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Geschichte

Entdeckungsreise in Washington

An den oft vergessenen Einfluss deutscher Einwanderer auf die Geschichte der Vereinigten Staaten erinnert seit kurzem ein neues Museum in Washington. Es schlägt zugleich eine Brücke in die Gegenwart.

Von Johannes Göbel

Elvis Presley? Die Treppenstufe mit dem Konterfei des King of Rock ‘n‘ Roll wirkt auf dem Weg zum German-American Heritage Museum zunächst etwas deplatziert. Weiter die Treppe hinauf folgen Henry J. Heinz und Levi Strauss. Der Ketchup- und der Jeans-Erfinder erinnern allein schon mit ihren Nachnamen an ihre deutschen Wurzeln. Aber Presley?

Ahnenforscher haben vor ein paar Jahren herausgefunden, dass ein Vorfahre des Sängers namens Johann Valentin Pressler im 18. Jahrhundert offenbar aus der deutschen Pfalz nach Amerika auswanderte. Und das aus Pressler mit der Zeit Presley wurde. „Viele Spuren der deutschen Einwanderer in den USA sind nach wie vor unentdeckt“, sagt Museumsleiter Rüdiger Lentz. Damit das nicht so bleibt, hat die German-American Heritage Foundation of America (GAHF), Dachverband zahlreicher deutsch-amerikanischer Clubs in den USA, Ende März 2010 das Museum in Washingtons 719 Sixth Street eröffnet. Rüdiger Lentz, Executive Director der GAHF, betont: „Es gibt in den USA zwar kleinere, regionale Museen, die sich diesem Erbe widmen. Wir sind allerdings die Ersten, die auf nationaler Ebene einen vollständigen Überblick über die 400-jährige Geschichte der deutschen Einwanderer geben.“ Neben klassischen Exponaten – von der hölzernen Auswanderertruhe bis zu Werken der Bauernmalerei der Mennoniten – wird vieles multimedial präsentiert, auch das moderne Deutschland. Rüdiger Lentz will die Besucher seines „Erzählmuseums“ auf mehreren Ebenen ansprechen und eine Brücke zwischen verschiedenen Zeiten und Orten schlagen. Mit der Hamburger Ballin-Stadt und dem Bremerhavener Deutschen Auswandererhaus stellen sich zwei große Partner-Museen mit Filmen vor. Die Deutsche Welle ist mit ihrem amerikanischen TV-Programm und Internet-Auftritt vertreten.

An der Partnerschaft zwischen dem Museum und dem deutschen Auslandssender hat Rüdiger Lentz entscheidenden Anteil, schließlich leitete er elf Jahre lang das Washingtoner Büro der Deutschen Welle. Von dem ehemaligen Journalisten und Hobby-Historiker Lentz stammt auch der Großteil der zentralen Ausstellungstexte, die auf bunt leuchtenden Bildtafeln durch die Geschichte der deutschen Einwanderer führen – um dieses dauerhafte Element werden die künftigen Ausstellungen gruppiert. „Man kann die Tafeln natürlich in zehn Minuten schnell ablaufen“, sagt Lentz augenzwinkernd. „Uns besuchen aber auch Schulklassen, die sich schon einmal eine Stunde lang in die Texte vertiefen.“ Und die hier zum Beispiel den aus Deutschland stammenden Francis D. Pastorius kennenlernen. Der Jurist, Pädagoge und Schriftsteller organisierte 1683 den Landerwerb für eine Gruppe von Quäkern und Mennoniten aus dem westdeutschen Krefeld. Mit Germantown entstand so bei Philadelphia die erste deutsche Siedlung in Nordamerika. Mehr entzaubert als erinnert wird im Museum dagegen der „Muhlenberg Myth“. Der Legende nach soll ausgerechnet der deutschstämmige Sprecher des Repräsentantenhauses, Frederick Augustus Conrad Muhlenberg, 1794 verhindert haben, dass Deutsch zur Amtssprache der Vereinigten Staaten wurde. Tatsächlich ging es seinerzeit lediglich um einen Antrag deutscher Siedler aus Virginia, Gesetzestexte auch auf Deutsch abzudrucken.

Rüdiger Lentz und sein Team wollen gezielt aufklären und sparen auch Problematisches im deutsch-amerikanischen Verhältnis nicht aus.Eine geplante Vortragsreihe wird sich auch mit den Versuchen der Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren auseinandersetzen, die deutsch-amerikanischen Clubs in den USA zu unterwandern. Gerade die beiden Weltkriege erschwerten die Situation der Deutschamerikaner. „Bereits der Erste Weltkrieg bedeutete eine entscheidende Zäsur“, sagt Rüdiger Lentz. Viele Deutschamerikaner hätten in der Folge ihre Namen amerikanisiert und ihre deutschen Wurzeln zunehmend verborgen.Erst die enge Partnerschaft zwischen der Bundesrepublik und den USA nach dem zweiten Weltkrieg habe mit dazu beigetragen, die Geschichte und den Einfluss der Deutschamerikaner in den USA neu zu bewerten. „Nicht zuletzt die deutsch-amerikanischen Clubs in den USA haben ein großes Interesse und großen Anteil daran, dass deutsche Traditionen heute wieder unverkrampfter gewürdigt werden können.“ Wie einst im Washingtoner Viertel, in dem das Museum sich heute befindet.„Wir sind zwar heute mitten in Washingtons Chinatown“, erläutert Rüdiger Lentz. „Noch vor hundert Jahren war der Stadtteil allerdings ein Zentrum der deutsch-amerikanischen Kultur in den USA.“ Zeugnis hierfür legt auch die 1888 errichtete Hockemeyer Hall ab, in der das Museum untergebracht ist. Der deutschstämmige John Hockemeyer hatte es als Kaffeehändler zu Wohlstand und Ansehen in der Stadt gebracht.

Um 1900 erreichte der kulturelle Einfluss der deutschen Einwanderer einen Höhepunkt. In der Musik-Ecke des neuen Museums erinnert eine 160 Kilogramm schwere Händel-Büste an diese Ära. Der Sängerbund der Deutschamerikaner stiftete sie 1903 zu seinem traditionellen Chor-Wettstreit, zu dem sich in Baltimore 6000 Sänger einfanden. Wie gesellig die deutsch-amerikanische Kultur sein konnte, zeigt ein weiteres Exponat: Das Faksimile eines Glückwunschtelegramms von Theodore Roosevelt. 1907 bedankte sich der US-Präsident bei den deutsch-amerikanischen Clubs, dass er an einer ihrer stimmungsvollen Karnevalsveranstaltungen teilnehmen konnte.

Heute registriert Rüdiger Lentz viel Interesse an seinem Museum. „Viele Amerikaner wollen mehr über die Geschichte ihres Landes erfahren und sehen die Rolle der deutschen Einwanderer als einen wesentlichen Bestandteil“, sagt er – und freut sich auch über die rund 1700 Facebook-Fans des Museums. Und darüber, dass sich das Interesse auch in Engagement niederschlägt. Viele Freiwillige, etwa historisch interessierte Studenten, helfen, den Museumsbetrieb mitsamt freiem Eintritt aufrechtzuerhalten. Keine einfache Aufgabe, da die andauernde Wirtschaftskrise in den USA das Engagement von Sponsoren erschwert. Rüdiger Lentz hofft, dass sich auch weiterhin ausreichend Unterstützer finden. Schließlich lohne das Ziel unbedingt: „Ich denke, mit dem German-American Heritage Museum können wir nicht nur an die Geschichte und die guten Beziehungen von einst anknüpfen, sondern auch für die Gegenwart ein besseres Verständnis untereinander erreichen. Wenn uns das gelingt, haben wir sehr viel erreicht .“////

03.09.2010
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