Es fängt an mit kleinen Dingen, die man vergisst. Falsche Verknüpfungen in der Erinnerung. Irgendwann wissen die Betroffenen nicht mal mehr, wer sie sind. Das Vergessen wird zur Krankheit. Demenzerkrankungen wie die Alzheimer-Krankheit, die in ihrer häufigsten Form bei Personen über dem 65. Lebensjahr auftritt. Die Zahl der Menschen, die unter einer noch unheilbaren neurodegenerativen Erkrankung leiden, wächst kontinuierlich. Allein in Deutschland gibt es rund eine Million Demenzkranke. Jährlich kommen 200000 Neuerkrankungen hinzu. Bislang ist es lediglich möglich, den Krankheitsverlauf mit Medikamenten zu verzögern.
Die Forschung auf diesem Gebiet voranzutreiben, hat sich nun das neu gegründete Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Bonn zum Ziel gesetzt. „Unser Zentrum wird europaweit einmalig sein, sowohl von der Größe her als auch von der Breite der Forschungsansätze“, sagt Gründungsdirektor Professor Dr. Pierluigi Nicotera, der zuvor an der Universität Leicester in Großbritannien, am Karolinska-Institut in Schweden und an der Universität Konstanz die Mechanismen untersuchte, die zur Schädigung von Nervenzellen führen.
Die Idee eines Wissenschaftszentrums, das erstmals die Möglichkeit bietet, Grundlagenforschung und praktische Anwendung eng miteinander zu verknüpfen, entstand 2007. Damals beschloss die Bundesregierung, das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen zu gründen. Im Juni 2008 war es dann so weit. Es sei das erste umfassende und systematische Konzept zur Erforschung von Krankheiten wie Alzheimer, erklärte Bundesforschungsministerin Annette Schavan bei der Eröffnung.
Das DZNE, das zur Helmholtz-Gemeinschaft gehört, wird ausgewiesene Experten zusammenführen und eng mit umliegenden Kliniken, Hochschulen, Max-Planck-Instituten und der Industrie kooperieren. Mit einem Jahresbudget von rund 66 Millionen Euro ist es die erste Einrichtung in Europa, in der die ganze Bandbreite der Forschung vernetzt und gleichzeitig patientennah in die therapeutische Praxis übertragen wird, um die Lebensqualität für die Betroffenen und ihre Angehörigen zu verbessern. Deutschland soll eine Vorreiterrolle in Europa einnehmen. „Wir müssen auch auf europäischer Ebene Standards definieren, was Therapien und die Erfassung der Krankheit angeht“, so der italienische Demenzforscher Nicotera. Eine der ersten Aufgaben des DZNE besteht deshalb darin, ein nationales Register über neurodegenerative Erkrankungen zu schaffen, um deren Häufigkeit und Verlauf genauer verfolgen zu können. Darüber hinaus soll ein Informationszentrum als Ansprechpartner für pflegende Angehörige demenzkranker Patienten sowie als Informationsquelle für niedergelassene Ärzte dienen. In Bonn wird außerdem eine Tagesklinik für Demenzkranke entstehen. So können für die klinische Forschung wichtige Erkenntnisse über den Verlauf der Krankheit gewonnen werden, beispielsweise durch regelmäßige Kernspin-Aufnahmen des Gehirns.
Insgesamt gehören zu dem Bonner Zentrum sieben deutsche Standorte mit unterschiedlichen Forschungsschwerpunkten, darunter Göttingen, München und Dresden. „Dieses neue Konzept ermöglicht es uns, den besten Sachverstand im In- und Ausland zu mobilisieren und die klassische Trennung von universitärer und nicht-universitärer Forschung aufzuheben. Wir verbinden die verschiedenen Partner zu einem großen Ganzen“, sagt Nicotera. Auch am Standort Bonn wird das DZNE von profilierten wissenschaftlichen Institutionen profitieren. Dazu gehören die Bonner Unikliniken für Neurologie, Psychiatrie und Epileptologie, das Forschungszentrum Caesar, das neugegründete Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln, die Altersforschung an der Universität Köln und das Forschungszentrum Jülich.
Nirgendwo gibt es ein Zentrum, das so intensiv über Ländergrenzen hinweg Wissenschaft für ein gemeinsames Ziel betreiben möchte. Personal versucht Nicotera derzeit aus der ganzen Welt nach Bonn zu holen, wobei er auf großes Interesse stößt. Die Zusammenarbeit mit anderen Top-Forschern auf diesem Gebiet sei ein enorm wichtiger Magnet: „So funktioniert das in Harvard, und so soll das auch bei uns sein.“
Welche nützlichen Produkte können Patienten wann erwarten? Für mögliche Therapien bei Alzheimer gebe es viele Ansätze: Klassische Pharmawirkstoffe, Stammzellen, Gentherapie, Impfung. Allerdings werde es noch mindestens zehn bis 15 Jahre dauern, bis grundsätzliche Therapien anwendungs-reif seien. Bis 2040 werden neurodegenerative Leiden nach Herzkreislauferkrankungen und noch vor Krebs die zweithäufigste Todesursache sein. Dem 53 Jahre alten Mediziner Nicotera steht eine riesige Aufgabe bevor. Man dürfe daher keine Zeit verlieren, betont Nicotera. „Wir wollen vermeiden, dass Demenzerkrankungen zur Volkskrankheit werden.“














