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Wie junge deutsch-türkische Akademiker ein neues Netzwerk mit der Wirtschaft knüpfen

Fitnesskur für die Karriere

Das Selbstbewusstsein türkischstämmiger Akademiker stärken und Kontakte knüpfen: Mit diesen Zielen wurde vor zwei Jahren die TD-Plattform in Köln gegründet – mit Erfolg

Von Canan Topçu

Elektriker ist ein guter Beruf. Das hat ihm der Vater gesagt. Und auch, dass der Sohn in diesem Beruf bleiben soll. Befolgt hat Saadettin Tüzün den Ratschlag nicht. Zeit seines Lebens als Elektriker arbeiten – das wollte er nicht, also sattelte er beruflich um. Der Sohn türkischer Einwanderer hat vieles von dem erreicht, was er sich vorgenommen hat. Nach der Realschule machte er eine Ausbildung zum Elektriker, holte das Abitur nach und studierte dann an der Fachhochschule. Bei der Firma Ericson in Düsseldorf bekam er schließlich eine Stelle als Elektroingenieur. Das war vor acht Jahren. Inzwischen hat er geheiratet, ist Vater von zwei Kindern geworden, hat sich parallel zum Berufs- und Privatleben einer weiteren Herausforderung gestellt und Betriebswirtschaft studiert. Es war ein beschwerlicher Weg, den der 36-Jährige hinter sich gebracht hat. Wenn Tüzün von sich und seinen Eltern spricht, deren Schulbildung mit der fünften Klasse endete, dann klingt auch durch, dass er stolz ist auf seinen Lebenslauf. Herausforderungen geht Tüzün nicht aus dem Weg. Und mit dieser Eigenschaft hat es wohl zutun, dass der Familienvater jüngst ein Ehrenamt übernahm, das einen erheblichen Teil seiner Freizeit beanspruchen wird. Mitte Februar wurde er zum neuen Präsidenten der Türkisch-Deutschen Studenten- und Akademikerplattform (TD-Plattform) gewählt. Die Organisation will in Deutschland zur Elitebildung unter türkischstämmigen Akademikern beitragen und das Selbstbewusstsein der Studierenden und Hochschul-Absolventen stärken.

Ins Leben gerufen wurde die TD-Plattform im Februar 2006 in Köln. Vereinigungen türkischer Akademiker sind zwar nichts besonderes – so sind etwa Ableger der europaweit organisierten EATA (European Assembly of Turkish Academics) in etlichen deutschen Städten aktiv. Was die TD-Plattform einzigartig macht, ist der Beirat, der sich aus hochrangigen Personen aus Politik, Wirtschaft und dem öffentlichen Leben zusammensetzt. Sie unterstützen das Netzwerk auf unterschiedliche Weise. Unter den 13 Beiratsmitgliedern vertreten sind beispielsweise der Integrationsminister des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, Bernd Erle (Vorstandsmitglied der Unternehmensberatung KPMG), Bernhard Mattes (Vorstandsvorsitzender Ford Werke GmbH) und nicht zuletzt Kemal Sahin, auf dessen Initiative die Türkisch-Deutsche Studenten- und Akademikerplattform zurückgeht.

Der 55-jährige Unternehmer Sahin hat Karriere gemacht und dabei nicht vergessen, wie mühselig es manchmal in Deutschland sein kann, als türkischer Hochschulabsolvent voranzukommen. Anfang der siebziger Jahre kam er als Sohn mittelloser Eltern mit Hilfe eines Stipendiums nach Deutschland. Weil Sahin nach dem Studium keine Anstellung als Ingenieur fand, machte er aus der Not eine Tugend: Er gründete eine Firma und baute aus dem Nichts ein Textilunternehmen auf, das heute unter dem Namen Sahinler Group zu den weltweit Größten zählt. Im Gespräch mit türkischstämmigen Studierenden entstand die Idee für das Netzwerk. „Die Gründung der Plattform war keine Ad-Hoc-Aktion; es gab im Vorfeld sehr viel Austausch mit Akademikern, Geschäftsleuten, Unternehmensvorständen“, berichtet Filiz Elüstü. Die Projektmanagerin und Bildungsreferentin engagiert sich von Beginn an im Beirat und gehört zu denen, die das Netzwerk ideell unterstützen; andere wiederum wirken als Sponsoren und als Türöffner in die Wirtschaft und die Unternehmen, in die Industrie und die Institutionen.

An der Gründungsveranstaltung 2006 nahmen etwa 60 Personen teil, innerhalb von zwei Jahren stieg die Mitgliederzahl auf mehr als 440. Auf mindestens 700 soll sie, so Tüzüns Ziel, während seiner zweijährigen Amtszeit wachsen. Bereits auf der ersten Veranstaltung nach seiner Amtsübernahme erlebte der Präsident seinen ersten Erfolg: Auf einem Infoabend in München stellten 15 Interessierte einen Aufnahmeantrag. „Überreden musste ich dazu niemanden“, sagt Tüzün. Der persönliche Gewinn für den jährlichen Mitgliedsbeitrag von 25 Euro (Studierende) beziehungsweise 50 Euro (Akademiker) scheint zu überzeugen. Die TD-Plattform will die Karriere von Türkischstämmigen fördern, indem sie für sie Gelegenheiten schafft, Kontakte zu Arbeitgebern zu knüpfen. Die Mitglieder werden auf Veranstaltungen unterschiedlicher Art mit Entscheidungsträgern zusammengebracht, so auch wieder am 19. April. „Step by Step zur Karriere. Mit dem richtigen Know-How zum Erfolg im Beruf“ ist der Titel der Tagung, die in Kooperation mit der Unternehmensberatung KPMG in Berlin stattfindet.

Ähnliche Veranstaltungen werden auch in anderen Städten organisiert. Im Herbst 2007 fand in Frankfurt am Main ein „Deutsch-Türkischer Unternehmertag“ statt; auf der Liste der bisherigen Aktivitäten stehen zudem Werksbesichtigungen, etwa bei Ford in Köln, und eine Reise nach Istanbul. Denn die Institution mit Sitz in Köln will auch eine Brückenfunktion zwischen Deutschland und der Türkei übernehmen. An der einwöchigen Exkursion im Oktober 2007 beteiligten sich 47 Mitglieder; es gab Gespräche mit Personalverantwortlichen bei Firmen wie Mercedes Benz, Siemens, Eczacibasi und Ülker. In Deutschland möchte das Netzwerk den Fokus vor allem auf positive Beispiele der Integration richten und eine Lanze für türkischstämmige High Potentials brechen. Denn trotz hochqualifizierter Abschlüsse haben sie auf dem Arbeitsmarkt teilweise immer noch Schwierigkeiten. Damit mehr junge Menschen mit ähnlichen Biographien Karriere machen können, lohne es sich, Zeit zu investieren, meint Tüzün: „Bi-Kulturalität und Bi-Lingualität ist vom Vorteil im Beruf; das gilt es Arbeitgebern zu vermitteln.“ Am besten funktioniet es, wenn Jungakademiker und Entscheidungsträger aus Unternehmen in lockerer Atmosphäre zusammenkommen.

Armin Laschet, der Integrationsminister aus Nordrhein-Westfalen, hat bereits von seinem Engagement im Beirat der TD-Plattform profitiert. Auf einer der Veranstaltungen lernte der Politiker eine türkischstämmige Akademikerin kennen, deren Qualifikationen seinen Vorstellungen entsprachen. Mittlerweile gehört die junge Frau dem Referententeam des Ministeriums an.

25.03.2008
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