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In Berlin sollen Migranten für freiwilliges Engagement gewonnen werden

Ein Jahr für die Gesellschaft

Vor allem türkischstämmige Migranten wollen sich engagieren. Ein neues Projekt in Berlin hilft ihnen nun dabei

Oliver Heilwagen

Iman Okla weiß genau was sie will: „Ich möchte ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen, um die Wartezeit zu überbrücken, bis ich einen Studienplatz für Architektur bekomme.“ Die seit 19 Jahren in Deutschland lebenden Palästinenserin haben Freunde auf die Idee gebracht, sich sozial zu engagieren, die selbst ein FSJ geleistet haben. Iman sucht nach dem Fachabitur nun eine FSJ-Einsatzstelle im Bereich interreligiöser Bildung, da sie „etwas gegen religiöse Vorurteile tun“ möchte: Als Muslimin hat sie einen jüdischen Freund und viele christliche Bekannte. Der 23-jährige Ernesto Suquete Venancio aus Angola will dagegen ein FSJ als Krankenpfleger absolvieren. „Ein FSJ ist doch besser, als zu Hause rumzusitzen“, sagt Ernesto: „Wenn mir Krankenpflege gefällt, könnte ich das auch dauerhaft machen.“ Das Freiwillige Soziale Jahr ist ein deutsches Unikum. Seit 1964 gibt es in der Bundesrepublik einen rechtlichen Rahmen für Jugendliche, die freiwillig ein Jahr lang in Krankenhäusern, der Altenpflege oder Kinderbetreuung arbeiten möchten – ihr Engagement wurde vom Gesetzgeber offiziell anerkannt, damit in ihrem Lebenslauf später keine Lücke klafft. Waren es anfangs vor allem Mädchen, die ein FSJ absolvierten, während ihre Brüder Wehr- oder Zivildienst leisteten, so ist die Nachfrage von jungen Männern in den vergangenen 15 Jahren parallel zum Rückgang der Rekrutenzahlen sprunghaft gestiegen. Zwischen 1993, als neben dem FSJ auch das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ) eingerichtet wurde, und 2008 hat sich die Zahl der FSJ- und FÖJ-Plätze von gut 7000 auf knapp 19000 fast verdreifacht. Dazu kommen noch 5700 Zivildienstpflichtige, die ein FSJ oder FÖJ anstelle des neunmonatigen Zivildienstes ableisten.

Auffällig ist: Nur rund acht Prozent der jungen Helfer haben einen Migrationshintergrund wie Iman und Ernesto. Dabei wären vor allem Jugendliche mit türkischen Wurzeln durchaus zu mehr freiwilligem Engagement bereit. Laut einer Untersuchung des „Zentrums für Türkeistudien“ in Essen bekundete 2005 die Hälfte aller türkischstämmigen Migranten Interesse daran. Doch bislang war offenbar die Hemmschwelle zu hoch. „Unter Migranten herrscht der Eindruck mangelnder Offenheit der deutschen Organisationen gegenüber Zuwanderern vor“, heißt es in der Studie. Das soll die Berliner Initiative „Migrantenorganisationen als Träger von Freiwilligendiensten“ ändern, die das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Ende 2008 als Teil der Selbstverpflichtung der Bundesregierung im Nationalen Integrationsplan ins Leben gerufen hat. Hintergrund ist eine weitere deutsche Besonderheit: Der Staat erledigt soziale Aufgaben nicht allein. Häufig beauftragen die Bundesländer große Verbände, die als so genannte Träger mit öffentlichen Zuschüssen soziale Leistungen in eigener Regie erbringen. Dafür sind aufwändige Verwaltungsstrukturen nötig, die Migrantenorganisationen erst aufbauen müssen – das dreijährige Projekt, an dem sich das Land Berlin beteiligt, soll ihnen nun dabei helfen.

Als erster Verband wurde die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD), ein Dachverband von 230 Vereinen, für die Qualifizierung von Freiwilligendiensten ausgewählt. „Bisher basierte das soziale Engagement vieler Migrantenselbstorganisationen insbesondere auf ehrenamtlicher Arbeit. Jetzt wird dieses Engagement durch hauptamtliche Strukturen gesichert und weiter ausgebaut“, begrüßt TGD-Bundesgeschäftsführer Florencio Chicote die Initiative. Sein Verband biete FSJ-Einsatzstellen keineswegs nur türkischstämmigen Teenagern, sondern auch jungen Menschen mit anderem oder keinem Migrationshintergrund an, hebt er hervor: „Unsere Türen stehen allen Jugendlichen offen.“ Bis Ende 2009 sollen weitere Verbände in Berlin für das Projekt gewonnen werden.

Während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres nehmen die engagierten Mädchen und Jungen an fünf je fünftägigen Seminaren teil, auf denen ihnen neben Themen wie der Bedeutung von zivilgesellschaftlichem Engagement auch „interkulturelles Lernen“ und die „Wertschätzung von kultureller Vielfalt als Kompetenz“ vermittelt werden soll. Für diesen so genannten „Diversity-Ansatz“ steht Chicote selbst: Er setzt sich für die Belange türkischstämmiger Migranten ein, obwohl er spanischer Herkunft ist – was bei seinem Amtsantritt von deutschen Medien aufmerksam registriert wurde.

TGD-Projektkoordinatorin Ilkay Dogan betont ebenfalls die multiethnische Herkunft ihrer bislang fast 30 Bewerberinnen und Bewerber für FSJ-Einsatzstellen: sie stammten aus einem halben Dutzend Nationen, erklärt die 35-jährige Diplom-Pädagogin. Dogan hat sich während ihres Studiums sozial engagiert, indem sie ehrenamtlich türkische Mädchen betreute und bei deren Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützte. Zur beruflichen Orientierung und Vorbereitung dient ihr zufolge auch das FSJ: Schulabgänger könnten ausprobieren, wie sie mit einem sozialen Beruf, der sie interessiert, in der Praxis zurechtkommen. Dabei müssen sie sich nicht unbedingt für genau zwölf Monate verpflichten, denn in den vergangenen Jahren wurden die rechtlichen Voraussetzungen gelockert: Ein Freiwilligendienst dauert nun mindestens sechs und maximal 18 Monate. Möglich ist es auch, mehrere Stationen mit unterschiedlicher Laufzeit miteinander zu kombinieren. Etwa 800 FSJ- oder FÖJ-Plätze werden sogar im Ausland angeboten.

Damit die Bewerber aus ihrem FSJ den größtmöglichen Nutzen ziehen, führt Dogan mit ihnen ein ausführliches Gespräch und sucht anschließend nach einem passenden Platz für sie. Manchmal passen ihre Bewerber und der Einsatzort so gut zueinander, dass aus dem FSJ nichts wird: Einer 20-jährigen Französin algerischer Herkunft, die ihr Jahr in einem deutsch-französischen Kindergarten ableisten wollte, wurde dort gleich eine reguläre Stelle angeboten. Doch im Vergleich zu einem Praktikum mit Aussicht auf spätere Übernahme ist das FSJ „stärker geregelt“, erläutert die Koordinatorin: Neben den fünf Pflicht-Seminaren zählen dazu eine Wochenarbeitszeit von 38,5 Stunden, Urlaubsanspruch und zum Abschluss ein Zertifikat. Nichtsdestoweniger „gehört viel Motivation dazu, sich ein Jahr lang im Dienst der Gesellschaft zu engagieren“, so Dogan.

Anfragen von motivierten Jugendlichen wird der TGD vielleicht auch aus der Türkei erhalten. Denn auch für Nicht-EU-Bürger, die nicht in der Bundesrepublik wohnen, ist es grundsätzlich möglich, ein FSJ in Deutschland abzuleisten.

14.05.2009
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