„Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland“, hat der deutsche Bundespräsident Christian Wulff in seiner viel beachteten Rede zum Nationalfeiertag am 3. Oktober 2010 gesagt. Noch bevor er zu seinem Staatsbesuch in die Türkei aufgebrochen war, hatte der CDU-Politiker damit deutlich gemacht, dass Muslime in Deutschland willkommen sind – ein mutiger Satz mitten in einer erregten Debatte über die angeblich mangelnde Integration von Einwanderern aus muslimischen Ländern, die der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin angezettelt hat. In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ vertritt er provokativ die Meinung, dass durch Einwanderer aus muslimischen Ländern, die häufig schlechter qualifiziert seien als die Einheimischen, aber mehr Kinder bekämen, das intellektuelle Niveau im Land sinke.
An den deutschen Universitäten vollzieht sich jedoch gerade eine Entwicklung, die Wulffs Worte unterstreicht: Dort werden künftig an eigenen Fakultäten muslimische Religionslehrer und Imame ausgebildet. Bezahlt wird das von den Bundesländern. Die drei Fakultäten, die die besten Konzepte vorgelegt haben, bekommen zusätzlich sogar Mittel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, und zwar jeweils bis zu vier Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren.
„Wenn sich das vor zehn Jahren jemand gewünscht hätte, wäre er ausgelacht worden“, sagt Bülent Ucar, Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. „Was für ein Mentalitätswandel stattgefunden hat, ist unvorstellbar. Mittlerweile ist es Konsens unter christdemokratischen Politikern, dass wir an deutschen Universitäten eine Imam- und Religionslehrer-Ausbildung brauchen.“ Wolfgang Schäuble (CDU), der frühere Bundesinnenminister, war es, der mit der von ihm einberufenen Islamkonferenz, einer mehrjährigen Dialogveranstaltung, diesen Wandel herbeigeführt hat. Schon seit Mitte der neunziger Jahre bemühten sich muslimische Gemeinden in Deutschland darum, dass ihre Kinder Religionsunterricht an staatlichen Schulen erhalten.
Doch die Bundesländer, die für die Schulen zuständig sind, zögerten. Der Islam hat eine andere Struktur als die christlichen Kirchen. Wer sollte die Lehrpläne aufstellen? Wer sollte darüber entscheiden, ob die Lehrer geeignet sind? Beim christlichen Religionsunterricht entscheiden die Kirchen über beide Fragen mit – aber welche der vielen verschiedenen kleinen muslimischen Gruppierungen in Deutschland hätten die Bundesländer fragen sollen? Es fehlten das Vertrauen in die islamischen Verbände und der politische Wille. So kam es nur zu einigen Modellversuchen in Schulen mit hohem Ausländeranteil.
Das änderte sich nach dem 11. September 2001. Schließlich waren die Attentäter in Deutschland radikalisiert worden. Der islamische Religionsunterricht, so die Hoffnung der Politik, sollte die Schüler immun machen gegen extremistisches Gedankengut. Die zweite große Erwartung der Politik an den islamischen Religionsunterricht ist, dass er die Integration der Schüler verbessert, indem er ihre Identität stärkt und ihnen zeigt, dass sie in Deutschland als Muslime erwünscht sind.
Fast jeder vierte der vier Millionen Muslime in Deutschland ist minderjährig. Nur drei Prozent von ihnen erhalten bisher islamische Religionskunde. Um den Unterricht flächendeckend einzuführen, brauchte man mehrere tausend Lehrer. Die Universitäten, die nun die Förderung des Bundes erhalten, sind Tübingen im Süden Deutschlands sowie die beiden Universitäten Münster und Osnabrück im Norden. Letztere liegen nur eine halbe Stunde Bahnfahrt auseinander und sollen miteinander kooperieren, um ein inhaltlich breiteres Angebot auf die Beine zu stellen. In Osnabrück, der Heimatstadt von Bundespräsident Wulff, lehren die beiden türkischstämmigen Professoren Bülent Ucar und Rauf Ceylan, in Münster der aus dem Libanon stammende Mouhanad Khorchide. In Tübingen müssen erst noch Professoren berufen werden, was nicht leicht wird: Deutschsprachige Professoren für Islamische Religionspädagogik gibt es so gut wie keine mehr. Eine Zeit lang wird man sich mit Gastwissenschaftlern aus muslimischen Ländern helfen müssen.
In Frankfurt am Main bezahlt das türkische Präsidium für religiöse Angelegenheiten Diyanet aus Ankara zwei Stiftungsprofessuren. Dort lehren die beiden Wissenschaftler Ömer Öszoy (Islamische Theologie) und Abdullah Takim (Islamwissenschaft). Auch die Universitäten Erlangen-Nürnberg und Marburg-Gießen hätten gerne Geld aus dem Topf des Bundes bekommen. Doch ihr Konzept überzeugte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) noch nicht. Im Frühjahr 2011 gibt es eine zweite Runde, in der sie und weitere Universitäten sich um Mittel bewerben können.
Unklar sind bisher allerdings die beruflichen Perspektiven der Studenten. Als Religionslehrer müssen sie noch ein zweites Fach studie- ren, um sich auf eine reguläre, staatlich finanzierte Lehrerstelle bewerben zu können. Die muslimischen Gemeinden, die überwiegend von Spenden leben, zahlen ihren Imamen so niedrige Löhne, dass diese davon nicht leben können. Daher hat der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) den Vorschlag gemacht, dass der Staat muslimische Religionslehrer mit halber Stundenzahl anstellen solle, die in der übrigen Zeit als Imame arbeiten. So hätten sie einen höheren Verdienst und eine gewisse Unabhängigkeit von der Gemeinde. Der Osnabrücker Professor Bülent Ucar geht sogar noch einen Schritt weiter: Er schlägt die Einrichtung einer staatlichen Stiftung vor, aus deren Ertrag die Gehälter der Imame finanziert werden sollen. Doch in einem Land wie Deutschland, in dem der Staat den Kirchen und Religionsgemeinschaften zwar wohlwollend, aber dennoch neutral gegenübersteht, ist eine solche Lö- sung eher unwahrscheinlich.////














