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Wissenschaft

Erkenntnisse aus der Tiefe

Der ost-anatolische Van-See ist einer der größten Seen der Welt – und wertvoll für die Wissenschaft. Seine Sedimente geben Auskunft über Klimaveränderungen, Erdbeben und Vulkanausbrüche.

Von Johannes Göbel

Der Sommer am Van-See war ergiebig. Bohrkerne mit einer Gesamtlänge von über 800 Metern konnte das internationale Wissenschaftlerteam unter der Leitung des Bonner Paläontologen Thomas Litt 2010 aus den Sedimenten des Sees gewinnen. Die Bohrkerne, die zurzeit analysiert werden, sind kostbar. Schließlich wird der Van-See von Experten als „Klima-Archiv“ geschätzt.

„Der Van-See liegt in einem Gebiet, das sehr empfindlich auf Klimaschwankungen reagiert“, erläutert Professor Litt. Diese Schwankungen lassen sich an den Sedimenten des Sees ablesen, etwa durch eingelagerte Mikrofossilien. „Wir können beispielsweise anhand von Pollen Aussagen über die Vegetation in der Vergangenheit treffen, über trockene und feuchte Phasen, wärmere und kältere.“ Das Besondere an den Sedimenten des Van-Sees ist, dass sie jährlich geschichtet sind. Die Wissenschaftler haben somit die Chance, eine jährliche Chronologie des Klimas zu erstellen. „Wir konnten 2010 so tief bohren, dass wir uns Aufschlüsse über die vergangenen 400000 Jahre erhoffen“, sagt Professor Litt, der mit einem kleineren Team bereits 2004 erste Voruntersuchungen am Van-See durchgeführt hat. Zwar ermöglichten auch Bohrungen im grönländischen Eis oder in der Tiefsee fundierte Einblicke in die Vergangenheit. „Ein kontinentales Klima-Archiv wie wir es im Van-See vorfinden, ist allerdings extrem selten. Wir können hier auch wichtige Aufschlüsse über die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung erhalten.“

Dementsprechend stoßen die Forschungsarbeiten, an denen vor allem Schweizer, türkische und deutsche Wissenschaftler beteiligt sind, auf großes internationales Interesse. Entscheidend ist auch der Beitrag der US-Firma DOSECC, die für die jüngsten Bohrungen eine knapp 200 Quadratmeter große, schwimmende Plattform mitsamt Bohrturm stellte. „Wir konnten so bis zu 220 Meter tief ins Sediment bohren“, berichtet Professor Litt. Allein die Kosten für die Bohrungen des Sommers 2010 belaufen sich auf rund 1,5 Millionen US-Dollar. Die Hälfte der Summe wird vom International Continental Scientific Drilling Program (ICDP) getragen, die andere Hälfte wurde über nationale Forschungsträger wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und den Wissenschaftlich-Technischen Forschungsrat der Türkei (TÜBITAK) eingeworben. Von der Analyse der im norddeutschen Bremen gelagerten Bohrkerne erhoffen sich die Wissenschaftler auch wertvolle Erkenntnisse für die Bewertung von Erdbeben und Vulkanausbrüchen.

Allein bei den ersten Untersuchungen im Jahr 2004 konnten die Wissenschaftler Aschen von 16 verschiedenen Vulkanausbrüchen aus den vergangenen 20000 Jahren nachweisen. „Auch in den 2010 gewonnenen Bohrkernen finden sich mehrere Meter mächtige Aschelagen“, hebt Thomas Litt hervor. Erdbeben ließen sich wiederum durch kleine Störungszonen in den Sedimenten nachweisen. „Wir können somit eine Chronologie vergangener Erdbeben und Vulkanausbrüche erstellen, aber auch Risikoabschätzungen für die Zukunft treffen. Das interessiert unsere türkischen Kollegen angesichts der nach wie vor hohen vulkanischen Aktivität in der Region natürlich besonders.“////

31.01.2011
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