Herr Klötzer, für Ihr Projekt „Deutsche in Amerika“ haben Sie 120 Deutsche in den Vereinigten Staaten besucht und porträtiert. Wie kamen Sie auf diese außergewöhnliche Idee?
Ich bin in der DDR aufgewachsen und mit dem Fall der Mauer nach Westdeutschland gegangen – so habe ich unter anderem meine zweite Sozialisation erfahren. Schnell ist mir aufgefallen, dass wir zwar alle deutsch, jedoch nicht eine Sprache sprechen. Der Grund dafür ist klar: während über dem Osten der Rote Stern prangte, führte der Marshall Plan im Westen zum Wirtschaftswunder. Ich wollte das Original der westdeutschen Gesellschaft kennen lernen, deshalb bin ich in die USA gegangen. Westdeutschland entstand ja nach dem Zweiten Weltkrieg quasi als Kind der US-Gesellschaft. Also ging ich in die USA und habe mir angeschaut, wie Deutsche in diesem Land leben. Jeder, der seine Heimat verlässt, wird irgendwann mit Fragen nach seiner Identität konfrontiert – ob er von Ost- nach Westdeutschland zieht oder – wie in diesem Fall – von Deutschland nach Amerika auswandert. Als ich 2003 erstmals das Flugzeug nach New York bestieg, war ich ebenfalls noch auf der Suche nach meiner Identität. In den USA ist mit aufgefallen, wie stark die Vorstellungen von Deutschland oft noch durch Klischees geprägt sind – mit Verlaub, nur die wenigsten Deutschen tragen Lederhosen und einen Gamsbart am Hut. Das Hightech-Land Deutschland ist in den Köpfen der Amerikaner oft nicht präsent – von deutschen Automarken mal abgesehen. Ebenso wenig wie das Einwanderungsland Deutschland. Viele US-Bürger wissen nicht, dass in der Bundesrepublik über zwei Millionen Türken leben. Da besteht Informationsbedarf – und an dieser Stelle kann dieses Projekt sicher seinen Beitrag leisten.
Haben Sie bei Ihrer Recherche nicht selbst Lust bekommen, in die USA zu ziehen?
Nein, nicht unbedingt. Obwohl ich es mir nach zehn Monaten Arbeit an diesem Projekt gut vorstellen könnte, sollte sich eine interessante Möglichkeit ergeben. Ich halte immer die Augen offen und bin bereit für neue Dinge.
Wie leben die von Ihnen gezeigten Frauen und Männer in den Vereinigten Staaten?
Den Menschen, die ich getroffen habe, ging es überwiegend gut. Aber es gibt natürlich auch freischaffende Künstler oder Journalisten, die es schwerer haben. Geklagt hat allerdings niemand. Schließlich haben sich alle bewusst für ein Leben in den USA entschieden. Wie die Amerikaner sagen sie sich auch: Klappt es mit einer Sache nicht, fange ich eben eine andere an. Und das gefällt mir sehr gut!
Wäre es umgekehrt nicht auch interessant, ein Projekt über Amerikaner in Deutschland zu starten?
Die entsprechende Internet-Domain ist schon reserviert. Aber zuerst wird die zweisprachige Internet-Seite www.deutsche-in-amerika.net fürs Web 2.0 weiterentwickelt. Sie soll für die Deutschen in den USA zu einer Plattform und einem Netzwerk werden. In den vergangenen Monaten habe ich viele Anfragen mit der Bitte um Teilnahme am Projekt bekommen – dies war der Anstoß, die Internetplattform auf der Basis meiner Arbeit anzubieten. Ich bin überzeugt davon, dass es einen Bedarf an Informationsaustausch auf hohem Niveau gibt. Ein ähnliches Angebot möchte ich auch für Amerikaner in Deutschland einrichten – doch eins nach dem anderen. Auch von Seite der Deutschen Botschaft in Washington und dem Generalkonsulat in New York bekam das Projekt große Unterstützung, sodass heute neben einer professionell produzierten Ausstellung mit 62 Portraits und 40 gerahmten Interviews auch das Buch „Germans – Deutsche in Amerika“ Realität wurde. Die Ausstellung wurde schon in Deutschland gezeigt, später soll sie auch durch Amerika wandern, wo sie bisher nur in Washington zu sehen war. Interessenten können sich gern bei mir melden.














