AM ÖKO-STROM FÜHRT in Ascha kein Weg vorbei. Das wird jedem Autofahrer sofort klar, der sich der Gemeinde am Rand des Bayerischen Waldes auf der Landstraße in nördlicher Richtung nähert. Kurz vor dem Ortskern, zwischen Mais- und Getreidefeldern, wird eine besondere Ernte eingefahren. Auf einer Fläche von rund dreieinhalb Hektar reiht sich Solar-Tracker an Solar-Tracker. Die 285 imposanten Anlagen richten sich wie futuristische Pflanzen nach der Sonne aus – und erzeugen bis zu 876 Kilowatt Strom. Das sind rund 70 Prozent der in Ascha installierten Solarstromleistung. „Bewirtschaftet“ wird dieses Solarfeld von Franz Berl, der regelmäßig mit dem Traktor vorbeischaut. Berl ist kein Landwirt, sondern Betriebselektriker in einer nahe gelegenen Dachziegelei. Dass er zusätzlich noch den Solarpark alleine betreibt und ihn mit einer Summe von 4,2 Millionen Euro als einziger Investor finanziert hat, zählt zu den Besonderheiten des „Bioenergiedorfs“ Ascha.
Das rund 1500 Einwohner zählende Ascha ist eines von 72 Bioenergiedörfern in Deutschland. Durch das große Engagement ihrer Bürger gelingt es diesen Gemeinden, ihre Energieversorgung unabhängig von großen Konzernen voranzutreiben: Selbstverwaltete Strom- und Wärmenetze ermöglichen stabile Energiepreise, gemeindeeigene Kraftwerke schaffen Arbeitsplätze. Zu den Befürwortern der Bioenergiedörfer, deren Zahl in den vergangenen fünf Jahren stark zugenommen hat, zählt auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner. Sie betont die Chancen des Konzepts: „Die kommunale Entwicklung wird vorangebracht, die regionale Wertschöpfung steigt und eine ganze Gemeinde identifiziert sich mit diesem Projekt.“ Manche Gemeinden speisen sogar mehr Energie in die Versorgungsnetze ein, als sie selbst benötigen – Ascha zum Beispiel fast ein Fünftel seines Stroms aus erneuerbaren Quellen. Für diesen Überschuss sorgen neben Franz Berls Solarpark zahlreiche weitere private und öffentliche Photovoltaikanlagen sowie eine Biogasanlage, die für die Stromgewinnung Mais und Gras verarbeitet. „Meine Familie lebt seit mehreren Generationen in Ascha“, sagt Franz Berl. „Natürlich freut es mich, dass ich mit einer Art Vorzeigeprojekt Teil des Bio-energiedorfs bin.“ Lange bevor sein Photovoltaikpark 2008 den Betrieb aufnahm, sinnierte Berl über die Vorteile der erneuerbaren Energien. „Mich hat beschäftigt, dass es mit den endlichen Ressourcen wie Kohle und Öl, aber auch mit der Atomkraft, nicht mehr weitergehen kann. Wir haben in unserer Region viel Sonne, und die Bundesregierung bietet ja durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz seit 2004 attraktive Förderungen der Solarenergie“, erinnert er sich. „Wichtige Unterstützer waren meine Bank, die mir einen Kredit gewährte, und Bürgermeister Zirngibl, der in der Gemeinde intensiv für das Projekt geworben hat.“
Wolfgang Zirngibl wirkt wie ein zufriedener Mann. Entspannt lehnt er sich an das Brückengeländer vor Aschas spätbarocker Pfarrkirche. Gleich neben der Kirche liegt das Gemeindehaus, in dem der Bürgermeister über den Weg Aschas zum Bioenergiedorf spricht. Zirngibl ist seit 1990 Bürgermeister der Gemeinde und hat die Aschinger seitdem für mehrere Energieprojekte begeistern können. „Am Anfang stand die Idee, etwas für unsere Heimat und für die Natur zu tun. Darüber sind wir recht schnell auf das Thema Energie gekommen.“ Als erstes großes Projekt wurde 1995 ein Biomasseheizwerk errichtet, das Resthölzer aus den heimischen Wäldern nutzt und heute 75 Privatgebäude, das Gewerbegebiet, Kindergarten, Grundschule, Kirche, Bürgerhaus und Schützenheim mit Wärme versorgt. 2001 wurde mit einer Biogasanlage eine weitere alternative Energiequelle errichtet. 2004 folgte eine Bürgersolaranlage: Die Gemeinde stellte das Dach der Mehrzweckhalle allen zur Verfügung, die dort eine kleine Photovoltaikanlage betreiben wollten. Ein gutes Dutzend Aschinger leistete sich bis heute eine Anlage und speist somit zu Spitzenzeiten insgesamt 37,95 Kilowatt in das kommunale Stromnetz ein. Dieser Erfolg und zahlreiche Informationsveranstaltungen führten dazu, dass immer mehr Hausbesitzer Solaranlagen auf ihren Dächern installierten. „Man muss die Leute mitnehmen“, sagt Wolfgang Zirngibl über die von ihm aktiv betriebene Öffentlichkeitsarbeit. Er wünscht sich, dass Ascha einmal sämtliche benötigte Energie selbst erzeugen kann und denkt auch über noch ungenutzte Chancen in der Windkraft und der Elektromobilität nach. „Vielleicht können wir Bürger, die Elektrofahrzeuge nutzen wollen, einmal finanziell unterstützen.“
Um die Zukunft kümmern sie sich auch in der Aschaer Grundschule. An der mehrfach als „Umweltschule in Europa“ ausgezeichneten Schule lernen die Kinder etwa, die Heizung herunterzudrehen, wenn die Fenster geöffnet sind, und Elektrogeräte nicht unnötig auf Stand-by laufen zu lassen. „Wir integrieren Energie- und Umweltthemen in den Unterricht“, sagt Schulleiterin Petra Wutz. Die Umwelt ist den Kindern offensichtlich auch zu Hause wichtig: „Wir sammeln Wasser in einer Regentonne“, erzählt der 8-jährige Thomas stolz. Und was bringt der bewusste Umgang mit Energie und Umwelt noch? „Wir sparen Geld“, sagt Thomas’ Klassenkameradin Pia schüchtern lächelnd.
Maria Kulzer hat investiert: Erst vor ein paar Jahren hat sie ihr Haus komplett energetisch saniert. Dass es über 30 Jahre alt ist, sieht man nicht: moderne Holzwände, farbenfroher Putz – alles freundlich und hell. Auch dank großer, teurer Aluminium-Glasfenster. „Sozusagen der Mercedes unter den Fenstern“, bemerkt sie schmunzelnd. Das Energiesparen ist es ihr wert: Die Fenster sind effizient in der Wärmedämmung. Seit elf Jahren engagiert sich Maria Kulzer in Ascha als ehrenamtliche „Projektleiterin Energie“. Sie berät Hausbesitzer und vermittelt Sachverständige. Viele Aschinger hat sie mit ihrem Einsatz angesteckt. „Wenn man etwas glaubhaft vorlebt, dann ziehen die Menschen auch mit.“
Ihren Bruder musste Maria Kulzer nicht erst überzeugen. Andreas Kulzer berät als Landschaftsarchitekt mit einem überregional tätigen Planungsbüro Gemeinden, wie sie die Agenda 21 der Umweltkonferenz von Rio de Janeiro umsetzen können. Und dann ist da noch sein anderer Arbeitsplatz: das Aschaer Biomasseheizwerk, das er seit drei Jahren als Geschäftsführer leitet. Kulzer hat die „Nahwärme Ascha GmbH“ mitgegründet, die seit 1995 das Biomasseheizwerk betreibt. Er steht neben einem der großen Heizkessel und sagt, was ihn anspornt: „Hier kann man tatsächlich global denken und lokal handeln.“ Wie die Energie der Zukunft aussehen kann, zeigt Ascha auch mit einem Neubaugebiet, das komplett an die Nahwärme angeschlossen werden soll. Auch entsteht eine weitere Biogasanlage, die Holzpellets in Strom umwandelt. Andreas Kulzer will, dass die Geschichte des Bioenergiedorfs Ascha weitergeht: „Wir können mit unserer Gemeinde etwas bewegen. Diese Chance sollten wir nutzen.“///















