Sawsan Chebli stammt nicht gerade aus einer den wohlhabendsten Gegenden Berlins. Sie ist in Moabit aufgewachsen, zusammen mit Eltern und 12 Geschwistern – in einer Drei-Zimmer-Wohnung. Heute gilt Sawsan Chebli, Tochter palästinensischer Flüchtlinge aus dem Libanon, vielen als Vorbild für Integration. Das nervt sie manchmal, aber wenn sie dann Jugendliche mit Migrationshintergrund in Schulen und Jugendzentren trifft, dann weiß sie, warum sie ihre eigene Geschichte immer wieder erzählt: „Damit sie sehen, dass sie Teil Deutschlands sind und dass es sich lohnt, hart zu arbeiten und etwas aus seinem Leben zu machen.“
Seit März 2010 ist die 32 Jahre alte Politikwissenschaftlerin Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten des Berliner Innensenators Ehrhart Körting. In der Senatsinnenverwaltung berät sie ihn in Fragen rund um die Themen Islam und Integration. Bis dorthin war es ein langer, nicht immer einfacher Weg. Aber Chebli wünscht sich weder Mitleid noch Lobes-Hymnen. Die ehrgeizige, selbstbewusste Frau zitiert lieber ein deutsches Sprichwort: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“. Ihre Eltern waren aus dem Libanon über Ostberlin nach Westberlin gekommen, lange Zeit war Chebli staatenlos. Deutsch lernte sie erst mit sechs Jahren, zu Hause wurde nur Arabisch gesprochen.
Sie sei zwar in sehr bescheidenen Verhältnissen, aber mit viel Unterstützung in Sachen Bildung aufgewachsen, sagt sie heute. Auch wenn die Eltern ihrem jüngsten, in Deutschland geborenen Kind bei den Schularbeiten nicht helfen konnten, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig waren. „Die deutschen Nachbarmädchen, die bei uns gegenüber wohnten, waren mein Zugang zur deutschen Welt“, sagt Chebli. In der Grundschulklasse war sie nur eines von vier Migrantenkindern. Die Lehrer erkannten ihr Potenzial und förderten sie von Anfang an. Später auf dem Gymnasium gab es jedoch auch Probleme mit einigen konservativen Lehrern. Sie sei zu vorlaut, hieß es, zu selbstbewusst. „Ich habe bei Konflikten zwischen den Lehrern und Schülern immer die Rolle der Vermittlerin in der Klasse eingenommen“, sagt Chebli. „Damit kamen einige Lehrer nicht zurecht“. Eigenmächtig und ohne ihren Eltern etwas zu sagen, wechselte sie die Schule. Denn die ehrgeizige junge Frau wollte weiter zu kommen – ihr Abitur machte sie dann als einzige ihrer Geschwister und als eine der Besten ihres Jahrgangs in Berlin.
Die Herkunft und die Geschichte ihrer Eltern hat Cheblis Leben auch in Deutschland bestimmt. Ihr Traum sei es gewesen, als Entwicklungshelferin einen freien palästinensischen Staat mit aufzubauen, sagt sie. Als Medizinerin oder Politikerin. Sie entschied sich schließlich für Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin, „da ich als lange Zeit Staatenlose wusste, dass Politik das Schicksal von Menschen bestimmt“. Inzwischen ist sie mit einem arabischstämmigen Mediziner verheiratet, der als stellvertretender Geschäftsführer einer Klinikgesellschaft beruflich engen Kontakt zur arabischen Welt hält. Das Paar lebt heute in dem begehrten großbürgerlichen Stadtteil Charlottenburg.
Im Studium spezialisierte sich Chebli auf Internationale Beziehungen. Sie wurde wissenschaftliche Hilfskraft in der „Arbeitsstelle Politik Vorderer Orient“ und absolvierte ein Praktikum im Bundestag. Nach ihrem Abschluss war sie dort sechs Jahre Referentin im Bereich Außenpolitik für verschiedene SPD-Bundestagsabgeordnete. „Aber ich wollte aktiv in der Politik und in der türkisch-arabischen Community Berlins mitarbeiten“, sagt sie. Daher bewarb sie sich auf gut Glück bei Innensenator Ehrhart Körting: Die Bewerbung muss sehr überzeugend gewesen sein. Körting schuf kurzerhand ihre heutige Stelle völlig neu und stellte die junge Frau ein.
Der Job ist für sie eine große Herausforderung. „Eine meiner Aufgaben ist es, Brücken zwischen den Menschen unterschiedlichster Herkunft und Glaubens zu bauen, zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu vermitteln, den interreligiösen Dialog zu fördern und Ängsten, die auf beiden Seiten existieren, entgegen zu wirken. Dabei kommt mir zugute, dass ich die Lebensumstände der Menschen mit Migrationshintergrund aus eigenem Erleben kenne“, sagt die überzeugte Muslimin. Fast rund um die Uhr ist sie in Sachen Integration unterwegs, organisiert Seminare zu Konflikten in der islamischen Welt und deren Auswirkungen auf den Alltag von Muslimen in Deutschland, geht mit ihren Kollegen in die Moscheen und spricht auf öffentlichen Veranstaltungen.
Wichtig ist ihr auch ihre vor drei Jahren gegründete Deutsch-Arabische Freundschaftsgesellschaft (DAFG). Die Institution, anderen Spitze der ehemaligen bayerische Staatsminister für Wirtschaft, Otto Wiesheu, steht, engagiert sich für die Beziehungen zwischen Deutschland und der arabischen Welt. Chebli möchte über die DAFG auch junge Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ansprechen und ihnen zeigen, dass Außenpolitik ein Berufsfeld ist, in dem sie sehr gefragt sind. Auch privat reist die engagierte Frau häufig in die Palästinensischen Gebiete, nach Jordanien, in den Libanon und die Golfstaaten. Dort nimmt sie an Konferenzen teil, knüpft Kontakte zu Politikern oder besucht auch mal ihre weit gestreut lebenden Familienangehörigen. Einen ihrer Brüder ist heute allerdings nicht in der arabischen Welt, sondern in Schweden zu Hause, wo er als Imam und islamischer Gelehrter die Behörden zum Thema Islam und Integration berät. Mit ihm tauscht sie sich über viele aktuelle Themen aus: „Auch in Schweden gibt es in Sachen Integration noch viel zu tun.“ ////














