BISLANG FRISTETEN SIE EIN SCHATTENDASEIN auf der Hannover Messe, der weltgrößten Industriegüterschau: Umwelttechnologien. Das wird sich im April 2012 ändern, denn dann wird das Thema mit der neuen Leitmesse namens „IndustrialGreenTec“ ins Rampenlicht gerückt. „Damit setzen wir einen deutlichen Akzent im Bereich Nachhaltigkeit“, sagt Oliver Frese, Geschäftsbereichsleiter der Hannover Messe. Schließlich fokussiere sich die produzierende Industrie mehr denn je auf nachhaltige Lösungen rund um Energie- und Materialeffizienz. Frese: „Im Wissen des fortschreitenden Klimawandels ist jeder gefragt, sein Handeln und die damit verbundenen weltweiten Auswirkungen zu überdenken.“ Eine Botschaft, die sich technologisch vielfach in Taten umsetzen lässt. Entsprechend breit gefächert sind die Ausstellungsschwerpunkte: von der Kreislaufwirtschaft, dem Gewässer-, Boden- und Lärmschutz über Verfahren zur Luftreinhaltung, Techniken für eine effektive Nutzung erneuerbarer Energien und Materialien bis zur Umweltmesstechnik. Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e.V. (ZVEI) ist von dem Konzept überzeugt: „Mit der IndustrialGreenTec gibt es nun erstmals eine Plattform, auf der Unternehmen nicht nur ihre Produkte präsentieren, sondern sich über dieses Thema auf hohem Niveau austauschen können“, sagt ZVEI-Chef Klaus Mittelbach.
Auf jeden Fall ist die neue Messe ein weiteres sichtbares Zeichen dafür, dass sich Umwelttechnologien zu einer Leitindustrie entwickeln. Vor allem deutsche Unternehmen befördern mit innovativen Lösungen den Trend. Ihr Weltmarktanteil in der Photovoltaik, Solarthermie, Wind- und Wasserkraft liegt zwischen 20 und 35 Prozent. 90 Prozent aller Biogasanlagen stammen aus Deutschland. „Die Branche hat sich noch besser entwickelt als erwartet“, sagt Torsten Henzelmann, Greentech-Experte bei der Strategieberatung Roland Berger. In den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren erwarte er durchschnittliche Wachstumsraten in Deutschland von 6,5 Prozent. In diesem Zeitraum würden eine Million neue Arbeitsplätze in der Branche geschaffen. „Greentech ist und bleibt ein Jobmotor“, sagt Henzelmann.
Wie das Thema ganze Industrien in atemberaubendem Tempo verändert, zeigt der Münchner Technologiekonzern Siemens, der konsequent grüne Geschäftsbereiche ausbaut. Konzernchef Peter Löscher gibt eine klare Marschrichtung vor: „Wir werden unsere Stellung als grüner Infrastruktur-Gigant ausbauen.“ Und das ist keine bloße Leerformel: Jeder vierte der rund 400000 Siemens-Mitarbeiter arbeitet direkt oder indirekt an Verfahren und Technologien in der Umwelttechnik. Fast ein Drittel des Umsatzes wird damit erwirtschaftet. Tendenz steigend. 2011 sind 25 Milliarden Euro das Ziel – insgesamt setzte der Konzern 2010 knapp 76 Milliarden Euro um. Kein Wunder, dass Löscher gern von „gigantischen Wachstumschancen für grüne Technologie“ spricht.
Konjunkturprogramme und die Gesetzgebung wie das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) tun ihr Übriges. „Dadurch ist die Branche stark gewachsen“, sagt Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Überhaupt wird die Branche neben den wenigen großen Playern von kleinen und mittleren Unternehmen getragen. Experte Henzelmann geht davon aus, dass gut 90 Prozent der rund 10000 Greentech-Unternehmen in Deutschland mittelständisch geprägt sind. Bei insgesamt etwa 100 Technologielinien würde jede Firma eine bis zwei Technologien vorantreiben, was ein stark fragmentiertes Feld ergibt. Aber genau in dieser hohen Spezialisierung gedeihen innovative Ideen, die im Ausland immer stärker nachgefragt werden.
Etwa die von Firmen wie der Uhde GmbH. Der Chemie- und Industrieanlagenbauer aus Dortmund trägt dazu bei, dass bislang umweltbelastende Fabriken nachhaltiger und ressourcenschonender produzieren. Derzeit fließt das Know-how von Uhde in eine Salzsäure-Elektrolyse-Anlage des chinesischen Polyurethan-Herstellers Yantai Juli Isocyanate. Das bei der Kunststoffherstellung anfallende Nebenprodukt Salzsäure wird durch die Anlage in zweifacher Hinsicht umweltschonend aufbereitet: Zum einen wird bei der Elektrolyse ein Drittel weniger Energie als bei üblichen Verfahren aufgewendet und zum anderen wird Salzsäure energieeffizient in hochreines Chlor umgewandelt. Rund 90 Prozent der Aufträge erhält Uhde aus dem Ausland. „Moderne, energieeffiziente Anlagen sind ein absoluter Exportschlager“, sagt Michael Thiemann, Vorsitzender der Uhde-Geschäftsführung. „Rohstoffe werden allmählich knapper und teurer. Der schonende Umgang mit Ressourcen ist unseren Kunden weltweit ein Kernanliegen.“ Mittlerweile komme kaum eine Ausschreibung ohne klare Anforderungen an Energiespartechnologien aus.
Damit spielen die Kreislaufwirtschaft und die Wiederverwertung eine immer größere Rolle und werden technisch immer anspruchsvoller. Entsorger sammeln längst nicht mehr nur den Inhalt von Papiertonnen ein, sie betreiben zusammen mit Anlagenbauern Hightech-Recycling für die Industrie, etwa wenn Metalle oder seltene Erden selbst in kleinsten Mengen aufbereitet werden. Die Deutschen sind tatsächlich Weltmeister im Mülltrennen – egal, ob zu Hause oder mit hochkomplexen Industrieanlagen. Getrieben durch rechtliche Recyclingvorgaben, hat sich ein weltweit führender Industriezweig entwickelt, der die Entsorgungswirtschaft mit Sortier-, Aufbereitungs- und schadstoffarmen Verbrennungsanlagen beliefert. Zwei Drittel aller weltweit verkauften Anlagen für die automatische Stofftrennung kommen aus Deutschland. Und mancher Müllwerker wird darüber sehr glücklich sein. Denn Firmen wie LLA Instruments aus Berlin-Adlershof sorgen dafür, dass die händische Sortierarbeit von verschiedenen Kunststoffen in stickig-stinkenden Hallen allmählich der Vergangenheit angehört.
LLA hat das Herzstück automatischer Sortieranlagen entwickelt: Spektrometer. Sensoren also, die auch unter widrigen Umständen diverse Kunststoffe sicher und schnell erkennen können. Sei es nun der Joghurt-Becher aus Polystyrol, die Folie aus PVC oder die Shampoo-Flasche aus Polyethylen. Der kleine Mittelständler hat es in dieser Nische innerhalb weniger Jahre zum heimlichen Marktführer gebracht. Von Adlershof aus werden Kunden in aller Welt bedient, unter anderem in den USA, China, Brasilien, Großbritannien, Italien, Spanien, Japan, Korea und Australien. „Unsere Stärke besteht darin, dass wir alles, von der Messsonde über die Elektronik bis zur Auswertungssoftware, selbst entwickeln und herstellen“, sagt Geschäftsführer Hartmut Lucht. Allerdings sollten sich deutsche Greentech-Anbieter nicht allzu sehr auf ihrer technologischen Führerschaft ausruhen. „Der Wettbewerb um die grünen Technologien hat längst begonnen“, sagt Claudia Kemfert vom DIW. Zu sehen auf der „IndustrialGreenTec 2012“.///















