbara Lochbihler, und Sven Giegold, einer der Gründer von Attac Deutschland. Beide ehemaligen NRO-Spitzenvertreter traten bei der Europawahl 2009 für die Partei Bündnis 90/Die Grünen an.

31.07.2009
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