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Wissenschaft

Frieden durch Forschung

Deutsche, israelische und palästinensische Wissenschaftler rekonstruieren die Klimageschichte des Roten Meeres – ein Projekt zwischen Meeresforschung und einem Beitrag zum Friedensprozess.

Von Cornelia Reichert

Hier lebt „eine eigenthümliche charakteristische Fauna, die man sonst nirgends wieder findet“, schrieb Carl Benjamin Klunzinger. Die Blumetiere des Roten Meeres hatten es dem deutschen Arzt und Zoologieexperten angetan, der einer der Pioniere der Korallenforschung war. Das war vor rund 150 Jahren. Inzwischen gibt es eine große, internationale Forschungstradition im Roten Meer. Seit kurzem arbeiten hier auch deutsche, israelische und palästinensische Wissenschaftler in einem neuen Projekt zusammen. Auch dabei geht es um die Korallen – aber nicht nur: Das außergewöhnliche Projekt TRION soll nicht nur neues Wissen liefern, sondern zugleich auch einen Beitrag für Frieden und Verständigung leisten.

„Riffe werden heute gern als Archive verwendet, denn sie bauen in ihren Kalk Spurenelemente aus dem Meerwasser ein und zwar bei bestimmten Temperaturen und bestimmten pH-Werten unterschiedlich“, sagt Professor Anton Eisenhauer vom Leibnitz-Institut für Meereswissenschaften in Kiel (IFM-GEOMAR). Kennt man also das Alter einer Kalkprobe und die Menge eines bestimmten Spurenelements, weiß man auch, wie warm der Ozean oder wie sauer das Wasser zu dieser Zeit war.

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten 700000-Euro-Projekts folgen die Forscher einer besonderen Spur: dem Element Strontium. Bislang galt Strontium als wenig auskunftsfreudig, was die Umweltgeschichte betrifft. „Man nahm an, dass es in der Natur stabil ist und dass sich keine Isotopen bilden“, sagt Eisenhauer. Isotope sind verschieden schwere Typen des gleichen Atoms. „Wir haben gezeigt, dass Strontium das doch tut und zwar direkt abhängig von der Temperatur. Im Roten Meer wollen wir nun ausprobieren, wie genau sich Klimageschichte mit diesem Element nachzeichnen lässt.“

Dabei konzentriert sich die beteiligte palästinensische Wissenschaftlergruppe auf die Datenmessungen und die Kollegen in Deutschland werten sie aus. Das beteiligte israelische Team wiederum testet, wie gut sich Strontium eignet, um etwas über die Umweltvergangenheit auf dem angrenzenden Land herauszufinden: Dafür untersuchen sie gezielt den Sedimenteintrag, der durch Flüsse ins Meer gelangt ist.

Zwar ist internationale Zusammenarbeit in den Meereswissenschaften etwas völlig Alltägliches. Immerhin ist die Forschung technisch, logistisch und finanziell so aufwendig, dass die Länder kooperieren müssen, um sie zu stemmen. Wenn aber deutsche, israelische und palästinensische Wissenschaftler gemeinsam arbeiten, ist das doch etwas Besonderes. Neben dem Team um Eisenhauer sind mehrere Forschergruppen von der Hebräischen Universität Jerusalem beteiligt, eine der bedeutendsten Hochschuleinrichtung Israels mit weltweit hervorragendem Ruf und einer Geschichte von fast hundert Jahren.

Eine Pioniereinrichtung ist dagegen die 1984 gegründete Al-Quds Universität, die einzige palästinensische Forschungseinrichtung in Jerusalem. Gemäß der Haltung ihres Präsidenten tritt sie offen für eine friedliche Lösung des Nahost-Konflikts ein. Von der Al-Quds-Universität kommen die an TRION beteiligten palästinensischen Wissenschaftler.

„Alle Wissenschaftler arbeiten in einer freundschaftlichen Atmosphäre zusammen“, sagt Dr. Mutaz Al-Qutob. Er leitet das Labor für Meeresforschung und Aquakultur an der Al-Quds-Universität. „Wir sind alle hoch motiviert, dass ein wichtiges Projekt wie dieses nicht nur für die Menschen hier im Nahen Osten ein positives Signal ist, sondern für alle Länder weltweit.“

Dabei ist TRION besonders für AlQutob und sein Team eine Herausforderung. „Palästina hat deutlichen Nachholbedarf, was seine Wissenschaft betrifft. Insofern ist dieses Projekt auch dafür gedacht, dass palästinensische Wissenschaftler von der Erfahrung profitieren und technisches Know-How aufbauen können“, sagt Projektleiter Eisenhauer. Vor allem Unterstützung bei der Ausbildung von Studierenden und Nachwuchswissenschaftlern sei gewünscht.

So werden zum Beispiel einige palästinensische Studenten nach Kiel kommen und sich dort fortbilden. Zudem stellt Deutschland der Al-Quds-Universität finanzielle Mittel für ein so genanntes Massenspektrometer zur Verfügung, ein Hochpräzisionsinstrument, um selbst feinste Spuren von Elementen in Proben zu messen.

Wenn unterschiedliche Kulturen zusammenarbeiten, will alles gut vorbereitet und organisiert sein. Dabei wird Eisenhauer von der Geo-Ingenieurin Basak Kisakürek unterstützt. Die Türkin sorgt für noch mehr Internationalität – und dafür, dass die Koordination von TRION reibungslos läuft, denn sie kennt die Wissenschaftsstruktur in der Region gut. „Ich habe schon zweimal für längere Zeit am Roten Meer gearbeitet, ich kenne die Professoren vor Ort und ich weiß, wie die Abläufe dort sind.“ Vor allem hat sie Erfahrung mit eventuellen Tücken in der Kommunikation. „E-Mails zu schreiben ist eher schwieriger als zu telefonieren oder sich persönlich zu treffen“, verrät sie. Aber derzeit klappe alles sehr gut. „Alle antworten schnell.“

Nach mehreren früheren organisatorischen Treffen mit jeweils einigen Beteiligten ist nun im Februar 2011 zum ersten Mal das gesamte wissenschaftliche Team am Geologischen Institut der Hebräischen Universität zusammengekommen. Viele lernten sich dort zum ersten Mal kennen. „Für mich persönlich ist besonders die Hintergrundidee der Friedensunterstützung sehr wichtig. Hier können wir in der Wissenschaft Hilfe zur Selbsthilfe realisieren – einfach indem wir tun, was wir sonst auch tun: zusammenarbeiten. Diese Vorstellung hat mich und mein Team begeistert“, sagt Eisenhauer.////

24.01.2011
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