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Das Literaturnetzwerk Halma bringt Autoren aus Europa zusammen

Ein literarisches Spiel

Unterstützt von mehreren Stiftungen und dem Auswärtigen Amt verbindet Halma das literarische Europa. Das nach einem Spiel benannte Netzwerk umfasst schon 21 Länder

Von Martin Reischke

Daniel Goetsch ist der ideale Europäer: Zweisprachig aufgewachsen, dann Jurastudium in Zürich und Toulouse. 2004 schließlich der Umzug nach Berlin. Doch als der Schweizer Autor 2008 für vier Wochen nach Bulgarien reiste, begegneten ihm die Menschen mit ungläubigem Staunen. „Die Bulgaren haben oft nicht verstanden, warum ich mein Heimatland verlassen habe“, erzählt Goetsch. Er reiste als Literat – und war gleichzeitig ­unterwegs als erster Stipendiat eines Netzwerks, das den gemeinsamen Kulturraum Europa endlich Wirklichkeit werden lassen will. Die Geschichte des Netzwerks beginnt im Frühjahr 2007 in der polnischen Kleinstadt Sejny. Vertreter der Robert-Bosch-­Stiftung und des Literarischen Colloquiums Berlin (LCB) sind an den äußersten Rand der Europäischen Union gereist, um gemeinsam mit der polnischen Grenzland-Stiftung das Halma-Netzwerk zu begründen.

Drei Partner, die sich gut ergänzen: Das ­literarische Know-how kommt vom Literarischen Colloquium Berlin, die Anschub­finanzierung und die internationalen Kontakte stellt die ­Robert-Bosch-Stiftung zur Verfügung, deren Engagement in Osteuropa schon in den 70er-Jahren begann. Und auch von den Erfahrungen der polnischen Stiftung kann das Netzwerk profitieren: Seit 1990 ­beschäftigt sie sich mit der grenzüberschreitenden ­Kulturarbeit.

Ähnlich wie beim gleichnamigen Brettspiel soll es im Halma-Verbund möglich sein, als Autor von einem Ort zum nächsten zu springen und so nationale Grenzen mit Leichtigkeit zu überwinden. Auch das Auswärtige Amt in Berlin unterstützt die Idee: „Halma will ein Netzwerk bauen, das von vornherein den europäischen Gedanken über geografische und kulturelle Grenzen hinweg verbindet“, sagte der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier zur Gründung des paneuropäischen Vereins. Es ist ein wenig so, als würde das Abkommen von Schengen erneut geschrieben – nur geht es dieses Mal eben nicht um die Erleichterung des innereuropäischen Grenzverkehrs, sondern um die Freizügigkeit der Literatur, gefördert von der Zivilgesellschaft.

„Die Zusammenarbeit zwischen deutschen und osteuropäischen Literaturhäusern war lange Zeit schwierig, weil man die richtigen Ansprechpartner und vertrauenswürdigen Gewährsleute einfach nicht kannte“, erzählt Maja Sibylle Pflüger von der Stuttgarter ­Robert-Bosch-Stiftung. Mit dem neuen ­Kultur-Netzwerk soll sich das nun ändern: 16 Literaturhäuser aus elf europäischen ­Ländern waren bei der Gründung vertreten – heute sind es schon 27 Häuser aus 21 europäischen Staaten.

Anders als die Europäische Union war das Halma-Netzwerk ein Projekt, das im Osten Europas entstand – und sich erst in den vergangenen zwei Jahren langsam Richtung Westen öffnete. So kooperieren 2009 nicht nur Literaturzentren aus Polen, Bulgarien oder Deutschland miteinander, sondern auch Einrichtungen in Frankreich, Italien oder Irland. Vom ursprünglichen Ziel, in jedem teilnehmenden Land drei Kooperationspartner zu finden, haben sich die Halma-Organisatoren allerdings vorerst verabschiedet. Dabei ist das Interesse der Literatur­häuser nach wie vor ungebrochen. „Trotzdem gibt es zunächst einen Aufnahme-Stopp für die nächsten drei Jahre“, sagt ­Sonja Schillings vom Literarischen Collo­quium Berlin. „Wir sind sehr schnell gewachsen, nun wollen wir uns erst einmal auf unser Programm konzentrieren.“

Dabei geht es vor allem um die Auswahl und Betreuung der Stipendiatinnen und Stipendiaten. Seit 2008 hat das Halma-Netzwerk bereits 13 Autoren mit einem zweimonatigen Reisestipendium unterstützt. Damit können die Schriftsteller zu mindestens zwei der beteiligten Halma-Zentren reisen, auch bei der Vorbereitung einer öffentlichen Lesung und der dafür nötigen Übersetzung bietet das Netzwerk seine Unterstützugn an. Autor ­Daniel Goetsch hat als Stipendiat das Institut der Künste in Prag sowie das Elias Canetti Zentrum im nordbulgarischen Rousse besucht. Eine Entscheidung, die er nicht bereut hat: „So eine Reise relativiert die Debatten von zu Hause und hilft, den Kopf einmal durchzulüften.“ Auch der Umgang mit Literatur sei ein anderer als in Berlin, hat Goetsch beobachtet: „Statt über den Literaturbetrieb zu sprechen, redet man dort ­lieber über Inhalt und Ästhetik.“

Für einen Schriftsteller eine erfreuliche Erfahrung, zumal sich die Reise nach Rousse für Daniel Goetsch auch langfristig lohnen könnte. Schließlich plant die bulgarische Germanistik-Professorin Penka Angelova, die ihm in Rousse den Zugang zur bulgarischen Literaturszene erleichterte, die Übersetzung seines Romans „Ben Kader“ in die bulgarische Sprache. Unterdessen sind längst neue Synergieeffekte entstanden, die zeigen, dass der Netzwerkgedanke von ­Halma funktioniert. So nutzt die beteiligte Robert-Bosch-Stiftung bereits seit Anfang 2009 die bestehenden Kontakte, um auch Übersetzern kurze Arbeitsaufenthalte an ­Literaturhäusern in ganz Europa zu ermög­lichen.

Nach seiner Rückkehr nach Berlin schrieb Daniel Goetsch wie alle anderen Stipen­diaten einen Essay über seine Reise, der in der „Europäischen Bibliothek“ auf der Halma-Website zu finden ist. „Staaten können den Euro ablehnen, die Personenfreizügigkeit einschränken oder Verträge verwerfen“, heißt es darin, „aber zur Kultur kann niemand nein sagen.“

27.05.2009
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