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Ein Essay

Europa – der unvollendete Auftrag

Der Aufbau Europas war die raison d’être der Bundesrepublik vom ers­ten Tag an: Es ist die Europäisierung Deutschlands, die im Jubiläumsjahr der Bundesrepublik gefeiert wird

Von Klaus Harpprecht

Deutschland, wo immer es liegen und wie immer man es definieren mag – es war eines gewiss nicht: der feste Kernstaat im Herzen Europas, der wie die – so gern zitierte – mythische Eiche den Stürmen der Zeiten standhielt, höher in den Himmel, tiefer in die Erde wachsend. Nein, auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation thronte nicht wie ein erratischer Block ein Jahrtausend lang in der Mitte des Kontinentes. Es war vielmehr ein locker gefügter Verband der unterschiedlichsten Elemente, Stämme, Stadtstaaten oder Abteien, durch das Wahlkönig- und Wahlkaisertum, den Reichstag und die Reichsgerichte mehr schlecht als recht zusammengehalten – vermutlich darum so vital und widerstandsfähig.

Der Deutsche Bund der nach-napoleonischen Epoche zerbrach nach 52 Jahren im preußisch-österreichischen Krieg. Kanzler Bismarcks großpreußisch-kleindeutsches „Reich“ prunkte ein paar Jahrzehnte lang bis zum ersten großen Krieg, der sich nicht zuletzt aus seiner problematischen Existenz ergab: nicht mächtig genug, um ­Europa zu beherrschen, nicht schwach genug, sich in eine Koalition der zivilisierten Staaten Westeuropas zu fügen, nicht selbst­sicher genug, eine demokratische Reform zur konstitutionellen Monarchie zu wagen. 47 Jahre waren es bis zu seinem schäbigen Ende. Die Republik von Weimar hielt ihren Feinden 14 Jahre lang stand. Das „tausendjährige Reich“ des „Führers“ fuhr nach zwölf Jahren zur Hölle.

60 Jahre Bundesrepublik: Das ist, gemessen an der chronischen Unordnung und den atemlosen Veränderungen unserer Geschichte, ein Wunder der Stabilität. 60 Jahre europäischen Friedens sind erst recht ein Mirakel, das unserem Kon­tinent wohl zum ersten Mal in den 2000 Jahren unserer Zeitrechnung widerfuhr – zu danken dem „Gleichgewicht der Abschreckung“ zwischen den beiden nuklear gerüs­teten Weltmächten und der letztlich zuverlässigen Vernunft ihrer Chefs, geschuldet aber vor allem der Befriedung Deutschlands durch seine Einbindung in die Europäische Union und, in einem weiteren Zirkel, die Atlantische Allianz.

Europa im Blick

Der Aufbau Europas war die raison d’être der Bundesrepublik vom ersten Tag an – und er ist es geblieben bis in dieses Jubiläumsjahr, das zugleich das Jahr der großen Krise ist, für die Europäische Union womöglich das Jahr der Zerreißprobe, in der sich die Belastbarkeit ihrer Institutionen, der Widerstand gegen jede Form des Protektionismus, die Festigkeit des Euro und vor allem die Solidarität ihrer Mitglieder zu bewähren haben.

Die Eingliederung des zweiten, des sozialistischen deutschen Staates in die größere Bundesrepublik vor zwei Jahrzehnten war nicht, wie uns manche Vermarkter konservativer Ressentiments einzureden versuchten, die „Wiederherstellung des bismarcksch-deutschen Nationalstaates“. Das eben nicht, Gott sei Dank. Zunächst sind Zweifel erlaubt, ob das „Zweite Reich“ Bismarcks dem Ideal des „Nationalstaates“ nach dem Muster der Französischen Revolution entsprach (das womöglich nur ein einziges Mal seine Vollendung fand: in Frankreich selber).

Kein Bismarck-Staat ohne Preußen, das die Alliierten 1947 mit einem Federstrich aus der Welt geschafft hatten, weil sie es für den Hort der militaristisch-nationalistischen Großmachtambitionen Deutschlands hielten. Sie täuschten sich darin längst nicht so gründlich, wie es uns lieb gewesen wäre: nur an die enge Verstrickung des preußischen Adels mit dem deutsch-nationalen Widerstand gegen die Demokratie und seine bedingungslose Kapitulation vor dem „Führerstaat“ zu denken. Indessen haben neuere Forschungen ergeben, dass weit mehr als die Hälfte aller männlichen Mitglieder der Adelsgesellschaft der NS-Partei oder einer ihrer Gliederungen zugehörten. „Drüben“, im anderen deutschen Staat, wurde dem Junkertum mit der Enteignung des Grund­besitzes durch die sowjetische Militär­regierung die materielle Basis für jeden Anspruch gesellschaftlicher Dominanz ein für allemal entzogen.

Die Zugehörigkeit zur Europäischen Union war für die Eingliederung der DDR in die „gesamtdeutsche“ Bundesrepublik eine Grundbedingung, von der die Zustimmung Frankreichs abhing. Mehr noch: Präsident François Mitterrand gab seinem Freund, dem Kanzler Helmut Kohl, kühl und klar zu verstehen, dass er die Einbindung Deutschlands durch eine Wirt­schafts- und Währungsunion zu straffen wünsche. Den Deutschen – wie immer um die heilige D-Mark bangend – half kein Zögern. Doch sie brachten es immerhin zuwege, die Kriterien der Aufnahme in den Kreis der „Euro-Länder“ mit solcher Rigorosität zu verschärfen, dass sie am Ende erleichtert waren, den Voraussetzungen selber zu genügen. Sie sicherten zum anderen – ein entscheidendes Zugeständnis vor allem Frank­reichs – die völlige politische Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank (nach dem strengen Vorbild der deutschen Bundesbank).

Hort der Hoffnungen

Dennoch sahen die Deutschen der Ablösung ihrer geliebten D-Mark durch den Euro mit einigem Zagen entgegen, von der Skepsis des sozialdemokratischen Bundeskanzlers Schröder (der von einer „Frühgeburt“ gesprochen hatte) nicht gerade beflügelt. Aber die Nacht des Umtauschs vom 31. Dezember des Jahres 2001 zum ersten Januar 2002, wurde, zur Überraschung der Regierenden und der Bürger selber, zu einem spontanen Volksfest: Plötzlich schienen die Deutschen, die Franzosen, die Italiener, die Belgier, die Holländer und – nicht zuletzt – die Luxemburger wieder zu entdecken, dass dieses Europa noch immer der Hort ihrer Hoffnungen war, obschon im politischen Alltag Brüssel als General­sündenbock für sämtliche Fehler und Schwächen der nationalen Regierungen verantwortlich gemacht und von den murrenden Bürgern als die Herrschaft schikanöser Technokraten geschmäht wurde.

Plötzlich schienen sie allesamt – und zumal die Deutschen – wieder gewahr zu sein, dass Europa die eine große Aufgabe ist, die uns die Millionen und Abermillionen der Opfer der totalitären Regime und des Zweiten Weltkrieges – ob in den Vernichtungslagern, an den Fronten, in den zerbombten Städten oder den erschöpften Heerzügen der Flüchtlinge – hinterlassen haben. Es genügte nicht die Mahnung: „Nie wieder Krieg!“ Es waren nicht nur die wirtschaftlichen Vorzüge der Europäischen Union, die den befreiten Völkern des einstigen Sowjet­imperiums die Mitgliedschaft als ein leuchtendes Ziel erscheinen ließen. Für sie schien, als ein inneres Refugium vor der Totalität der Gleichschaltung, der Begriff der „Nation“ eine gewisse Unschuld bewahrt zu haben. Sie empfanden nicht mehr die gleiche Dringlichkeit wie die Nachkriegsgenerationen des Westens: dass es galt, europäische Institutionen zu schaffen, die uns vor der Vernichtungswut der Nationalismen und der totalitären Ideologien – wenn sie denn noch einmal aufbrechen sollten – durch den Schutzwall gemeinsamer In­teressen und gemeinsamer Macht bewahren könnten. Gleichviel ob durch einen europäischen Bundesstaat oder einen Staatenbund – oder durch eine neue, revolutionäre Mischung beider Grundelemente, wie sie die gewachsene Europäische Union tatsächlich in sich vereint: ein staats- und völkerrechtliches Novum, das die Produktivität des Einigungswillens klar genug beweist.

Wenn nicht vieles täuscht, dann sind auch die osteuropäischen Mitgliedsstaaten im Begriff, ihr traditionelles Verständnis der Nation mit ihrem Europäertum zu versöhnen. Sie nehmen zur Kenntnis, dass die längst ausgehöhlte Wirklichkeit der „Souveränität“ – die Kernidee des Nationalstaates – nur noch in der Übertragung auf die Union Europas eine limitierte Realität zurückgewinnen kann.

In der Präambel des Grundgesetzes von 1949 hieß es: „Das gesamte Deutsche Volk bleibt aufgefordert, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden.“ Die Wiedervereinigung hat diese große Weisung des Grund­gesetzes an die deutschen Bürger erfüllt. Ganz gewiss nicht durch die nationalen Paukenwirbel, mit denen die Politiker ihren rhetorischen Sonntagspflichten zu genügen versuchten. Eher durch Willy Brandts Strategie der „kleinen Schritte“ der Öffnung zu Osteuropa, die das zunächst undurchdringlich dichte Gewebe des „volksdemokratischen“ Überwachungsstaates fast unmerklich aufzulösen begann. Durch die Helsinki-Verträge. Durch den Mut zu partieller Abrüstung, mit dem sich endlich der Wille zur „Entspannung“ ins Leben übersetzte. Natürlich auch durch die Lockung der „Europäischen Union“, die dank des Abkommens von Schengen ihren Bürgern das gewährte, was der sehnsuchtsvollste Traum der Menschen drüben hinterm Zaun war: die (fast) unkontrollierte Reise- und Bewegungsfreiheit.

Der Ausbau Europas

Nach der Erledigung des „nationalen“ Auftrags der Wiedervereinigung bleibt der beharrliche Aufbau und Ausbau Europas die elementare Pflicht der Deutschen – wie sie es seit 1945 immer war. Kurt Schumacher, der Chef der Sozialdemokratie, hatte in der Isolation seiner zehnjährigen Haft nicht verstanden (und nicht verstehen können), dass der deutsche Nationalismus in der Götzendämmerung des Dritten Reiches für eine unabsehbare Zeit, vielleicht (und am besten) für immer ausgebrannt war. Es fiel ihm auch schwer zu begreifen, dass der Nationalstaat zumindest für Europa als ein historisches Ideal auf schreckliche Weise widerlegt, ja erledigt war. Er hatte sich als ein fataler Irrtum er­wiesen, der bestenfalls zur Organisation der sozialen Existenz eines Volkes taugen mochte: ganz gewiss nicht als Garantie einer europäischen Friedensordnung, da er eher als Ursache chronisch schwelender Konflikte wirkte. Vom alten Konrad Adenauer sagte man zu Recht, dass die Formung seiner politischen Kultur weit hinter die Bismarck-Epoche zurückreiche – und dass er gerade darum seiner Zeit voraus sei. Als „Preuße“ fühlte sich der Rheinländer gewiss nicht. Der „Separatismus“ freilich, den man Adenauer als Kölner Bürgermeister in den Tagen von Weimar nachsagte, wollte die Lösung von Preußen, nicht von der deutschen Republik. Sein Blick war, das verstand sich bei ihm von selbst, stets nach Westen gerichtet. Sein europäischer Föderalismus traf sich aufs Glücklichste mit den Grundeinsichten des großen ­Lothringers Robert Schuman, der in jenen Jahren die Außenpolitik Frankreichs prägte, mit jenen des Norditalieners Alcide de Gasperi und des belgischen Sozialisten Paul-Henri Spaak: den Gründervätern Europas, deren Formkraft freilich weit über­ragt wurde von dem visionären Realismus Jean Monnets, der während des Krieges in Washington den Nachschub für die Truppen General de Gaulles zu sichern hatte.

Dieser nüchterne Kopf aus der alten ­Cognac-Familie skizzierte – längst ehe die Waffen schwiegen – mit seinen brillanten amerikanischen Assistenten (unter ihnen der spätere stellvertretende Außenminister George Ball) die Entwürfe für den Aufbau Europas, die von Beginn an seine französischen Landsleute den gleichen Bedingungen unterwarfen wie die besiegten Deutschen: Dies war der Schlüssel zum Gelingen seiner kühnen Planungen wie der gemeinsamen Kontrolle der europäischen Kohle- und Stahlindustrien, später auch der chemischen Industrie (ohne die kein Krieg geführt werden konnte).

Die Europäisierung Deutschlands

Nein, die Visionen dieses Technokraten hatten nichts mit der Schimäre eines „karolingisch-katholischen Abendlandes“ zu schaffen, die man Adenauer unterschob. Zwar scheiterte Monnet mit dem gewaltigen Projekt der „Europäischen Verteidigungsgemeinschaft“ an der spätnationalistischen Allianz von Gaullisten und Kommunisten. Doch auch de Gaulle konnte und wollte bei seiner Rückkehr an die Macht das Europa der Römischen Verträge nicht mehr auslöschen. Er verstand mit erstaunlicher Sensibilität, dass Kanzler Adenauer die Bindung der deutschen Mehrheit an die Europäische Gemeinschaft nicht nur als eine politische, sondern auch als eine geistig-kulturelle Entscheidung betrachtete. Das verstand sich nicht von selbst. Noch Thomas Mann hatte während des Ersten Weltkrieges (in den „Bekenntnissen eines Unpolitischen“) den fatalen Aberglauben mobilisiert, die „Zivilisation“ des Westens widerspräche dem deutschen Begriff der „Kultur“, dieser einzigen Heimat der Seele, die sich dem rationalen „Fortschritt“ in den Weg werfe. Literatur versus Dichtung. Musik versus Theatralik. Völkische Ordnung versus Demokratie. Das Gemüt des deutschen Bürgertums blieb noch lange von der Weltferne beherrscht, als Thomas Mann ihren Talmi-Werten längst abgeschworen hatte. Er war es, der schließlich den schönen Satz geprägt hat, die Mission sei nicht die Eindeutschung Europas, sondern die Europäisierung Deutschlands.

Sie ist es, die wir im sechzigsten Jubiläumsjahr der Bundesrepublik und zwei Jahrzehnte nach dem Einsturz der Berliner Mauer feiern. Wir wissen gut genug, dass der Auftrag nicht erfüllt ist. Er wird es auch mit der Ratifizierung des Vertrages von Lissabon nicht sein. Wir brauchen, angesichts der Krise dringender denn je, eine Art Wirtschafts- und Finanzregierung, die den offenen Markt und den Zusammenhalt von Euro-Land auf Biegen und Brechen verteidigt. Und natürlich brauchen wir die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union, die – den Vereinigten Staaten in einer unverbrüchlichen Allianz verbunden – über ihre eigenen Machtmittel verfügen muss. Mit anderen Worten: Die europäische Verfassung darf nicht lange auf uns warten.

 

Klaus Harpprecht

ist einer der renommiertesten deutschen Journalisten und vielseitig literarisch tätig. Harpprecht, Jahrgang 1927, war viele Jahre ZDF-Korrespondent in Washington, Verleger des S. Fischer Verlags, Redenschreiber und Berater von Willy Brandt. Er ist Autor von mehr als 20 Büchern und Mitherausgeber der viel beachteten Buchreihe „Die Andere Bibliothek“. Der gebürtige Stuttgarter lebt in Südfrankreich.

24.04.2009
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