Berlin ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Das stellen Kylie Kost und Bruce Clark, Studierende aus den USA, immer wieder fest. Beide absolvieren während ihrer Semester-Ferien ein dreimonatiges Praktikum in der deutschen Hauptstadt. Sie genießen die Spaziergänge durch die Mitte Berlins. Und wer läuft ihnen über den Weg? Matthew Wygal, der wie sie am „Transatlantic Program“ (TAP) teilnimmt, das die „German American Chamber of Commerce of the Midwest“ (GACCoM) in Chicago seit 2005 für Studierende anbietet. Matthew macht sein Praktikum in der Nähe von München, hat aber seine Eltern nach ihrem Deutschland-Besuch in Berlin zum Flugzeug gebracht. In den USA wäre den drei Jungakademikern dieses Treffen wohl kaum passiert: Kylie, Bruce und Matthew studieren in Minnesota, Illinois und Kalifornien, also Tausende Meilen voneinander entfernt. Ein kleineres Land ermöglicht manchmal ungeahnte Überraschungen – auch das ist eine Lektion aus ihrem Deutschlandaufenthalt.
Die drei sind voller Anerkennung für ihr Gastland: Ihnen gefallen die historisch gewachsenen Orte, die räumliche Nähe von Wohn- und Geschäftsstraßen und der gut ausgebaute öffentliche Nahverkehr. Bruce begeistert sich für das Berliner Radwegenetz und bewältigt alle Strecken mit dem Fahrrrad. „In deutschen Städten kann man ohne Auto leben“, bestätigt Kylie: „Deutschland ist vorbildlich, indem es bei starker ökonomischer Leistung hohe ökologische Standards einhält.“
Ein Fazit ganz im Sinne von TAP-Leiterin Sabine Klensch: Die Handelskammer wolle den 20 am Austausch beteiligten Studierenden „die aktuelle Bundesrepublik zeigen, weil das an US-Colleges vermittelte Deutschland-Bild häufig etwas veraltet ist“. Zentrale Themen des zehntägigen „Immersion Seminar“ zum Auftakt des Deutschland- Aufenthalts, das die Teilnehmer Ende Mai absolviert haben, waren daher Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien. Neben Einführungen in die deutsche Politik und Wirtschaft standen Tagesausflüge zu den Airbus-Werken in Hamburg und der „Gläsernen Manufaktur“ von VW in Dresden auf dem Programm. Im Nachgang diskutierten die US-Studierenden mit der Energie-Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Claudia Kemfert über Methoden zum Ressourcen-Schutz. Für die „Global Studies“-Studentin Kylie der Höhepunkt des Seminars. Denn darum gehe es nun auch an ihrem Praktikumsplatz in der Umweltpolitik-Abteilung einer parteinahen Stiftung. Architektur-Student Bruce beschäftigt sich als Praktikant eines Architekturbüros ebenfalls mit dem Klimaschutz: „Deutsche Gebäude sind durch doppelte Fassaden und Wärmedämmung viel energiesparender als in Amerika.“ Nur beim Praktikum von Matthew, der Musikmanagement studiert, spielt Klimaschutz keine Rolle: Er erfährt in einem Konzeptions- und Emissionshaus für Musik-Fonds, wie Pop-Künstler vermarktet werden.
So verschieden wie ihre Studienfächer sind auch die Motivationen der drei, Deutsch zu lernen und in die Bundesrepublik zu reisen. Kylie kommt aus einer germanophilen Familie und liest viel deutsche Literatur. Bruce wurde durch ausgefeilte Bau-Techniken auf zeitgenössische deutsche Architektur aufmerksam. Matthew schließlich wählte auf dem College Deutsch-Kurse und schwärmt für die kreative Atmosphäre in Berlin. Die unterschiedlichen Fachrichtungen und Interessen aller Austausch-Teilnehmer empfinden die jungen Amerikaner als ebenso anregend wie ihre maßgeschneiderten Praktikumsstationen.
Das liegt am ausgefeilten Auswahl-Verfahren, erklärt Sabine Klensch. Aufgrund von Empfehlungen ihrer Dozenten bewerben sich weit mehr als hundert Aspiranten für TAP; mit rund 50 von ihnen führt die Handelskammer ein ausführliches Telefoninterview. „So stellen wir sicher, 20 Kandidaten auszusuchen, die sich an Deutschland binden wollen und dieses Know-how in die USA zurückbringen“, erläutert die Programm-Leiterin. Für jeden Teilnehmer sucht anschließend der deutsche Kooperations-Partner „Internationale Weiterbildung und Entwicklung“ (InWEnt) bundesweit nach einem passenden Praktikums-Platz. Die intensive Betreuung setzt sich nach der Anreise der Teilnehmer fort. Während des „Immersion Seminar“ geben ihnen Sprachtrainer zum Beispiel Antworten auf die Frage, wann als Anrede eher das formelle „Sie“ oder das „Du“ angebracht ist. Nach ihrer Rückkehr in die USA werden sie zu TAP-Alumni, die per Newsletter und bei regionalen und nationalen Treffen den Kontakt untereinander halten: Mittlerweile zählt das Netzwerk 118 Ehemalige.
Dieser Aufwand hat seinen Preis. Die Programm-Kosten in Höhe von 7000 US-Dollar pro Person zahlen die Teilnehmer zu rund 40 Prozent selbst, wobei sie während ihrer zwei- bis sechsmonatigen Praktika von ihren deutschen Arbeitgebern meist entlohnt werden. Die übrigen Ausgaben trägt überwiegend das Bundeswirtschaftsministerium. Zudem steuert die Handelskammer Eigenmittel bei. Dass TAP vor allem „undergraduates“ offen steht, lobt der deutsche Botschafter in Washington und Schirmherr des Programms, Klaus Scharioth. Denn vor ihrem Uni-Abschluss bekämen US-Studierende kaum Gelegenheit zu einem Auslandspraktikum. Er wünsche sich, so Scharioth, dass die TAP-Teilnehmer neue Ideen nach Deutschland mitbringen, damit das Praktikum für beide Seiten zur wertvollen Erfahrung werde.
Sechs TAP-Alumni sind nach ihrem Studienabschluss nach Deutschland zurückgekehrt, um dort ihre akademische Laufbahn fortzusetzen oder in den Beruf einzusteigen. Die Zahl der jungen US-Amerikaner, die für ein Studium oder den Berufseinstieg nach Deutschland kommen, dürfte in den nächsten Jahren steigen. Denn nicht nur TAP-Teilnehmer finden den Praktikum-Standort Deutschland attraktiv. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit absolvierten 2008 insgesamt 916 junge US-Bürger ein Praktikum in der Bundesrepublik – im Vergleich zum Vorjahr einer Steigerung um 50 Prozent.














