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Ein neuer Stil

Technische Brillanz, geglückte Integration: Kaum einer verkörpert die neue deutsche Fußballkultur wie Mittelfeld-Star Mesut Özil.

Von Johannes Göbel

Von Bulmke ins „Bernabéu“: Mesut Özil hat einen erstaunlichen Weg zurückgelegt. Als kleiner Junge kickte der heute 22-Jährige noch auf dem Bolzplatz seines Heimatviertels Gelsenkirchen-Bulmke im Ruhrgebiet. Den Hartplatz nennen sie dort „Affenkäfig“, wegen der hohen Stahlgitter, die ihn umgrenzen. Das Estadio Santiago Bernabéu gehört zu einer anderen Liga: Es ist der Fußball-Tempel des legendären Clubs Real Madrid – und seit dieser Saison die Bühne für Deutschlands international gefeierten Mittelfeldstar.

Für Real Madrid haben schon einige Deutsche gespielt. Der türkischstämmige Mesut Özil steht jedoch für eine neue Generation, die die Vielfalt der deutschen Gesellschaft widerspiegelt. Sein Großvater kam vor rund 40 Jahren aus dem nordtürkischen Dorf Hisiroglu ins Ruhrgebiet. Hier wird Mesut 1988 geboren. Schon auf dem Bolzplatz lernt er Deutschland als buntes Land kennen. Libanesen, Tunesier, Türken, Deutsche: Sie alle kicken zusammen. Mesut findet durch den Sport seinen Platz in der Gesellschaft. Eine rasante Karriere: Als 17-Jähriger steht er in der Bundesliga für Schalke 04 auf dem Platz. Mit der U21-Nationalmannschaft wird er 2009 Europameister. Wenige Wochen später folgt sein erstes Pflichtspiel für die deutsche Eliteauswahl. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika zählt Mesut Özil zu den herausragenden Spielern.

Bundestrainer Joachim Löw schwärmt von dem brillanten Techniker, attestiert ihm „Bewegungsabläufe auf höchstem Niveau“. Die zeigt er auch am 8. Oktober 2010 in der Qualifikation zur Europameisterschaft, als Deutschland in Berlin gegen die Türkei spielt. Zum deutschen 3:0-Sieg steuert Özil ein Tor bei. Von türkischen Fans wird er über die kompletten 90 Minuten ausgepfiffen. Viele Türken nehmen ihm die Entscheidung für Deutschland immer noch übel: Bis zu seinem ersten Pflichtländerspiel hätte Özil auch das türkische Trikot wählen können. Doch der türkische Staatspräsident Abdullah Gül stellt sich hinter ihn und nennt seinen Werdegang „ein sehr gelungenes Beispiel für Integration“. Özil hat sich unverkrampft auf Deutschland eingelassen – und seiner Nationalelf zu einem neuen Stil verholfen: „Wir wollen spielerisch überzeugen, wir wollen glänzen. Das ist für mich inzwischen auch typisch deutsch, und das macht mich stolz.“ Fußballer unterschiedlichster Herkunft tragen zu der neuen Spielkultur des deutschen Teams bei. Bei der WM in Südafrika standen elf Spieler mit internationalen Wurzeln im Kader: Von Abwehr-As Jérôme Boateng, Sohn deutsch-ghanaischer Eltern, bis zu Stürmerstar Cacau, der vor zehn Jahren aus Brasilien nach Deutschland kam. Und im Mittelfeld führt Mesut Özil Regie, für den Deutschland ganz selbstverständlich Heimat ist: „Ich bin hier geboren, ich habe meine Freunde hier. Und das will ich auch an andere Jugendliche mit ausländischen Wurzeln weitergeben, gerade an meine türkischen Landsleute: Jeder von euch kann es packen.“

Abseits des Fußballplatzes plant Mesut Özil die Gründung einer nach ihm benannten Stiftung, die Integrationsprojekte unterstützen soll. Özil, der in Interviews stets ruhig und gelassen wirkt, denkt etwa an einen Schüleraustausch zwischen deutschen Familien und Migrantenfamilien innerhalb Deutschlands. Erstaunlich geerdete Gedanken für einen, der es im Eiltempo in die Fußballweltklasse geschafft hat. Bei Real Madrid trifft und trickst Özil nicht nur in der spanischen Liga, sondern auch in der Champions League. Für den Titel des Weltfußballers wurde er 2010 bereits nominiert. Es scheint, als ob der Aufstieg des Jungen aus Gelsenkirchen-Bulmke noch eine ganze Weile weitergeht.////

17.11.2010
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