42° 49’ Nord, 89° 38’ Ost: Die Geröllebene am Rande der Turfan-Senke ähnelt in der Nähe des Ortes Yanghai einer Mondlandschaft. Krater überall, daneben Erdhaufen. Im Sommer dörrt glühende Hitze den Boden, und im Winter herrscht oft beißende Kälte. Das Gebiet wirkt leblos, doch das war nicht immer so. Vor langer Zeit bestellten hier Bauern ihre Felder. Ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem aus sogenannten Karezen, unterirdischen Kanälen, sicherte die Versorgung mit dem lebenswichtigen Nass, berichtet Mayke Wagner vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Berlin. „Aber jetzt wächst dort kein Pflänzchen mehr.“ Die Karez sind verfallen und das Gebiet ist jetzt praktisch eine Wüste.
Die extreme Trockenheit hat allerdings auch eine positive Seite. Hier wie an vielen anderen Stellen in der autonomen Region Xinjiang im Nordwesten Chinas konnten Gräber und andere Überreste längst vergangener Kulturen den Zeitläuften verblüffend gut widerstehen. Wagner ist begeistert. „Es finden sich auch Bekleidung und Ausrüstungsgegenstände, die anderswo im Lande nicht so erhalten sind.“ Ein Paradies für Forscher. Im August 2010 hat die Archäologin die Ausgrabungen in Yanghai und das neue Turfan-Museum besucht. Schon bald wird sie wieder nach China reisen.
Seit der Eröffnung im November 2009 leitet Mayke Wagner die DAI-Eurasien-Außenstelle in Peking. Die Niederlassung spielt die Schlüsselrolle in der vor zwei Jahren offiziell vereinbarten wissenschaftlichen Kooperation zwischen dem Staatsamt für Kulturdenkmäler der Volksrepublik China und dem 1829 ursprünglich in Rom von deutschen Altertumsforschern gegründeten Deutschen Archäologischen Institut, einer der ältesten und renommiertesten Institutionen seiner Art weltweit. Das DAI arbeitet global, mit Projekten in zahlreichen Ländern und zu verschiedensten Themen. Diese Perspektive ermögliche überregionale Forschung, das Vergleichen unterschiedlicher Kulturkreise und das Erkennen von Zusammenhängen zwischen ihnen.
Mayke Wagner beschreibt ihre Funktion unter anderem als die einer Netzwerkerin. Neben ihren eigenen Studien stellt sie Kontakte zu anderen Wissenschaftlern her und bahnt konkrete Forschungsvorhaben an, „bei denen wir vom DAI unsere Expertise einbringen können“. „Ein Projekt beginnt immer damit, dass ich zu den Ausgrabungen und Funddepots reise und dort gemeinsam mit den chinesischen Kollegen das Material durchsehe und diskutiere“, sagt die Archäologin. Aufgrund ihrer hervorragenden Chinesisch-Kenntnisse kann sie auch problemlos die Sprachbarriere überbrücken. So ist echte Fachverständigung möglich.
Ein gutes Beispiel für die fruchtbare Zusammenarbeit ist die Beteiligung deutscher Forscher an dem Untersuchen von Funden aus dem Gebiet der Khotan-Oase, darunter das Gräberfeld von Sampula. Es wird auf das ausgehende 1. Jahrtausend vor Christus datiert und birgt noch viele Geheimnisse. Welches Volk lebte dort und woher stammte es? Tiermotive auf den Röcken der Frauen lassen einen sakischen Ursprung vermuten, meint Mayke Wagner. Die Saken drangen vor ca. 2300 Jahren aus dem heutigen Kasachstan in den Südosten des Tarim-Beckens vor und gründeten dort Oasenreiche wie Kashgar und Khotan. Die Saken gehörten zu den nomadischen Reiter- und Hirtenvölkern in den eurasischen Steppen, von denen die Skythen die bekanntesten sind. Ob die Bewohner der Turfan-Senke zu diesen Hirtenvölkern gehörten, ist eine der offenen Forschungsfragen, welche die Wissenschaftler gemeinsam in den nächsten Jahren lösen wollen.
Während sich Mayke Wagner vorrangig der Rekonstruktion des kulturhistorischen Gesamtbildes widmet, nimmt die DAI-Paläopathologin Julia Gresky die sterblichen Überreste der Beerdigten selbst unter die Lupe. Als Medizinerin kann Gresky dabei Hinweise auf eventuelle Krankheiten oder Verletzungen finden, womöglich sogar die Todesursache feststellen – nach Jahrtausenden. Eine solche Spezialisierung gibt es in China nicht, erklärt Wagner. So eröffnen sich dank der Kooperation völlig neue Forschungschancen.
Der erstaunlich gute Erhaltungszustand der Bekleidung der Verstorbenen bietet weitere Einblicke in die Vergangenheit Nordwestchinas. Mayke Wagner ist immer wieder überrascht. „Man sieht es den Bestattungen an, ob sie im Winter oder im Sommer stattgefunden haben.“ Manche Toten tragen Pelzmäntel, andere wiederum nur leichte Kleider. In zahlreichen Gräbern aus Xinjiang lässt sich auch gut der Einfluss der berühmten Seidenstraße erkennen. Sie diente nicht nur dem Handel, sondern führte auch zu einem regen kulturellen Austausch zwischen Ost und West. Eine bei Sampula gefundene Hose aus Wolle trägt zum Beispiel griechisch-bactrische Motive: einen Zentauren und das Gesicht eines Kriegers. Der Stoff entstammte wohl ursprünglich einem Wandteppich, der später zerschnitten und zu Kleidung verarbeitet wurde.
Die deutsch-chinesische Kooperation beschränkt sich nicht nur auf angewandte Forschung. Der Austausch von Ideen und Erkenntnissen nimmt ebenfalls großen Raum ein. So wurde bei einem internationalen Symposium im September letzten Jahres in Peking die Nutzung digitaler Technologien für den Einsatz in der Archäologie und zu Bildungszwecken diskutiert. Wie lassen sich längst verschwundene Städte dreidimensional rekonstruieren und darstellen? Hierbei wurde auch die Arbeit am „Digitalen Museum Chinas“ von Experten aus der Volksrepublik vorgestellt. Das Museum wird wahrscheinlich noch 2011 online gehen.////















