Das Jugendzimmer ist verwüstet: der Ikea-Tisch mit einer Axt zerschlagen, die Fotos von Freunden von der Wand gerissen. Das Bettzeug ist aufgeschlitzt. Zwei Federballschläger liegen verbogen auf dem Boden. Dem Betrachter läuft es kalt den Rücken herunter. So ähnlich wüteten während der Zeit des Nationalsozialismus SS-Leute auf der Suche nach dem 17-jährigen jüdischen Jungen Robert Goldmann. Damit heutige Jugendliche das Geschehen von einst besser nachvollziehen können, wurde dies 1:1 mit heutigem Mobiliar nachgestellt – nach dem Bericht Robert Goldmanns.
„7xjung. Dein Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt“ heißt die Ausstellung im Berliner Bezirk Tiergarten. Eine Schau, deren viele Mitmachelemente Jugendliche anregen soll, sich mit dem Nationalsozialismus, Antisemitismus und jeglicher Form von Ausgrenzung zu beschäftigen. Die Ausstellungsmacher des Trägervereins „Gesicht Zeigen!“ hoffen, mit unkonventionellen Mitteln wie etwa dem zerstörten Zimmer im tiefsten Inneren zu berühren. „Wir wollen Menschen, besonders junge Menschen, couragieren, sich als Mit-Menschen zu verhalten. Sich sozial und gesellschaftlich zu engagieren und womöglich sogar künftig für ein freies, demokratisches und gerechtes Deutschland und Europa einzusetzen. In 7xjung ebnen wir dafür den emotionalen und kognitiven Weg“, sagen Sophia Oppermann und Rebecca Weis, die Geschäftsführerinnen des Vereins.
Im Jahr 2000 gegründet, setzt sich „Gesicht Zeigen!“ für ein weltoffenes Deutschland ein. Vor mehr als drei Jahren kam die Idee auf, einen Ort zu schaffen, um junge Menschen zeitgemäß anzusprechen. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass wir viele Jugendliche mit herkömmlichen Mitteln, wie Ausstellungen oder ähnlichem, nicht mehr erreichen. In unserer kulturell vielfältigen Einwanderungsgesellschaft hat sich der Hintergrund junger Leute stark verändert: In den Familien mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund ist die Geschichte des Nationalsozialismus zunächst nicht mehr Teil der eigenen Familiengeschichte“, sagt Projektleiter Jan Krebs. Ein Jahr lang reiste das interkulturelle Team aus Historikern, Museums- und Kulturpädagogen, Judaisten und einer Filmausstatterin durch Deutschland, Israel und die USA, um beispielsweise in Gedenkstätten und Museen zu recherchieren, wie mit dem Thema Antisemitismus umgegangen wird.
Das Ergebnis: Die Ausstellungsmacher konzipierten sechs Räume mit sieben Themenkomplexen – daher der Name der Schau - wie „Mein Zimmer“, „Meine Familie“, „Mein Laden“, „Meine Papiere“, „Mein Sport“, „Meine Stadt“ und „Meine Musik“. Gedacht ist die Schau für Schüler ab 12 Jahren. Es gibt kein einziges historisches Unikat, alles darf man anfassen. Das war den Machern wichtig. Die übliche, distanzierte Raumerfahrung eines Museums oder eines Ausstellungsraumes wollten sie bewusst aufheben. „Wir möchten die Lebenswelten von Jugendlichen aufgreifen – sei es das Zuhause, den Sportplatz oder den öffentlichen Raum“, sagt Krebs. Deshalb wurde das demolierte Jugendzimmer auch gleich zweimal eingereichtet - als Mädchen- und als Jungenzimmer. Ein anderer Raum wirkt wie eine Turnhalle: mit Sportbänken, Hula-Hoop-Reifen und Pokalen. Ein Riesenposter zeigt eine Szene aus Leni Riefenstahls Film „Triumph des Willens“: 15.000 Berliner hatten 1936, anlässlich der Olympischen Spiele kollektiv Liegestütze gemacht. Masse, Individualismus, Gruppenzugehörigkeit und Mannschaftssport können Lehrer und Schüler in diesem Raum zum Thema machen. Der Raum „Mein Laden“ ist mit Stühlen und runden Tischen wie eine Konditorei eingerichtet. Die Fensterscheiben sind von außen mit weißer Farbe beschmiert. Auf einer Speisekarte der „Konditorei Hansa“, die es zur NS-Zeit ein paar Meter vom Ausstellungsort wirklich gegeben hat, beschreibt der jüdische Inhaber, wie 1935 sein Café von marodierenden Hitlerjungen beschädigt wurde. In einem offiziellen Brief an den Polizeipräsidenten bittet er um Schutz – den er nicht erhielt. In drei Glaskästen sind jeweils ein Seifenstück, eine Tafel Schokolade und ein Handy ausgestellt. Dazu der Vermerk, dass Juden 1939 keine Schokolade kaufen und 1940 kein Telefon mehr besitzen duften und ihnen ab 1941 sogar der Kauf von Seife verboten war. Diese nüchterne Darstellung verschlage vielen Jugendlichen regelrecht die Sprache, sagt Projektleiter Jan Krebs, und sorgt bei Schülern wie Lehrern jedes Mal für unmittelbaren Diskussionsstoff. Die Ausstellung zeigt aber auch Beispiele für Zivilcourage: So ist ein Foto mit einer Frau ausgestellt, die trotz eines SA-Spaliers vor einem jüdischen Geschäft, dort einkauft.
Seit Juni haben über 1000 Schülerinnen und Schüler die Räume „7xjung“ besucht. Jede Jugendgruppe sei anders, Lernziele und pädagogisches Vorgehen würden für jede Gruppe einzeln definiert, sagt Jan Krebs. Die Beteiligung der Jugendlichen ist den Initiatoren sehr wichtig. Daher beobachten die Moderatoren des „7xjung“-Teams sehr genau, in welche Richtung sich die Dynamik jeweils entwickelt. Die Erfolge seien enorm. Jan Krebs glaubt, die Jugendlichen schätzen es offensichtlich, dass nicht die sonst übliche nüchterne und sterile Ausstellungsatmosphäre herrsche. Ein Schüler schrieb ins Gästebuch: „Bei der Ausstellung hat man viel besser verstanden, was da früher los war als bei irgendwelchen Tafeln, neben denen ein Bild von Hitler hängt.“ ////














