Was besagt ein Shakespeare’scher Theatertod gegen das entscheidende Kopfballtor in der 92. Minute?“, fragte der Feuilletonist Helmut Böttiger einmal rhetorisch, und der österreichische Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler agitierte in dieselbe Richtung, um seiner Begeisterung für ein Sportspiel Ausdruck zu verleihen, über das seit längerem schichtenübergreifend, geschlechterübergreifend und allerorten ausdauernder palavert wird als übers ehedem in der Alltagskommunikation unangefochtene Allzeit-Nummer-eins-Thema Wetter: „Schande, Rache, Zufall, List, Tücke, Großmut, Tugend, Gemeinheit, Gewalt – aus diesem Stoff sind die Fußballspiele und die großen Tragödien der Weltliteratur. (…) Nur: Wie Shakespeares Hamlet oder Lessings Minna ausgehen, weiß ich, wie aber das nächste Derby zwischen Rapid und Austria ausgeht, weiß ich nicht. Der ästhetische wie dramaturgische Vorsprung des Stadions vor dem Burgtheater ist kategorial.“
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Na bitte – die Hochkultur kann einpacken, Opernhäuser, Museen und Bibliotheken dürfen wenn nicht abgerissen, so doch verrammelt werden – und das, weil die sogenannten gebildeten Kreise nach zirka dreitausend Jahren Geistesgeschichte verinnerlicht haben, was der vom F.A.Z.-Korrespondenten Dirk Schümer zum Philosophen vom Rang eines Heidegger geadelte Trainer der „Helden von Bern“, Sepp Herberger, einst der Welt offenbarte: „Die Leut’ gehn ins Stadion, weil se net wisse, wie’s ausgeht.“ Nein, gegen ein solches Argument sieht kein Goethe, sieht kein Schopenhauer Land, dessen mangelnde Massenattraktivität unser aller – in letzter Zeit merkwürdig wortkarger – „Kaiser“ Franz Beckenbauer dergestalt auf den Punkt brachte: „Wenn ich zum Beispiel einen Schopenhauer lese – ich verstehe ihn nicht.“
Vergeblich warnte vor neunzig Jahren der Dichter Joachim Ringelnatz vor dem „Fußballwahn“, und eine Klage wie jene des Sprachwissenschaftlers Florian Coulmas verhallte ungehört in der „Tiefe des Raums“, aus der der Literaturtheoretiker Karl Heinz Bohrer 1972 im Wembley-Stadion den genialischen Günter Netzer hatte vorstoßen sehen. Coulmas schrieb in der „Süddeutschen Zeitung“: „Heute entblödet sich die schreibende Zunft nicht, sich mit dem Ball und denen, die ihn traktieren, zu beschäftigen, als ginge es um die Zukunft der Menschheit. Die Fußballintellektuellen schüren das Feuer, verleihen dem Unfug den Anschein von Seriosität und schränken die fußballfreien Räume immer weiter ein. Warum kann nicht wenigstens das Feuilleton fußballfrei bleiben?“
Weil der Fußball ein Phänomen sui generis ist? Ein Faszinosum? Ein Geschehen, das Analogien zwischen ihm und großer Kunst nicht bloß zulässt, sondern dem verständigen Betrachter regelrecht aufzwingt? Und verortete nicht der Schriftsteller Eckhard Henscheid bereits in den 1980er-Jahren „die reine Ästhetik eines genialen Dribblings oder eines perfekt vorgetragenen Doppelpasses in der Tradition und im Geist von Immanuel Kants ‚interesselosem Wohlgefallen‘ als Bestimmung des Ästhetischen“? Ja, tat er. Der Soziologe Hartmut Esser wiederum widmete sich dem „Doppelpass als sozialem System“ und fand heraus: „Doppelpässe sind (…) auf sich selbst bezogene und sich selbst tragende Konstruktionen.“ Genau. Und daraus folgt: Der Doppelpass „ist ein Prozess, der – über alle kooperativen und antagonistischen Episoden hinweg – eben so lange prozessiert, wie er prozessiert, dieses dann aber auch tatsächlich tut“. Unter einer Voraussetzung: „Damit ein Doppelpass existieren kann, muss es ihn erst einmal geben.“
Während den Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann der Gedanke überwältigt, der Ball symbolisiere die Einheit der weiblichen und männlichen Halbkugeln, die in Platons Schöpfungsmythos eine gewichtige Rolle spielen, und der Soziologe Gunter Gebauer in seiner „Poetik des Fußballs“ die artistische Leistung bewundert, mit dem Fuß einen Ball zu zähmen, richten etwa die Dichter Robert Gernhardt und Albert Ostermaier ihr Augenmerk auf einen spezifischen Spielertypus, den Torhüter. Womöglich haben sie Jean-Paul Sartres Ausführungen zum „guten Torwart“ in dessen „Kritik der dialektischen Vernunft“ inspiriert, in der wir staunend lesen: „Er ist es, weil er mehrfach seine Mannschaft durch individuelle Handlungen, das heißt durch eine Überschreitung seiner Machtbefugnisse in einer schöpferischen Praktik, gerettet hat.“
Indes vergaß Sartre nicht hinzuzufügen: „Beim Fußball verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft.“ Was den Sprachphilosophen und Habermas-Freund Karl-Otto Apel nicht daran hinderte, in einem Fernsehgespräch voller Freude darzulegen, der Fußball sei irgendwie „luminos“, strahlend, leuchtend, er ergreife von der Seele Besitz – oder so ähnlich jedenfalls.
Nein, da ist nichts zu machen. Am Fußball kommt niemand mehr vorbei, zumal der denkende Mensch nicht. Der Fußball verkörpert die Synthese aus Eigen- und Gruppensinn, er ist überschaubar und vielschichtig, schematisch und voller atemberaubender Momente. „Ein schöner Spielzug“, erläutert der an der Stanford-Universität lehrende Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht, „ist die Epiphanie einer komplexen verkörperten Form.“ Eine komplexe Form ist gleichfalls das Reimgedicht. Der bedeutendste aller Fußballpoeten, Ror Wolf, lässt sein Buch „Das nächste Spiel ist immer das schwerste“ mit der Elegie „Der letzte Ball“ ausklingen: „Durch den Wind davon, davon, / hoch, so hoch sieht man den weichen / Ball ganz sanft und ohne Ton, / angestrahlt, den mondscheinbleichen / Ball fort in die Ferne streichen: / weit entfernt von allem schon.“
Jürgen Roth ist Schriftsteller mit den Schwerpunkten Satire und Fußball.














