Eine Titelgeschichte für ein Boulevardblatt schreiben, das Millionen lesen. Eine eigene Kolumne in einer Tageszeitung – so oder ähnlich sehen die Träume von Jungjournalisten aus. Umso außergewöhnlicher ist es, wenn diese Träume im Ausland wahr werden, in einer Fremdsprache. Zwei russischen Teilnehmern des Austauschprogramms „Journalisten International“ ist das bei ihren Praktika in deutschen Medien geglückt: Einer durfte den Aufmacher des Massenblatts „B.Z.“ texten, ein anderer regelmäßig eine Kolumne in der angesehenen „Berliner Zeitung“ füllen. Doch das bereits seit 1997 bestehende Programm der Freien Universität Berlin (FU) richtet sich an berufstätige Journalisten; ein ähnliches Angebot für den Nachwuchs fehlte bislang. Die Lücke schließt nun der deutsch-russische Masterstudiengang „Communication and Journalism“ (CJ-Master), der im Herbst 2009 an der FU und der Lomonossow-Universität Moskau (MGU) beginnt. Seine dreijährige Testphase wird vom Bundesbildungsministerium, dem Verlag Gruner + Jahr und der Robert-Bosch-Stiftung finanziert. „Wir wollen die positiven Erfahrungen von zwölf Jahren ‚Journalisten International‘ stärker in den akademischen Kontext einbinden“, erklärt Margreth Lünenborg, Leiterin des Studiengangs und Direktorin des Internationalen Journalisten-Kollegs am Institut für Publizistik der FU. Daher ist der CJ-Master wesentlich umfassender angelegt. Die Studierenden absolvieren einen regulären zweijährigen Studiengang – davon drei Semester an der MGU und eines an der FU. Unterrichtet wird in beiden Sprachen.
Vereinbart wurde das deutsch-russische Angebot bereits 2006 auf der deutsch-russischen Regierungskonferenz in Tomsk. Um europaweit anerkannt zu werden, ist der Studiengang in Module unterteilt, in denen die Studierenden Leistungspunkte (ECTS) gemäß den Vorgaben des Bologna-Prozesses erhalten. Ein Master-Studiengang mit diesen Vorgaben ist für die MGU völlig neu. Zum Wintersemester 2009 / 2010 haben sich die ersten sechs russischen Studierenden eingeschrieben. “ Die akademischen Pioniere beschäftigen sich im ersten Semester an der MGU in vier Modulen mit Grundlagen des Journalismus und feilen an ihren Deutschkenntnissen. Ein Professor der Freien Universität lehrt in Moskau „Strukturen und Funktionen öffentlicher Kommunikation“ auf Deutsch. Auf dem Seminarplan stehen moderne Klassiker wie die Werke von Jürgen Habermas oder der Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann, aber auch die Veränderung von Öffentlichkeit durch das Internet. Im zweiten Semester an der MGU wird auch die „Empirische Kommunikations- und Medienforschung“ auf Deutsch vorgestellt.
Im dritten Semester kommen die Studierenden nach Berlin. An der FU erhalten sie von einem Professor der MGU auf Russisch Unterricht über „Kommunikation und Kultur“. Zudem machen sie im zweiten und dritten Semester Praktika in einem russischen und deutschen Medienunternehmen. Im letzten Semester verfassen sie in Moskau ihre Masterarbeit und legen die Abschlussprüfungen ab.
Die enge Verzahnung der Lehrpläne beider Universitäten soll den zukünftigen Journalisten ermöglichen, „auch ausländische akademische Konzepte kennen zu lernen und sich am Leben auf dem Campus zu beteiligen – beispielsweise können sie an der FU auch Vorlesungen anderer Fachbereiche hören“, erklärt Margreth Lünenborg.
Als Aufbaustudium setzt der CJ-Master einen bereits erworbenen Hochschulabschluss wie Diplom, Magister oder Bachelor voraus. Nach der Zulassung ist das Studium an der Freien Universität kostenfrei. Darüber hinaus erhalten die russischen Studierenden in Berlin vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) ein monatliches Stipendium. Dagegen hat die Lomonossow-Universität sich dazu entschieden, von ausländischen Studierenden dagegen dazu entschieden, von ausländischen Studierenden Gebühren zu verlangen, woran die Bewerbung einiger deutscher Interessenten zunächst gescheitert ist.
Dass die russischen Studentinnen und Studenten beim Masterstudiengang „Communication and Journalism“ unter sich bleiben und das Angebot damit zu einer einseitigen Angelegenheit wird, will der Gründer des Studiengangs und frühere Intendant des Sender Freies Berlin (SFB), Günther von Lojewski, ändern: „Noch ist es eine Einbahnstraße, aber wir wollen im kommenden Semester Wege finden, deutschen Studierenden ebenso die Teilnahme zu ermöglichen.“ Langfristig könne nur ein ausgewogenes Verhältnis von Teilnehmern aus beiden Nationen die „medienpolitische Entwicklung zur deutsch-russischen Verständigung“ voranbringen, so Lojewski, der auch Ehrenprofessor der MGU ist: „Zivilgesellschaft entwickelt man nicht durch Technologie-Austausch, sondern durch zivile Qualifizierung.“














