Verkehrte Welt. Eine deutsche Professorin erklärt in Kyoto japanischen Studenten, wie Manga medientheoretisch funktionieren. Jaqueline Berndt lacht, wenn man sie auf den scheinbar ungewöhnlichen Umstand ihrer Arbeit anspricht. „Ich versuche, einen Perspektivenwechsel anzuregen und meinen Studenten zu zeigen, wie man mit Manga, die sie in der Regel zum reinen Vergnügen lesen, wissenschaftlich umgeht“, sagt die Professorin für Kunst- und Medienwissenschaft, die seit 19 Jahren in Japan lebt und fließend Japanisch spricht. An der Kyoto Seika University wird ihr Blick von außen geschätzt. Denn Jaqueline Berndt ist auch in der Heimat der Manga eine Vorreiterin. Sie ist international eine der wenigen, die sich wissenschaftlich mit diesen Ausdrucksformen beschäftigen. Dabei hatte sie noch in den 90er Jahren mit Vorurteilen zu kämpfen. „Bei Manga und Comics als Forschungsgegenstand gingen selbst jungen Kollegen immer die Gesichter runter.“
Anfang des 19. Jahrhunderts kursierten unter dem Namen „Manga“ Ansammlungen verschiedener Bilder, die durch ihre Übertriebenheit oft Lachen auslösten. Als sich Japan Ende des 19. Jahrhunderts modernisierte und sich dabei an europäischer Karikatur wie amerikanischer Zeitungskultur orientierte, entstand der moderne Manga, zunehmend beeinflusst von amerikanischen Comics. Es erschienen die ersten Kindercomics als Serie. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der Siegeszug jener dynamischen Comicgeschichten, die man mittlerweile weltweit mit dem Namen Manga verbindet. Heute sind Manga in Japan ein festes Kulturgut und gesellschaftsfähig geworden. Jede Altersklasse kommt dabei mit unterschiedlichsten Themen auf ihre Kosten.
Jaqueline Berndt ist mal wieder auf Heimatbesuch. In dem Berliner Manga- und Comicladen „Grober Unfug“ stöbert die Mittvierzigerin in dem umfangreichen Angebot. Es ist nur eine von vielen Anlaufstellen in der Stadt für Manga-Fans, von denen es in Deutschland mittlerweile eine große Gemeinde gibt. Jaqueline Berndt ist häufiger in Deutschland, aber auch in anderen Ländern unterwegs – stets im Dienste der Manga- und Comic-Studien, auf der Suche nach Partnern für einen interkulturellen Austausch. Am liebsten ist sie aber in ihrer Heimatstadt Berlin, wo sich beispielsweise der Reprodukt-Verlag für ebenso anspruchsvolle wie lesbare Comics engagiert. Einige der Zeichnerinnen und Zeichner stellt das Comic-Portal des Goethe-Instituts vor, das seit Herbst 2009 auch eine japanische Version bietet, unter anderem mit Beiträgen der Professorin.
Das Interesse an Japan und seiner Kultur war früh bei Jaqueline Berndt erwacht. Zu Schulzeiten hatte sie Film-Klassiker wie Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“ im Kino gesehen. In ihrem Studium wollte sie unbedingt „eine möglichst schwere Fremdsprache mit visueller Kunst verbinden“. So studierte sie Japanwissenschaft und Ästhetik/Kunstwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und schrieb ihre Doktorarbeit über den Wandel der japanischen Massenkultur unter besonderer Berücksichtigung des Phänomens Manga. Vor 19 Jahren ging sie als Deutsch-Lektorin an die Kyoter Ritsumeikan University. Drei Jahre später wurde sie dort Associate Professor für Deutsch als Fremdsprache, ein Jahr danach für Kunstsoziologie und 2001 für Medien- und Kunstwissenschaft an der Yokohama National University. 2005 hatte sie eine DAAD-Gastdozentur an der Japanologie der Universität Leipzig inne. Seit 2009 ist sie Professorin für Comics-Theorie an der oben genannten Kunsthochschule.
Wissenschaftlich waren Manga lange Zeit unerforscht, auch in Japan. Das änderte sich erst Mitte der 90er Jahre, zu einer Zeit, als Jaqueline Berndt das Buch „Phänomen Manga“ veröffentlichte, eine der ersten umfassenderen westlichen Publikationen zum Thema Manga. Das führte zu Kontakten mit japanischen Doktoranden, durch deren Initiative im Jahr 2000 die Japanische Gesellschaft für Comics-Studien entstand. „Ich merkte, dass ich als Ausländerin wie ein Filter wirkte. Ich konnte gegenüber japanischen Kollegen Dinge offen aussprechen, die aus japanischem Munde wie ein Affront gewirkt hätten. So bin ich immer mehr zur Vermittlerin geworden – nicht nur zwischen Japan und dem Ausland, sondern auch zwischen Fan-Diskurs, populärer Publizistik und Wissenschaft.“
An der Kyoto Seika University, wo Berndt mittlerweile tätig ist, wurde 2000 ein Institut für Manga eingerichtet, das die zwei Studiengänge „Cartoon“ und „Story-Manga“ umfasst. Letzterer war eine Neuheit. Denn nun wurde auf Hochschulniveau Nachwuchs nicht nur für den Zeitungs-Manga, sondern auch für narrative Langformen, die als Serien in speziellen Wochen- oder Monatsmagazinen erscheinen, ausgebildet. Die große Nachfrage im In- und Ausland führte schließlich 2006 zur Gründung der eigenen Manga-Fakultät als vierte und derzeit populärste der Kyoto Seika University mit vier Studiengängen: Cartoon, Story-Manga, Animation sowie „Manga-Produce“ (also für potenzielle Herausgeber, Redakteure, Szenaristen und Vermittler im Allgemeinen). Hier studieren junge Leute, die Mangazeichner werden wollen, aber später auch in Verlagen oder Kultureinrichtungen arbeiten. In ihren Vorlesungen behandelt Jaqueline Berndt Themen wie „Manga und Comics im Kulturvergleich“, und in den Seminaren verlangt sie von Bachelor-Studenten, sich auf ausländische Comics in japanischer Übersetzung einzulassen. In dem gerade eingeführten Master-Kurs für Manga-Studien, der aus einem künstlerisch-praktischen und einem theoretisch-wissenschaftlichen Zweig besteht, unterrichtet sie Theorie. Desweiteren betreut sie Graduiertenarbeiten. Zum allerersten Jahrgang des neuen Master-Kurses gehört Christina Plaka, die in Deutschland als eine der ganz großen Mangazeichnerinnen gilt. Für 2012 ist ein Doktor-Kurs für Manga-Studien in Planung.////















