„Bitte legen Sie nicht auf, geben Sie mir nur ein paar Minuten.“ Die Anruferin blieb hartnäckig. Und hatte Erfolg. Der leitende Redakteur am anderen Ende der Telefonleitung wimmelte Özlem Sarikaya nicht ab – er gab ihr einen Termin. Hätte es das Treffen im Jahr 2001 beim Bayerischen Rundfunk (BR) nicht gegeben, wäre die heute 35-Jährige nicht das geworden, was sie heute ist: eine erfolgreiche Moderatorin und Journalistin beim Bayerischen Fernsehen. Seit Januar 2008 führt sie durch eine Sendung, deren Name Programm ist: „Puzzle“, das erste interkulturelle Format im Bayerischen Fernsehen. Das halbstündige Magazin legt bewusst den Akzent auf Kulturschaffende mit Migrationsbiografien. Anfangs lief die Sendung, die Sarikaya nicht nur moderiert, sondern auch plant, alle drei Monate. Seit Januar 2009 wird „Puzzle“ im Vier-Wochen-Rhythmus ausgestrahlt. „Der Weg dahin war ein sehr mühseliger“, sagt die Tochter türkischer Gastarbeiter. Vom schwierigen Zugang berichten auch andere Türkischstämmige, die schließlich in Medienberufen Fuß gefasst haben. Als einen der Hauptgründe nennen Experten das mangelnde Bewusstsein von Entscheidungsträgern, Migranten ihrer gesellschaftlichen Bedeutung entsprechend stärker in den Journalismus einzubeziehen. Eine deutliche Veränderung gibt es seit dem offiziellen Bekenntnis der Bundesrepublik, ein Einwanderungsland zu sein. Der Nationale Integrationsplan (NIP), der sich auch der medialen Integration von Migranten widmet, enthält einen Appell an die Medien, Migranten als Mitarbeiter stärker zu berücksichtigen.
Nicht nur der Rundfunk, auch die Printmedien öffnen sich und beschäftigen immer mehr türkischstämmige Journalisten als feste oder freie Mitarbeiter. Von der Öffnung der Redaktionen für türkischstämmige Journalisten profitieren alle Seiten, sorgen die Medienmacher mit Migrationshintergrund doch für die Identifikation der türkischstämmigen Zuschauer mit dem jeweiligen Medium. Von sehr vielen positiven Rückmeldungen auf ihre Sendung berichtet auch Özlem Sarikaya: „Die Leute sind ungeheuer stolz darauf, dass es eine von ihnen beim deutschen Fernsehen so weit gebracht hat.“
Das Gespräch beim BR, zu dem Özlem nach ihrem Anruf eingeladen wurde, fand kurz nach dem 11. September 2001 statt. „Mein Glück“, sagt sie heute. Denn besonders in den Tagen nach den Attentaten auf das World Trade Center in New York stellten die Redaktionen fest, dass es an Mitarbeitern mit Zugang zu Muslimen und Migranten mangelte. Um die Bewerberin türkischer Herkunft zu testen, beauftragte der zuständige BR-Redakteur sie mit einem Radiobeitrag, dessen Thema Özlem selbst vorgeschlagen hatte: „Muslime in der öffentlichen Wahrnehmung.“ Das Ergebnis überzeugte, aus dem ursprünglich vereinbarten Vier-Minuten-Beitrag wurde ein viertelstündiges Feature. Damit setzte Özlem endgültig ihren Fuß in die Tür zum Bayerischen Rundfunk. Es folgten freie Mitarbeit beim Hörfunk, Hospitanz beim „Mittagsmagazin“ und dem Politik-Magazin „Report“ der ARD. Der Umgang mit deutschen Kollegen sei dabei nicht immer einfach gewesen. Eine Erfahrung, von der auch Hülya Özkan berichtet. Als sie 2002 die Moderation von „heute in Europa“ beim ZDF übernahm, hätte es ab und an dumme Bemerkungen gegeben. Auch die Zuschauerreaktion seien nicht immer nur positiv gewesen. Inzwischen ist es völlig selbstverständlich, dass die 53-Jährige die Nachmittagssendung moderiert. Özkan gehörte zu den ersten türkischstämmigen Volontären beim Mainzer Sender. Sie absolvierte ihre Ausbildung Mitte der 1980er Jahre. Kollegen mit „anderem Background“ trügen mit ihren Erfahrungen und Sprachkenntnissen dazu bei, „dass auch andere Bilder als die herkömmlichen transportiert werden“, stellt Özkan fest.
Eben dieser Erkenntnis hat es Özlem Sarikaya zu verdanken, dass sie nicht das Handtuch warf. Als sie kurz davor war, ermunterte Andreas Bönte, damals Leiter der „Report“-Redaktion, seine türkischstämmige Mitarbeiterin, sich stärker in die Sendung einzubringen. „Ihm habe ich zu verdanken, dass ich bleiben konnte“, sagt Sarikaya. Bönte sei der Ansicht gewesen, dass sie aufgrund ihres biographischen Hintergrunds andere Nuancen in die Themen einbringe und die Redaktion bereichere.
Özlem Sarikaya ist dort, wovon sie schon als Kind träumte. „Ich habe aber nie gedacht, dass ich eine Chance bekommen würde“, sagt die BR-Mitarbeiterin rückblickend. Nach dem Abitur machte sie zunächst eine Ausbildung zur Steuerfachgehilfin. „Mit der Büroarbeit war ich aber sehr unglücklich“, sagt Sarikaya, die später Politik und Zeitungswissenschaft studierte. Parellel zur Lehre und dem anschließenden Studium arbeitete die Journalistin bei einer privaten Radiostation, wo sie durch einen Zufall einen Job bekommen hatte. Zweimal die Woche plante und moderierte sie eine Sendung und fühlte sich in ihrem Wunsch bestärkt, eine feste Stelle in den Medien zu suchen. „Mir waren aber weder die Zugangswege bekannt noch hatte ich entsprechende Kontakte“, erzählt Sarikaya.
Auch andere türkischstämmige Journalisten und Moderatoren, die mittlerweile in Printmedien oder bei öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern arbeiten, beschreiben ihre Erfahrungen in ähnlicher Weise. Und ähnlich ist auch ihr Werdegang: So starteten beispielsweise Asli Sevindim (Moderatorin beim WDR), Fatma Mittler-Solak (Moderatorin bei SWR) und Erkan Arikan (heute Redakteur und Moderator bei „EinsExtra“, dem digitalen Infokanal der ARD) ihre Karriere bei privaten Radiostationen. Auch wenn der Weg oft nicht einfach ist, immer wieder erfahren die türkischstämmigen Journalisten auch deutliche Unterstützung. So wie der ausgebildete Journalist Arikan, der von Ulrich Deppendorf, dem Leiter des ARD-Hauptstadtbüros, gefördert wurde. Einen Bonus als Quotenmigrant lehnt der 40-Jährige Sohn türkischer Gastarbeiter aber energisch ab. Arikan möchte aufgrund seiner Fähigkeiten und Leistungen vorankommen – wie auch Sarikaya. Langfristig möchte sich die 35-Jährige als Moderatorin einer Sendung wie „Puzzle“ überflüssig machen. Sie wünscht sich, dass Themen, die Einwanderer stärker einbeziehen und in den Mittelpunkt stellen, in allen Sendeformaten und Programmen auftauchen – nicht nur im Bayerischen Rundfunk.














