DIE WÜSTENSTADT MASDAR-CITY in den Vereinigten Arabischen Emiraten gilt längst als Synonym für die ressourcenschonende Stadt der Zukunft. Was auf der arabischen Halbinsel für rund 20 Milliarden US-Dollar entsteht, soll die erste CO2-neutrale Stadt der Welt werden und ein Schaufenster dafür, was an innovativer grüner Technologie machbar ist. Ein Ziel, an dessen Umsetzung Siemens kräftig mitarbeitet. Das passt. Denn der Münchner Konzern hat sich in atemberaubendem Tempo zu einem „grünen Giganten“ gewandelt und gilt mittlerweile als der weltweit größte Anbieter umweltfreundlicher Technologien. In Masdar wird Siemens unter anderem ein intelligentes Stromnetz (Smart Grid) installieren und mit energieeffizienter Gebäudetechnik kombinieren. Hier sollen einmal 50 000 Menschen leben und arbeiten – darunter einige Siemensianer. Denn die Unternehmenszentrale für das Geschäft im Nahen und Mittleren Osten sowie ein Kompetenzzentrum für Gebäudetechnik werden sich dort ansiedeln.
Keine Frage: Der einst breit gefächerte Mischkonzern gewinnt an strategischer Schärfe, indem Siemens-Chef Peter Löscher das Geschäft konsequent auf „die Megatrends Urbanisierung, demografischer Wandel und Klimawandel ausrichtet“, wie er in einem Interview vor drei Jahren die Marschrichtung vorgab und von „gigantischen Wachstumschancen für grüne Technologien“ sprach. Das kann man wohl sagen. Denn die damals gesetzten Ziele im Bereich Umwelttechnologien wurden schneller erreicht als gedacht. „Mit 29,9 Milliarden Euro Umsatz des Siemens-Umweltportfolios haben wir unser ursprünglich für 2011 gesetztes Ziel von 25 Milliarden Euro weit übertroffen“, verkündet Löscher. Rund 40 Prozent des Konzernumsatzes entfallen bereits auf Umwelttechnologie. Und der Geschäftsbereich genießt weiterhin hohe Priorität. Bis Ende des Jahres 2014 beabsichtigt das Unternehmen, den Umsatz in dieser Sparte auf mindestens 40 Milliarden Euro zu steigern.
Die Umwelt profitiert davon. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young hat errechnet, wie stark Siemens dazu beiträgt, weltweit den Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren: Allein im Jahr 2010 haben Produkte und Technologien – von der Energiesparlampe bis zur Windkraftanlage – dafür gesorgt, dass weltweit 270 Millionen Tonnen weniger CO2 in die Luft geblasen wurden. Das entspricht den CO2-Emissionen der sechs Metropolen Hongkong, London, New York, Tokio, Delhi und Singapur. Für 2011 wird mit rund 317 Millionen Tonnen gerechnet, wobei jeweils die Wirkung des seit 2002 installierten Spektrums von Umwelttechnik mit eingerechnet wird. Und das ist breit, wobei kaum eine ökologische Nische ausgespart bleibt: Von Hybridbussen, die durch London fahren, über schlüsselfertige Solarparks, Dampfturbinenkraftwerke, Wasseraufbereitungsanlagen und Entwicklungen zu schnellen Ladetechniken für Elektroautos bis zu dem weiten Feld grüner Gebäudetechnik.
Gewissermaßen als Leuchtturmprojekt dafür darf Taiwans höchstes Gebäude, der Taipei 101, gelten. Der 508 Meter hohe Turm ist ein Musterbeispiel an Energieeffizienz und trägt die LEED-Platinum-Zertifizierung. Die Auszeichnung LEED (Leadership in Energy and Environmental Design) ist eine Art Oscar für nachhaltige Bauten, die einen strengen Kriterienkatalog erfüllen müssen. Für die Öko-Qualitäten des Wolkenkratzers ist die Siemens-Division Building Technologies maßgeblich mitverantwortlich. Die Ingenieure haben die Gebäudeautomation optimiert sowie die Energieeffizienz des Baus erhöht, wodurch rund zehn Prozent Strom und Wasser weniger verbraucht wird. Unter dem Strich verbraucht der Taipei 101 im Vergleich zu einem durchschnittlichen Gebäude ein Drittel weniger Energie. Bei Projekten wie diesen entscheidet oft die Summe der Detaillösungen über den Erfolg. Gefragt sind neue Ideen. Und die produzieren Siemens-Mitarbeiter: Fast 40 Erfindungen melden Mitarbeiter nach Siemens-Angaben – pro Tag. Im Geschäftsjahr 2011 wurden 8600 Erfindungen gezählt und damit zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Der Gesamtbestand an erteilten Patenten stieg von 51 300 im Vorjahr auf 53 300, vermeldet Peter Löscher. Davon angespornt, möchte er die Forschungsausgaben im laufenden Geschäftsjahr 2012 um 500 Millionen Euro auf dann knapp 4,5 Milliarden Euro steigern. Diese Innovationsfreude wird weltweit honoriert. So zeichnete Chinas führendes Wirtschaftsmagazin „Global Entrepreneur“ Siemens bereits zum dritten Mal in Folge als bestes Forschungszentrum des Landes aus. Und das renommierte US-Technikmagazin „MIT Technology Review“ hat Siemens erstmalig in die Liste der 50 innovativsten Unternehmen der Welt aufgenommen.
Dass die Möglichkeiten der Windkraft bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind, zeigt der Offshore-Windpark Lillgrund im Öresund. Unlängst hat Siemens die gesamte Anlage samt Netzanbindung schlüsselfertig an den schwedischen Energieversorger Vattenfall übergeben. Nun drehen sich rund sieben Kilometer vor der Küste der schwedischen Stadt Malmö 48 Windturbinen, die auf 20 Meter hohen Betonfundamenten stehen. Lillgrund ist einer der größten Offshore-Windparks weltweit. Fast ohne CO2-Emissionen produzieren die Propeller 110 Megawatt Strom, womit eine Kleinstadt mit 60 000 Haushalten versorgt werden kann. Im Vergleich zum fossilen Energiemix werden pro Jahr 300 000 Tonnen CO2-Emissionen vermieden. Und das ist erst der Anfang. Für die ganze Branche lockt ein Zukunftsmarkt. Michael Süß, Vorstandsmitglied und Chef des Siemens-Energy-Sektors, spricht von einem „weltweit rasch wachsenden Windenergiegeschäft“, weswegen der Münchner Konzern kürzlich seine Aktivitäten in dieser Sparte zu der neuen „Wind Power Division“ in Hamburg gebündelt hat. Süß blickt zufrieden auf volle Auftragsbücher mit einem Rekordauftragsbestand von fast 11 Milliarden Euro. Das Geschäft mit der Umwelt läuft rund.///















