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Kunst

Ein Kreis, der sich schließt

Mit Kunst das Überleben der Schönheit auszudrücken, ist das, was die Malerin Mindy Weisel heute antreibt. Jetzt konnte die Tochter von Holocaust-Überlebenden ihre erste Ausstellung in Deutschland eröffnen. Für sie schließt sich damit ein Kreis.

Von Roman Anthony

„Geboren – Bergen-Belsen, Deutschland“ – heißt es sehr knapp im Lebenslauf der amerikanischen Künstlerin Mindy Weisel; dahinter verbirgt sich das Schicksal eines kleinen jüdischen Mädchens, deren Eltern Auschwitz überlebt haben. Im Jahr 1947 ist Mindy Weisel eines der ersten im Displaced Persons Camp von Bergen-Belsen geborenen Kinder. 1950 kommt sie mit ihren Eltern Lili und Amram Deutsch – der Vater stammt aus Rumänien, die Mutter aus Ungarn – in die USA, zunächst nach New York und Los Angeles. Oktober 2009: Zum zweiten Mal, nach einem kurzen Besuch 2007, betritt die jetzt 62-jährige Malerin wieder deutschen Boden. Die amerikanische Botschaft hat für sie eine Ausstellung in der Berliner Galerie Lorch+Seidel arrangiert: „FULL CIRCLE – Malerei und Objekte von Mindy Weisel“. „Ich komme völlig ohne Groll“, sagt die Künstlerin zuvor in einem Zeitungsinterview, deren ganzes Leben und Wirken von der Erinnerung an den Holocaust geprägt ist und deren Mutter in Konzentrationslagern ihre gesamte Familie verloren hat. Mindy Weisel sieht sich als Kind, dem „das Erbe des menschlichen Verlustes mit in die Wiege gelegt worden ist“.

Die Berliner Ausstellung sei „ein besonderes Geschenk an Berlin, übermittelt mit dem Wunsch, die deutsch-jüdischen Beziehungen weiterzuentwickeln, so dass eines Tages Schönheit und Hoffnung darin überwiegen“, urteilt die Schriftstellerin und Kuratorin der Ausstellung, Barbara von Bechtolsheim. Und Mindy Weisel selber? Sie sagt in Berlin, ihr späteres Werk sei inspiriert „vom Streben nach Licht und Schönheit“. Ihre Arbeiten in Berlin auszustellen, „ist im Jahr 2009 für mich vergleichbar mit einem Kreis, der sich schließt und mich in dem Glauben bestärkt, mit Kunst das Überleben der Schönheit ausdrücken zu können“. Mit „Freude und Hoffnung“ umschreibt Barbara von Bechtolsheim die in Berlin zu sehenden Werke wie die Serie Night oft the Roses, Papierarbeiten in unterschiedlichen Techniken. In ihren Glasarbeiten wiederum könne Mindy Weisel „durch ihren speziellen Umgang mit dem Material zeigen, wie Erinnerung, Gefühl und Erfahrung jeweils zu den Arbeiten inspirierten. Die aus zufällig gefundenen Materialien gefertigten Glas- und Metallarbeiten, bei denen zeichnerische Elemente in das Metall geätzt wurden“, erklärt von Bechtolsheim, „vermitteln ein Gefühl von Einsamkeit, aber auch von jener Kraft, die eine Familie von Holocaustüberlebenden auszeichnen.“ Jedes dieser drei Ausstellungsteile beleuchte jeweils wichtige Aspekte von Mindy Weisels Werk: „Schönheit und Liebe, Erinnerung, Gegenwärtigkeit und Stille; und schließlich das Vermögen von Kunst, Menschen und ihre Kulturen zu verbinden.“

In den USA bauten sich die Eltern nach 1950 ein neues Leben auf, betrieben mit harter Arbeit eine eigene Bäckerei; oft genug musste die ältere Tochter Mindy auf den jüngeren, in Amerika geborenen Bruder aufpassen. „Beschränke Deutschland nicht auf die Nazis, Mindy“, hat ihre Mutter immer wieder gesagt, „es gab ein Vorher und es gibt ein Danach. Du musst eines Tages dorthin fahren, um das Schöne zu entdecken.“ Dieser Satz mag nur nach und nach dazu beigetragen haben, die „tiefe Schicht von Traurigkeit“ zu überwinden, die sie „als Kind absorbiert“ hat. Mindy Weisels frühe Bilder – mit vierzehn unternimmt sie erste Malversuche und studiert später Malerei – sind Ausdruck tiefer Traurigkeit, sind grau und dunkel, geprägt von den Erzählungen ihres Vaters über das Leiden, über Not, Hunger und Tod in Auschwitz. Manche ihrer Bilder weisen eine Gemeinsamkeit auf: Es ist die Nummer „A3146“, die der Vater – ein Cousin von Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel – seit Auschwitz unauslöschlich auf seinem Arm trägt. Erst spät – und oft an der Grenze psychischer Belastung – findet die Malerin zu leuchtenden Farben. Sie sucht, merkt sie dazu an, in ihren Bildern „das Licht“, mit dem sie „Schönheit unvergänglich“ machen will, ohne jedoch die Vergangenheit abzustreifen: „Was ich bis heute nicht abschütteln kann, ist das Gefühl, von allem, was ich tue, nicht genug zu tun, um der Trauer einer ganzen Generation etwas entgegenzusetzen“, beurteilt Mindy Weisel ihre Arbeit. „Wenn ich nicht male, überwiegt auch bei mir die Traurigkeit. Dann muss ich schnell in mein Studio.“

Vor ihrem Aufenthalt in Berlin hat Mindy Weisel die KZ-Gedenkstätte Dachau besucht. Ein erstes Mal wird sie mit einem Konzentrationslager konfrontiert; das Leiden ihrer Eltern erhält für sie eine neue, eine reale Dimension. Sie sei für ihre Mutter nach Dachau gekommen, sagt sie dort – und für alle Töchter, die als Kinder von Holocaustüberlebenden geboren wurden; für alle, die mit diesem schweren Erbe zurechtkommen müssten.

Mindy Weisels Kunstwerke werden in Museen und Institutionen weltweit ausgestellt wie zum Beispiel The Smithonian, Hirshhorn Museum, National Museum of American Art, Israel Museum, U.S. Capitol und Baltimore Museum. Etwa 30 Einzel- und ebenso viele Gruppenausstellungen sind ein beredtes Beispiel ihres künstlerischen Schaffens, das die Washington Post einmal mit dem Satz umrissen hat: „Weisels Kraft überträgt sich direkt, von Herz zu Herz.“ In Washington lehrt die Malerin an der renommierten Corcoran Art School. Dort lebt die Mutter von drei erwachsenen Töchtern mit ihrem Mann im Stadtteil Georgetown.

02.11.2009
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