Wer sich am Standort der künftigen Zweigstelle der Technischen Universität (TU) Berlin umschaut, könnte meinen, das Motto vom neuen Campus laute: Dort studieren, wo andere Urlaub machen. Das ägyptische Premiumresort El Gouna am Roten Meer ist in den letzten 20 Jahren aus einem einzigen Grund entstanden: Es möchte für Touristen aus aller Welt der Ort sein, an dem sie die schönste Zeit des Jahres mit Genuss verbringen. Im gesamten Resort herrscht Ferienstimmung. An diesem ungewöhnlichen Ort, an dem noch 1990 nichts als Wüste war, wird die TU Berlin im Mai 2011 einen Campus eröffnen. Er wird die erste Dependance einer deutschen Universität im Ausland sein, die nicht der dort herrschenden Hochschulgesetzgebung unterliegt. Weder den Behörden Ägyptens, noch dem ägyptischen Geldgeber, betont Kester von Kuczkowski von der TU Berlin, sei es möglich, die Lehrinhalte oder die Auswahl von Studenten und Lehrkräften zu beeinflussen.
Kester von Kuczkowski koordiniert das Projekt von Berlin aus. „Mit dem ägyptischen Hochschulministerium“, sagt er, „wurde eine Vereinbarung getroffen, die unsere akademische Unabhängigkeit garantiert.“ Dass das Vorhaben mit diesen traumhaften Rahmenbedingungen verwirklicht werden kann, hat vor allem mit dem Vertrauen zu tun, dass der ägyptische Unternehmer Samih Sawiris in die deutschen Hochschulstandards hat, besonders in jene, die an der TU Berlin herrschen. Samih Sawiris muss es wissen, denn er ist ein TU-Alumnus. Von 1976 bis 1980 studierte er in Berlin Wirtschaftsingenieurwesen. Heute zählt er zu den erfolgreichsten Unternehmern Ägyptens. Mit seiner Firma Orascom Hotels and Development hat er unter anderem den Ferienort El Gouna erschaffen. Immer noch schwärmt der 53-Jährige von seiner Ausbildung: „Mein Studium in Berlin hat El Gouna bewirkt. Ich glaube nicht, dass ich ohne dieses Studium in der Lage gewesen wäre, solch ein großes Projekt bis an diesen Punkt zu bringen. Es ist die ganze Art und Weise, wie man an der TU lernt. Das ist wirklich einmalig. Seit einiger Zeit schon habe ich den Wunsch, diese Universitätsatmosphäre auch in El Gouna zu kreieren.“ 2006 besprach der Milliardär die Idee mit dem damaligen TU-Präsidenten Kurt Kutzler. Aus der Idee wurde ein Vorhaben, in das Sawiris nun viel Geld steckt. Nach Informationen der TU hat die Investition einen Wert von rund 38 Millionen Euro und umfasst die Baukosten sowie die Wartung und den Betrieb der Campusgebäude.
Sawiris sei ein Mensch, sagt Projektkoordinator von Kuczkowski, der langfristig und nachhaltig plane. Wer sich in El Gouna umguckt, findet überall Beweise dafür. Aus der künstlichen Retortensiedlung, die anfangs vor allem aus Hotels bestand, wurde ein Ort, an dem heute 15000 Menschen leben und arbeiten. Neben Geschäften, Supermärkten, einer Brauerei und zwei Häfen gibt es eine internationale Schule, mehrere Kindergärten, eine Bibliothek und eine Hotelfachschule. Das Krankenhaus von El Gouna arbeitet nach europäischen Standards, und die American University in Kairo hat im Ort eine Außenstelle eingerichtet.
Lediglich ein Drittel der Fläche El Gounas wurde bislang bebaut. Der große Rest kann noch entwickelt werden. Das macht den Standort für die TU interessant. „El Gouna ist für uns ein großes Labor“, erklärt von Kuczkowski. „Hier können wir Pilotprojekte bauen und eine Art Show-Room etablieren. Wir können Fachleute und Unternehmer einladen und ihnen zeigen, wie regenerative Energiegewinnung oder Wärmedämmung funktionieren. In El Gouna genießen wir ganz klar einen Standortvorteil.“ Die drei Masterstudiengänge, die hier angeboten werden, widmen sich alle der nachhaltigen Entwicklung von modernen Siedlungen: Energietechnik (Energy Engineering), Stadtentwicklung (Urban Development) sowie Wasseringenieurwesen (Water Engineering).
Das Studium dauert zwei Jahre. Pro Jahr werden 90 Studenten immatrikuliert. Sie müssen vorher bereits ein berufsqualifizierendes Studium abgeschlossen haben, denn in El Gouna erweitern die Studenten vor allem ihre konzeptionellen Fähigkeiten. Hier lernen sie, ihr bereits erworbenes Fachwissen beim Management von Projekten anzuwenden. „Das Knowhow dazu“, sagt von Kuczkowski, „soll nicht nur in den Büchern stehen. Es soll während der Ausbildung praktisch eingesetzt und wissenschaftlich weiterentwickelt werden.“
Interessiert ist man vor allem an Studienbewerbern aus Ägypten und dem arabischen Raum. Mehrere akademische Projekte der Technischen Universität sind bereits in den Regionen Nordafrika sowie Naher und Mittlerer Osten angesiedelt. Die Forschungsergebnisse sollen in Pilotprojekten erprobt werden. Dazu sei es unabdingbar, erläutert von Kuczkowski, dass man vor Ort präsent ist und die Prozesse von Anfang bis Ende begleitet und fördert. Aus genau diesem Grund gefällt von Kuczkowski auch der Begriff Bildungsexport nicht: „Ich sehe das Ganze eher als eine Art Im- und Export.“ Natürlich nutze es der TU, akademische Dienstleistungen in die Region zu exportieren, weil sie dann einen Zugang zum dortigen Wissenschaftsmarkt erhält. Gleichzeitig profitierte aber auch die Wirtschaft der jeweiligen Länder.
Finanziert wird der Lehrbetrieb mit den Gebühren, die die Studenten zahlen. Pro Semester sind das 5000 Euro. Das ist viel Geld, auch für deutsche Verhältnisse. „Jeder besonders geeignete Bewerber, der diese Summe nicht aufbringen kann“, betont von Kuczkowski, „wird mit einem Stipendium unterstützt.“ Einen Profit darf die Universität nicht erwirtschaften. „Der TU-Campus in El Gouna ist für beide Seiten, also auch für den Geldgeber Sawiris, als Non-Profit-Projekt angelegt. Wir müssen das gegenüber der Berliner Senatsverwaltung belegen, denn die TU ist eine Einrichtung der öffentlichen Hand.“
Neue Projekte Sawiris entstehen nicht nur in Ägypten, sondern auch in Europa. Dort werden unter anderem umweltfreundliche Technologien zum Einsatz kommen. Aber nicht nur dort, sondern auch im Luxusresort El Gouna, das in den nächsten Jahren ohne den Ausstoß von klimaschädlichen Treibhausgasen betrieben werden soll. Da kann Sawiris hochqualifizierte Absolventen gut gebrauchen. Gleichzeitig empfindet er aber auch eine Verantwortung gegenüber der ägyptischen Gesellschaft. „Ich habe viel Geld verdient in meinem Land“, sagte er kürzlich dem Reporter vom Radiosender Deutschlandfunk, „ich möchte einen Teil davon zurückgeben.“















