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Literatur

Ein Preis für die Verständigung

Ende 2010 wurde erstmals der Tarabya-Übersetzerpreis in der gleichnamigen historischen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Istanbul vergeben.

Von Johannes Göbel

Was wäre die Literatur ohne Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“? Was wäre sie ohne Franz Kafkas „Verwandlung“? Sie wäre ärmer; so viel scheint sicher. Ahmet Cemal weiß um die Kostbarkeit dieser Werke. Er hat sich ihnen gewidmet wie nur wenige andere, sie vom Deutschen ins Türkische übersetzt – und sie somit vielen Lesern erst nahe gebracht. Und dabei sind „Der Mann ohne Eigenschaften“ und „Die Verwandlung“ nur zwei Beispiele aus Cemals beeindruckender Liste an Übersetzungen. Hier finden sich Dramen von Heinrich von Kleist und Bertolt Brecht, Essays von Stefan Zweig und Ingeborg Bachmann, Gedichte von Goethe, Rilke, Celan.

Ein imposantes Lebenswerk, das Ende 2010 mit dem neuen Übersetzerpreis Tarabya geehrt wurde – und zwar an dem Ort, der dem Preis seinen Namen gibt: der traditionsreichen Sommerresidenz des deutschen Botschafters in Istanbul, historisches Zeichen für die Verbundenheit zwischen der Türkei und Deutschland. Verliehen wurde der Preis im Rahmen der Ernst-Reuter-Initiative vom Auswärtigen Amt, dem Ministerium für Kultur und Tourismus der Türkei, dem Goethe-Institut Istanbul, dem Yunus-Emre-Institut, der S. Fischer Stiftung und der Robert Bosch Stiftung. Mit dem von nun an alljährlich vergebenen Tarabya-Preis wurden 2010 insgesamt fünf Übersetzer ausgezeichnet. Jeweils einen Haupt- und einen Förderpreis gab es in den Kategorien Deutsch-Türkischer Übersetzerpreis und Türkisch-Deutscher Übersetzerpreis. Während der Hauptpreis mit jeweils 7500 Euro dotiert ist, beläuft sich der Förderpreis auf jeweils 5000 Euro. Als fünfter Preis wurde ein Arbeitsstipendium vergeben. Durch die verschiedenen Einzelpreise wird auch deutlich, wie vielfältig die Übersetzungsarbeit zwischen türkischer und deutscher Literatur sein kann.

Mehmet Cemal Ener, der mit dem Förderpreis für Übersetzungen vom Deutschen ins Türkische ausgezeichnet wurde, hat zwar auch Franz Kafkas „Brief an den Vater“ übersetzt. In seiner Arbeit konzentriert er sich allerdings auf zeitgenössische deutschsprachige Autoren. So hat er etwa Daniel Kehlmanns frühen Erfolg „Ich und Kaminski“ übertragen, Katja Lange-Müllers von der Kritik gefeierten Roman „Böse Schafe“ oder auch Bernhard Schlinks Weltbestseller „Der Vorleser“. Das übersetzerische Werk von Kaan H. Ökten legt einen Schwerpunkt auf die Philosophie. Ökten, der 1996/97 D AAD-Stipendiat an der Universität Göttingen war, ist heute Dozent für Philosophie und Ideengeschichte an der Bahcesehir Universität in Istanbul. Sein philosophisches Interesse spiegelt sich auch in der Übertragung solch komplexer Werke wie Martin Heideggers „Sein und Zeit“, Jürgen Habermas‘ „Die Zukunft der menschlichen Natur“ oder Paul Feyerabends „Thesen zum Anarchismus“ wider. Die S. Fischer Stiftung ermöglicht Ökten im August 2011 ein einmonatiges Arbeitsstipendium im Literarischen Colloquium Berlin.

Auch dieses Stipendium unterstreicht das Ziel des Tarabya-Übersetzerpreises, die kulturellen Verbindungen zwischen der Türkei und Deutschland zu stärken. Oder, wie es Staatsministerin Cornelia Pieper anlässlich der Preisverleihung formulierte: „Bücher stellen Brücken dar, auf denen man den Zugang zu anderen Ländern und Kulturen gewinnt. Ohne Übersetzer können nur wenige diese Brücken gehen.“

Dass diese Brücken keine Einbahnstraßen sind, macht auch der Türkisch-Deutsche Übersetzerpreis deutlich. Der promovierte Turkologe Michael Heß erhielt den Förderpreis. Die Jury würdigte damit insbesondere seine Übertragung von Metin Kacans „Agir Roman“, der 2003 unter dem Titel „Cholera Blues“ im Berliner Dagyeli Verlag erschienen ist.

Auf das Gesamtwerk der Übersetzerin Ingrid Iren, die unter anderem vier Romane Orhan Pamuks übersetzt hat, ging die Literaturkritikerin Sibylle Thelen in ihrer Laudatio ausführlich ein: Die Vielschichtigkeit ihrer Arbeit zeige sich an so unterschiedlichen Werken wie der Erzählung „Kalinikhta“ des Dichters Sait Faik, an Orhan Pamuks „Rot ist mein Name“ und an Adalet Agaoglus „Sich hinlegen und sterben“. Sibylle Thelen zitierte auch Adalet Agaoglus Reaktion auf die 2008 veröffentlichte deutsche Übersetzung ihres bereits 1973 in der Türkei erschienenen Romans: „Für mich ist das ein sehr wichtiges Ereignis. Es ist mir ein Anliegen, dass die türkische Literatur auch in Deutschland bekannt wird, denn sie trägt zu einem besseren Verständnis der Türkei bei.“ Dies dürfte ganz im Sinne der Stifter des neuen Tarabya-Preises sein.////

27.01.2011
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