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Für ein gelebtes Europa

Europa – ein Modell in der Krise? Neun Europäer bekennen sich zu Europa und erzählen, was ihnen die Gemeinschaft ganz persönlich bedeutet.

Hannes Stöhr

Regisseur und Drehbuchautor, Berlin

„Europa braucht eine gemeinsame Sprache“

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich im Zug, fahre zur Beerdigung von meiner Oma mütterlicherseits.

Oma Else wurde 94 Jahre alt, brachte meine Mutter während des Zweiten Weltkriegs zur Welt. Als die Amerikaner im Mai 1945 ihr Haus auf dem Land in Niedersachsen besuchten, verbarrikadierte sie sich mit meiner Mutter in einem Zimmer. Es gab schlimme Gerüchte von Vergewaltigungen. Alles von Wert war schon im Garten vergraben. Als ein afroamerikanischer Soldat dann in das Zimmer von meiner Großmutter vordrang, setzte er sich friedlich neben sie und war sehr freundlich. Er zeigte ein Bild von seiner Tochter, er war  auch gerade erst Vater geworden. Meine Oma hatte Glück, mein Opa Helmut kam gesund schon 1945 nach Hause zurück.

Vor mir im Zug sitzen zwei spanische Erasmus Austauschstudenten. Beide sind auch in Berlin-Ostbahnhof zugestiegen. Sie sprechen kein Spanisch, sondern Galego. Da ich einmal 2 Jahre im nordwestlichen Zipfel Spaniens, in Santiago de Compostela gewohnt habe, verstehe ich die galizische Regionalsprache. Sie enthält viele Sch-Laute, die bekanntlich auf die Sueben zurückgehen. Da meine erste Fremdsprache Schwäbisch war, fiel mir die galicische Sprachmelodie auch leicht. Galego gilt auch als Ursprung des Portugiesischen.

Ich blicke aus dem Fenster, denke an meine verstorbene Oma. Was für eine Generation.  Mein Opa Heiner väterlicherseits war Badener, geboren 1893. Er war im ersten Weltkrieg Berufssoldat, erlebte unter Anderem den Stellungskrieg an den elsässischen Hartmannswiilerkopf 1915. Insgesamt verloren 30 000 Soldaten dort ihr Leben. Nach dem ersten Weltkrieg wollte mein Opa kein Soldat mehr sein, machte das Abitur nach und absolvierte eine Banklehre. Mein Vater ist zum Teil im Elsass aufgewachsen, da mein Opa Heiner im zweiten Weltkrieg bei der Reichsbank  war und wieder ins Elsass beordert wurde. Zum Zeitpunkt der ersten Flächenbombardements über Süddeutschland kam mein Vater als kleiner Junge mit einem Brief von der Großmutter in die Bank und sagte auf Elsässerdeutsch: Papa, die grandmere hat gschrieven... Die Elsässer in der Bank haben gelacht. Elsässerdeutsch war unter Reichsdeutschen eigentlich verpönt, aber mein Opa Heiner nahm das nicht so genau. Elsässer kämpften im ersten Weltkrieg auf deutscher Seite, mein Opa verdankte einem Elsässer sein Leben. In Berlin wohne ich in einem Viertel, welches mit französischen Reparationsgeldern von 1871 gebaut wurde. Seit die Mieten in Paris für viele unbezahlbar geworden sind, kommen immer mehr Franzosen nach Berlin. Ich habe gerne französische Nachbarn.

Insgesamt identifiziere ich 6 Sprachen in meinem Zugabteil: Neben Deutsch, dem Galego der zwei Studenten, noch Holländisch, Englisch, Russisch und  Türkisch. Wenn Europa, so wie die Vereinigten Staaten von Amerika, eine gemeinsame Sprache hätte, wäre vielleicht vieles einfacher. 2004 habe ich über Kommunikation unter Europäern mal einen Film mit dem Namen „One Day in Europe“ gedreht. Den Titel kann man mit „Ein Tag in Europe“ oder „Eines Tages in Europa“ übersetzen. Europa braucht eine gemeinsame Sprache. Ich tippe, in 100 Jahren spricht der Kontinent European English, mit Leitmotiv und kaputt, mit mise en scene und siesta, mit ciao und chill out area, mit nasdrovje und merhaba. Auf der Facebook Seite meines letzten Films Berlin Calling, wird jetzt schon European English gesprochen.

Der Zug passiert Wolfsburg. Die beiden spanischen Erasmus Studenten verlassen den Zug, sie besuchen den Onkel des Einen, der schon über 25 Jahre bei VW arbeitet. Tausende Golfs und Audis parken vor dem VW Werk, fahren bald durch ganz Europa. Viele lesen Zeitung im Zug. Eine Überschrift lautet: Merkel und Sarkozy gründen den Klub der Super- Europäer. Wir müssen noch enger zusammenrücken, gemeinsam einen Weg finden wie wir uns organisieren, um in der Globalisierung mit Ländern wie den USA, China oder Indien mitzuhalten. Ein europäischer Bundesstaat, die Vereinigten Staaten von Europa (USE), könnten eine Lösung sein. Der Weg dorthin wird sehr beschwerlich werden und lange dauern.

In der jetzigen Eurokrise brauchen wir vor allem Solidarität unter den EU Ländern, egal ob sie jetzt den Euro haben oder nicht. Solidarność, der Name der polnischen Gewerkschaft, die entscheidend zur Wende in Osteuropa 1989 beigetragen hat, ist das Zauberwort. Der momentan polnische Ratspräsident Europas, Donald Tusk, weiß das und sagt es auch. Das gibt Hoffnung.

Hinter mir sitzt ein Fahrgast, der sich ein Haus in Mallorca gekauft hat und seinem Sitznachbarn davon vorschwärmt. Zwei Minuten später vertritt er die Meinung er sei nicht bereit auch nur einen Euro für die Rettung Spaniens, Griechenlands und Portugals Wirtschaft zu bezahlen. Diese Logik verstehe ich nicht. Die Vorteile des EU Europas für selbstverständlich nehmen, aber die Nachteile ablehnen macht keinen Sinn. Irgendwoher kenne ich diese Argumentation auch schon: Zur deutschen Einheit gab es im Westen genügend, die keinen Pfennig zahlen wollten für die neuen Bundesländer.

Der Zug fährt in eine Kurve, der Fahrgastbetreuer mit dem Namen M. Yildirim verkauft Kaffee.

Deutschland hat auch lange Zeit gebraucht die Kleinstaaterei zu überwinden. Bayern musste man 1871 sogar Geld bezahlen, damit sie bei der Deutschen Einheit mitmachten. Und ohne Krieg nach außen hätte es die Deutsche Einheit 1871 wahrscheinlich gar nicht gegeben. Ich hoffe Europa schafft es ohne Krieg. 1871 vollzog man zuerst die politische Union, dann erst die Währungsunion.  Damit wurde die Guldenwährung der süddeutschen Staaten und die Talerwährung der norddeutschen Staaten durch die neu geschaffene Mark ersetzt. Dies ist sicher ein entscheidender Unterschied zu Heute.  Wir haben in Europa eine Währungsunion, ohne eine politische Union vollzogen zu haben. Dieser Konstruktionsfehler muss jetzt behoben werden.

Natürlich hört beim Euro der Spaß auf. Beim deutschen Länderfinanzausgleich zahlt der starke Süden (Baden-Württemberg, Bayern und Hessen) regelmäßig murrend ein und wäre dennoch ohne direkten Zugang zum Hamburger Containerhafen kaum noch konkurrenzfähig. In Spanien beklagen sich regelmäßig die Katalanen, in Italien der Norden über den Rest des Landes. Jedes europäische Land kennt das Lied vom „faulen Nachbarn“, in den Vereinigten Staaten von Europa, USE, würde es eben vielstimmig auf europäischer Ebene gesungen.

Eine politische Union muss zwei Dinge gewährleisten: Es muss einheitliche Regeln geben in der Wirtschaftspolitik und die unterschiedliche Leistungsfähigkeit der einzelnen Regionen muss ausgeglichen werden, so wie es beim deutschen Länderfinanzausgleich auch der Fall ist. Ich wünsche mir ein Europa der Regionen. Für Deutschland exemplarisch möchte ich die Bayernpartei aus ihrem Urprogramm von 1949 zitieren: „Ein bürgernahes und demokratisches Europa kann nur über möglichst subsidiaritäre Zuständigkeiten und in unmittelbarer Zusammenarbeit zwischen den historisch gewachsenen Regionen gestaltet werden.“ Dieser Satz ist auch noch heute aktuell, könnte sicher auch von einem Waliser, einem Gallego, einem Katalanen oder einem Bretonen stammen.“ Der Vorteil einer regionalen Verwaltung ist sicher die  Sachkompetenz im Detail und die Bürgernähe. Je mehr Macht in Richtung Europa geht, desto wichtiger wird die Identifikation mit der Region. Die nationalen Parlamente werden Kompetenzen an Brüssel abgeben müssen ohne Neue von den Regionen zu bekommen. Der Nation kommt die wichtige Funktion des Moderators zu, aber die Zeit der europäischen Nationalstaaten ist vorbei. Ich behaupte, dass es dem Bürger letztendlich egal ist, ob die Außen-Finanz oder Wirtschaftspolitik in Brüssel oder in Berlin gemacht wird.

Wir in Deutschland haben die letzten 22 Jahre erlebt, wie schwierig und kompliziert das Zusammenwachsen mit Ostdeutschland für beide Seiten ist. Darüber habe ich auch einmal einen Film gedreht, Berlin is in Germany (2001). Das Zusammenwachsen Europas wird um ein Vielfaches komplizierter werden. Die Mentalitätsunterschiede sind enorm, die Sprachbarriere kommt hinzu.

Sank you for trävelling with Deutsche Bahn höre ich aus den Lautsprechern, die Zeit ist um. Ich hätte gerne noch ein paar Zeilen zu Polen, Ungarn, Schweden, Norwegen, Großbritannien, der Türkei, Russland, ja sogar Israel geschrieben, nun beschränke ich mich auf das Schlusswort: Europa steht für mich für Frieden, Freiheit, Vielfalt, Wohlstand und Zukunft.

 

Maria Tandeck

Junge Europäerin des Jahres 2010, studiert seit 2009 an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder

„Europa bedeutet Zukunft für mich“

Ich komme aus dem polnischen Posen. Seit zwei Jahren studiere ich an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder „German and Polish Law“. Die EU-Beitrittsverhandlungen meines Heimatlandes haben mein Interesse für Europapolitik geweckt. Als Mitglied im Polnischen Jugendrat habe ich mich für die Interessen junger Menschen engagiert.

Für mich bedeutet das vereinigte Europa „Zukunft“. Europa muss man als Chance sehen, aber es ist noch mehr: Die EU ist das Beste, was unserer Generation passieren konnte. Auf den Ruinen des 20. Jahrhunderts wächst eine neue Gesellschaft, und wir haben das Glück, ein Teil davon zu sein. Wir beklagen uns gerne über die Euro-Krise oder Arbeitslosigkeit. Wir müssen uns aber klarmachen, dass wir in einer der privilegiertesten Regionen der Welt ­leben. Von Sachen, die für uns selbstverständlich sind, wie Frieden können viele nur träumen. Heute haben wir die Pflicht zu zeigen, dass die Grundprinzipien der EU, wie der Solidaritätsgrundsatz, wirklich funktionieren. Europa kann nur als Gemeinschaft stark werden. Und die Stärkeren müssen den Schwächeren helfen. Das liegt im Interesse aller Europäer.

Damit wir in Europa unsere Träume leben können, müssen wir als Bürger aktiv werden. So können wir in einem demokratischen, sozialen, gerechten Europa leben, wo die Menschen im Mittelpunkt stehen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass wir immer noch am Anfang unseres Weges sind. Es ist unsere Aufgabe, diesen Weg zu gehen und zu gestalten. Jetzt tragen wir die Verantwortung, jetzt schreiben wir die Geschichte!

 

Turgut Yüksel

Bildungsreferent und Mitglied der Stadtverordnetenversammlung, Frankfurt am Main

„Europa verpflichtet uns zur Solidarität“

Aufgewachsen bin ich in Istanbul, seit 1978 lebe ich in Frankfurt am Main. Hier habe ich studiert, arbeite ich als Bildungsreferent für den Jugendring und engagiere ich mich politisch. Für mich ist die europäische Einigung ein Projekt, das nationalstaatliches Denken überwindet, Frieden, Demokratie und Freiheit in Europa sichert. Früher gab es viele diktatorische Regime in Europa, die ihr eigenes Volk unterjocht haben. In Kriegen haben sich die Völker Europas aus nationalistischen Interessen heraus bekämpft. Diese Zeiten sind zum Glück vorbei. Trotz der aktuellen Schwierigkeiten verpflichtet Europa uns zur Solidarität und ermöglicht uns die Begegnung ohne Grenzen mit Lebenswelten, Kulturen und Nationen aus verschiedenen Ländern Europas. Es bereichert uns. Es ist ein schönes Gefühl, ohne warten zu müssen, die Grenzen passieren zu dürfen. Dabei darf Europa aber keine unüberwindbare Festung gegen die Menschen werden, die Zuflucht und Sicherheit suchen. Wir müssen uns gemeinsam gegen jegliche Tendenzen von Intoleranz und Diskriminierung wehren, die uns spalten und das friedliche Zusammenleben aller Menschen in Europa gefährden.

 

Gaspar Cano Peral

Leiter des spanischen Kulturinstituts „Instituto Cervantes“ in Berlin

„Europa gibt uns das Privileg, in Frieden zu leben“

Ich hatte das Glück, zunächst Gründungsdirektor des Instituto Cervantes in Stockholm zu sein, wo 2005 zum ersten Mal zwei europäische Kulturinstitute dasselbe Gebäude teilten. Gemeinsam mit dem deutschen Goethe-Institut öffnete das Instituto Cervantes seine Türen – quasi als ein europäisches Projekt. Europa konfrontiert uns mit einem Bild, das aus vielen Einzelteilen besteht. Es erfordert, dass wir, ohne unsere Wurzeln zu vergessen, jeden nationalistischen Narzissmus überwinden. Kultureller Austausch und das Erlernen von Sprachen sind hervorragend geeignet, um Brücken zu bauen. Somit bin ich froh und stolz, dass das Instituto Cervantes seinen kleinen Beitrag zum Zusammenwachsen Europas leisten kann.

Ich bin Spanier, arbeite in Deutschland. Meine Kinder sprechen neben Spanisch und Schwedisch, der Sprache ihrer Mutter, auch noch Deutsch. Kann man europäischer sein? Wir wechseln von einer Sprache in die andere, ohne anzuhalten. Es überrascht mich immer wieder, wie unterschiedlich wir Europäer sind, obwohl wir doch gleichzeitig so nah beieinander sind. Jedes europäische Projekt erfordert trotz unserer Unterschiede einen universellen Charakter. Auch wenn wir die schrecklichen Kriege der vergangenen Jahrhunderte nicht vergessen können, haben wir nun das Privileg, in Frieden zu leben. Und trotz aller momentanen Schwierigkeiten ist dies eine große Möglichkeit, an einer besseren, europäischen Zukunft zu arbeiten.

 

Unternehmerin, Geschäftsführende Gesellschafterin IWG Isolier Wendt GmbH, Berlin

Karoline Beck

„Europa ist definitiv mehr als der Euro“

Die Idee eines gemeinsamen Währungsraumes im Zeitalter ­globalisierter Märkte war und ist im Prinzip bestechend. Der wichtige Handel im europäischen Binnenmarkt ist durch den ­Euro ohne jeden Zweifel erleichtert worden. Außereuropäisch macht es Sinn, großen Handelspartnern wie China oder ­Russland mit einer starken und stabilen Weltwährung entgegenzutreten. Stabilität sagt für mich nicht zuerst etwas über Inflationsraten aus, sondern ist ein Gradmesser für die Verlässlichkeit von Politik und Geldpolitik im Speziellen. Diese sehe ich im Zuge der Krise schwer beschädigt. Glasklare Regeln und Vereinbarungen wurden missachtet. Insbesondere die marktwirtschaftliche Einheit von Risiko und Haftung ist dauerhaft beschädigt. Derjenige, der schlecht wirtschaftet und haushaltet, muss auch die Konsequenzen tragen. Das gilt für Unternehmen und muss auch wieder für Staaten gelten. Nur wenn es gelingt, dem Prinzip von Risiko und Haftung in Europa wieder Geltung zu verschaffen, kann der Euro wieder in ruhigere Gewässer kommen. Es wäre ein Gewinn für uns alle.

 

Bruder Paulus Terwitte

Ordensmann, TV- und Radiomoderator, leitet die Brüdergemeinschaft des Kapuzinerklosters Liebfrauen in Frankfurt am Main

„Als Ordensbruder bin ich Europäer“

Als Ordensbruder bin ich Europäer und Weltbürger. Ich bin verbunden mit Hunderten von Kapuzinerbrüdern in Warschau und Bukarest, in Athen und Palermo, auf Malta, in Barcelona und in Dublin und London. Auch in Oslo leben Brüder meines Ordens. Wir freuen uns, wenn die Einladung Gottes an die Menschheit, eins zu sein, voranschreitet auch im Wachstum der europäischen Gemeinschaft. Es muss bestimmt sein von Werten wie Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. So nur kann es zu einem Wohlstand der zufriedenen Herzen kommen. Als Ordensmann in der multikulturellen Hauptstadt Deutschlands, in Frankfurt am Main mit seinen Bürgern aus über 145 Nationen, erlebe ich Tag für Tag, wie Europäer zusammenrücken: Sie zeigen stolz ihre gemeinsamen, aber auch ihre eigenen Wurzeln. Der Euro ist dabei eine starke Brücke zwischen den europäischen Nationen. Gleichwohl liegen auf den Straßen unserer Stadt vermehrt Arme. Vor allem aus den osteuropäischen Staaten werden sie in die westlichen Nachbarländer zum Teil regelrecht gekarrt. Hier braucht es europäischen Geist der Caritas, aber auch klare Regeln im Zusammenleben.

 

Marina Rotondo

Projektmanagerin und Italienischlehrerin, Frankfurt am Main

„Europa gibt mir das Gefühl dazuzugehören“

Als ich nach Deutschland kam, musste ich erst einmal Schlange stehen für eine befristete Aufenthaltsgenehmigung. Das war vor 30 Jahren. Ich hatte gerade mein Studium der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Venedig abgeschlossen. Seitdem hat sich in Europa viel zum Vorteil verändert. Eine offizielle Erlaubnis, um in Deutschland zu leben, brauche ich längst nicht mehr. Das vermittelt mir das Gefühl dazuzugehören. Ohne großen Aufwand und Grenzkon­trollen zu reisen und meine Familie in Südtirol besuchen zu können, gefällt mir.

Ich fühle mich als Italienerin und Europäerin. In Frankfurt am Main bin ich zu Hause. Ich mag die Stadt wegen ihrer europäischen und internationalen Atmosphäre. Die Verständigung zwischen Deutschland und meinem Heimatland Italien liegt mir besonders am Herzen. Für die Deutsch-Italienische Vereinigung in Frankfurt engagiere ich mich als Italienischlehrerin. Die Sprachkurse sind für mich immer besondere Momente der Begegnung mit Menschen, die sich für die italienische Kultur begeistern.

 

Journalistin der französischen Zeitschrift „Le petit journal“, Frankfurt am Main

Emmanuelle Hartmann

„Meine Wurzeln liegen in Europa“

Meine Wurzeln, meine Seele und meine Lebenswelt liegen in Europa. Meine französische Großmutter hat einen spanischen Migra­tionshintergrund. Ich bin in Bordeaux geboren. Nach dem Abitur habe ich in Großbritannien gejobbt. Danach studierte ich in Schweden mit Unterstützung des Erasmus-Programms. Dort habe ich meinen deutschen Mann kennengelernt. Unsere Kinder haben die doppelte Staatsangehörigkeit und sind zweisprachig. Ich fühle mich als europäische Weltbürgerin und möchte dieses Lebensgefühl auch den anderen vermitteln. In Frankfurt am Main bin ich verantwortlich für eine Zeitschrift, die frankophonen Einwohnern im Rhein-Main-Gebiet hilft, ihr Leben in Deutschland zu gestalten. Ein europäisches Team bildet die Redaktion.

Das Erasmus-Programm war meine erste konkrete Erfahrung mit einem gemeinschaftlichen Europa. Alle Projekte zur Förderung des Schüler- und Studentenaustauschs finde ich wichtig, um ein interkulturelles Zusammenleben und die sprachliche und kulturelle Vielfalt der EU zu stärken. Mit wenig Geld könnten diese Programme so viel für die Zukunft Europas leisten. In Deutschland gibt es viele EU-Debatten, die Bürger zu Wort kommen lassen. Das ist ein starkes Beispiel gelebter Demokratie. Und die EU braucht mehr denn je eine Stärkung europäischer Demokratie!

 

Professor Dr. Karl Ulrich Mayer

Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Berlin, die 87 Wissenschaftseinrichtungen umfasst. Professor Mayer ist Mitglied im Governing Board der neuen europäischen Wissenschaftsorganisation „Science Europe“, Brüssel

„Europa bedeutet für mich enge wissenschaftliche Kontakte“

Für mich wie für viele Deutsche meiner Generation ist Europa das Vaterland, das Deutschland nicht ungebrochen sein konnte. Mein Europa reicht von Prag, wo meine Frau geboren wurde, und von der Ukraine, aus der ihre Familie stammt, bis nach England und Italien, wo wir gelebt haben und unsere Kinder zur Schule gingen.

Europa bedeutet für mich auch enge wissenschaftliche und persönliche Kontakte und Netzwerke von Spanien bis nach Finnland und von Irland bis nach Polen, die sich durchaus auch als Kontrast und Konkurrenz zu den USA verstanden. So war ich lange Jahre Gründungsherausgeber des „European Sociological Review“. Insofern ist Europa für mich ganz selbstverständlicher Lebensraum und kulturelle Welt. Europa ist eine Staatengemeinschaft, die sich über ein halbes Jahrhundert entwickelt hat. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen und wird es möglicherweise auch nie sein. Gerade in Zeiten wie diesen muss Europa seinen Bürgern, aber auch den Partnern in der Welt beweisen, dass man es nach wie vor ernst meint mit der Gemeinschaft. Es muss darum gehen, den Bürgern ökonomische Zusammenhänge verständlich zu erklären. Denn Europa kann nur Erfolg haben, wenn seine Bürger mittragen, was Regierungen, EU-Parlament und Kommission entscheiden.

In der Wissenschaftspolitik ist der Rahmen für Forschung heute nicht mehr national. Die Forschenden in Europa sind beweglicher geworden. Wer von europäischer Förderung profitieren möchte, muss seine Ideen auf den Prüfstand stellen lassen. Die Latte des Erfolgs hängt damit natürlich deutlich höher. Aber genau darin sehe ich den Mehrwert eines europäischen Forschungsraumes, dass nämlich nur die wirklich besten Ideen gefördert werden.

08.12.2011
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