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Medien

Ein Mann des Wortes

Seit über zehn Jahren arbeitet der Verleger Peter Kapitza an dem „Großen Japanisch-Deutschen Wörterbuch“ Jetzt erscheint der erste Band. Ein Besuch im Iudicium Verlag.

Von Gunda Achterhold

Geschafft! Mitten auf dem Tisch in der Verlagsredaktion liegt das Ergebnis jahrelanger Arbeit. Ein imposanter Stoß an losen Blättern, mit allerlei farbigen Tapes versehen. Bis vor wenigen Tagen ist hier noch fieberhaft gearbeitet worden, an dem ersten Band des „Großen Japanisch-Deutschen Wörterbuches“. Jetzt bringt es der Iudicium Verlag auf den Markt – stolze 2544 Seiten, allein für die Buchstaben A bis I. Die Folgebände des 1998 begonnenen, mit insgesamt 120000 Stichwörtern umfangreichsten Lexikons dieser Art, erscheinen jeweils im Abstand von drei Jahren. „Das Projekt ist so in die Breite gegangen, dass wir jetzt rauskommen müssen, um uns zu positionieren“, stellt Verlagsleiter Peter Kapitza fest. Die Erleichterung ist dem promovierten und habilitierten Germanisten anzumerken. Ebenso wie der Stolz. „Natürlich gibt es auch im Internet viele Angebote, aber wir bieten viel mehr als eine Eins-zu-Eins-Übersetzung“, betont er. Ob Fachwort oder Slang, jeder Begriff wird anhand von Beispielen aus der Literatur eingeordnet. Peter Kapitza hat ein gutes Gefühl. „Ich bin mir sicher, dass viele an Deutschland interessierte Japaner das Klick and Go der Datenbanken für nicht ausreichend halten“, so der Literaturwissenschaftler.

Der mit einer Japanerin verheiratete Verleger versteht sich als ein Vermittler zwischen der europäischen und der ostasiatischen Kultur. Mit 27 Jahren war er Ende der sechziger Jahre zum ersten Mal als Deutschlehrer in Japan. Nach längeren Aufenthalten als Dozent an der Tokio-Universität kehrte er 1980 mit seiner Familie zurück und gründete in München den Iudicium Verlag. „Auf einmal war ich auf der anderen Seite und hatte mich mit eher handwerklichen Aufgaben wie Kalkulationen, Software und Vorfinanzierungen zu beschäftigen“, sagt Peter Kapitza. „Dinge, die durchaus einen Reiz ausüben, wenn man so viele Jahre als Wissenschaftler am Schreibtisch gesessen hat.“ Den Grundstein legte der „Fachdienst Germanistik“, ein Periodikum, das sich mit Sprache und Literatur in der Kritik deutschsprachiger Zeitungen beschäftigt. Hinzu kamen Zeitschriften, Reihen und Buchpublikationen in den Bereichen „Deutsch als Fremdsprache“ und Interkulturalität. Als in den achtziger Jahren das Interesse an Japan in Deutschland sprunghaft wächst, wendet sich die mit dem japanischen Musikkritiker Hidekazu Yoshida verheiratete Übersetzerin Barbara Yoshida-Krafft an den Verlag. Die Anthologie „Das elfte Haus“, die Erzählungen japanischer Gegenwartsautorinnen versammelt, wird 1987 ein voller Erfolg. Der Deutsche Taschenbuchverlag nimmt das Buch als Lizenzausgabe ins Programm auf. „Damit hatten wir auf einmal einen Japanbezug“, so Kapitza.

Es beginnt eine rege Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) und dem Deutschen Institut für Japanstudien in Tokio. Entscheidend für den Auf- und Ausbau des Programms ist die wissenschaftliche Laufbahn des Verlagsleiters. „Ich kam von der Sache, das schafft Vertrauen.“ Iudicium übernimmt die Zeitschrift „Hefte für ostasiatische Literatur“, die zweimal im Jahr Texte zeitgenössischer Autoren aus Japan, China und Korea vorstellt, gibt die vom Verleger selbst editierte Dokumentation „Japan in Europa“ heraus und widmet sich den verschiedensten Aspekten der Ostasienkunde. Der Anteil an lieferbaren Büchern zu Japan liegt heute bei 45 Prozent. „Wer sich für Japan interessiert, kommt an unseren Büchern und Zeitschriften eigentlich nicht vorbei“, sagt Peter Kapitza. Viel Geld verdienen lässt sich mit einem so ambitionierten Verlagsprogramm jedoch nicht. „Dafür ist es viel zu arbeitsintensiv.“ Über Lizenzen werden zwar auch höhere Auflagen erzielt und so manches Lehrbuch erweist sich als krisenfester Longseller. Doch diese Gewinne fließen gleich wieder in Liebhabereditionen, wie zum Beispiel in die Kritische Ausgabe der Schriften Engelbert Kaempfers, einem Forschungsreisenden aus dem 17. Jahrhundert. Die Zahl der Interessenten an der aufwendig gestalteten Ausgabe in sechs Bänden ist naturgemäß begrenzt und beschränkt sich auf ein Fachpublikum. „Die Auflagen vieler unserer Bücher entsprechen der Anzahl ihrer Fußnoten“, scherzt der Verleger.

Neben einigen Freien beschäftigt der Verlag fünf festangestellte Mitarbeiter. Um den Vertrieb kümmert sich Kiyoko Kapitza. Sie hat ihren Mann als Germanistikstudentin in Deutschland kennengelernt und ihn gemeinsam mit den beiden Söhnen zu den Aufenthalten in Japan begleitet. „Ich bin damals mit dem Selbstbewusstsein eines mitteleuropäischen Gelehrten aufgebrochen und musste eine Menge lernen“, stellt der Verleger rückblickend fest. „Auch eine Ehefrau kann es nicht schaffen, ein ganzes Land zu vermitteln!“ Der Gastwissenschaftler lernte die japanische Kultur und Gesellschaft von Grund auf kennen. Die beiden Söhne wuchsen zweisprachig auf und besuchten die Deutsche Schule. Beide sind dem Land, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit und Jugend verbracht haben, treu geblieben. Der Percussionist Kosmas lebt in Tokio und erwandert mit großer Leidenschaft wieder und wieder den Fuji. Enno Kapitza hat sich international als Fotograf einen Namen gemacht und kehrt mit der Kamera immer wieder nach Japan zurück. Wie ihr Vater sind die beiden Brüder Mittler zwischen zwei Kulturen. „Nur mit dem Wort wollten beide nichts zu tun haben“, flachst der Verleger. „Sie haben mitbekommen wie schwer es ist, damit Geld zu verdienen.“

09.11.2009
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