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INTERVIEW

„Eine Chance für den Fortschritt“

Bundesumweltminister Norbert Röttgen im Gespräch über die Folgen der Energiewende: Wie der Atomausstieg Deutschland verändert, was der Schritt für Wirtschaft und Klimaschutz bedeutet.

Herr Minister, Deutschland steigt aus der Kernenergie aus und setzt als erstes großes Industrieland eine Wende hin zu erneuerbaren Energien um. Wie wird diese Entscheidung Deutschland verändern?

Diese Entscheidung wird Deutschland sehr verändern. Wir haben mit den Beschlüssen zur Zukunft unserer Energieversorgung nach Jahrzehnten erbitterten Streits das Thema Energieversorgung aus der innenpolitischen Kampfzone geholt und in dieser politischen und wirtschaftlichen Kernfrage einen Konsens erzielt. Das tut unserer Gesellschaft gut. Die Beschlüsse haben aber auch eine enorme wirtschafts­politische Bedeutung: Erstmals verbinden wir den zeitlich klar festgelegten Ausstieg aus der wirtschaftlichen Nutzung der Atomenergie mit einem umfassenden Konzept für den Einstieg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz. Damit geben wir der kapitalintensiven Energiebranche die Sicherheit für Investitionen, die für den grundlegenden Umbau der Energieversorgung dringend notwendig sind. Die Energiewende ist das große Modernisierungs- und Innovationsprojekt unserer Wirtschaft. Sie wird einen großen Innovationsschub bringen und unsere Position als Weltmarktführer im Bereich der Umwelttechnologien stärken. Mit modernsten Technologien können wir unsere wirtschaftliche Entwicklung weiter voranbringen sowie Wachstum und Arbeitsplätze schaffen.

Ist die Energiewende nicht ein großes Wagnis für eine Industrienation, die zugleich Wirtschaftswachstum will?

Die Energiewende ist eine große Herausforderung, keine Frage, aber auch eine riesige Chance für technologischen Fortschritt. Wissenschaftler sagen, dass wir technologisch bereits in 20 Jahren dazu fähig sein werden, 100 Prozent unseres Stroms aus erneuerbaren Energien zu beziehen. Wir setzen uns jetzt zunächst das Ziel, den Anteil der erneuerbaren Energien am Strom in zehn Jahren von jetzt 17 Prozent auf mindestens 35 Prozent zu verdoppeln. Wirtschaftliches Wachstum muss mit dem schonenden Umgang unserer endlichen Ressourcen und der Lebensgrundlagen einhergehen. Nur so können wir nachhaltig und zukunftsfähig wirtschaften.

Der schnelle deutsche Atomausstieg war eine Reaktion auf Fukushima. Welchen Sinn macht es mit Blick auf die Sicherheit, die deutschen Atomkraftwerke abzuschalten, wenn im europäischen Ausland weiter Atomstrom produziert wird?

Wir werden uns auch künftig dafür einsetzen, dass in Ländern, die weiterhin Kernenergie nutzen wollen, das Sicherheits­niveau stetig erhöht und verbessert wird. Wenn andere Länder sehen, dass ein großes Industrieland wie Deutschland in der Lage ist, auf Atomstrom zu verzichten, werden sie vielleicht auch folgen. Auf jeden Fall wird es den Wettbewerbsdruck erhöhen.

Welchen Einfluss hat die Energiewende auf die ehrgeizigen deutschen Klimaschutzziele? Können sie aufrechterhalten werden?

Anspruchsvoller Klimaschutz ist ein Treiber für den Umbau der Energieversorgung. Deshalb werden wir auch künftig vorangehen und ohne Abstriche an unseren Klimaschutzzielen, nämlich bis 2020 die Treibhausgasemissionen um 40 Prozent zu mindern, festhalten. Der Ausbau der erneuerbaren Energien ist dabei ebenso wichtig wie der Ausbau der Energieeffizienz und damit die Reduktion des Stromverbrauchs.

Wie hoch schätzen Sie die Akzeptanz des deutschen Ausstiegs aus der Atom­energie im Ausland ein? Viele im Ausland fragen sich zudem, ob Deutschland die Energiewende wirklich schaffen kann. Was antworten Sie?

Es ist richtig, dass von unseren Nachbarn, vom Ausland, mit hoher Aufmerksamkeit verfolgt wird, was wir tun. Es wird darauf geschaut: Wie schafft das erste große Industrieland das? Deshalb ist die Weichenstellung, die wir vorgenommen haben, nicht nur gesellschafts- und wirtschafts­politisch, sondern auch außenpolitisch bedeutsam. Ich sage: Wir haben in Deutschland die technologischen Fähigkeiten, die Energiewende erfolgreich zu vollziehen. Deutschland geht keinen Sonderweg, es geht voran bei einer Entwicklung, die das 21. Jahrhundert prägen wird.

14.09.2011
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