Die russische Eisenbahn fährt mit Tempo 250 in die Zukunft: Von Dezember 2009 an verkehrt der neue Hochgeschwindigkeitszug „Sapsan“ auf der 645 Kilometer langen Strecke zwischen den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg. Drei Stunden und 45 Minuten braucht der Zug zwischen den beiden Großstädten, die er ohne Zwischenhalte verbindet – und künftig soll diese Fahrzeit weiter schrumpfen. Bisherige Züge benötigten für die Verbindung zwischen 4,5 Stunden und acht Stunden. Entwickelt und gebaut wurde der nach dem Wanderfalken (Falco peregrinus) benannte Triebzug in Deutschland: Er ist eine neu entwickelte Variante des Velaro von Siemens. Der Velaro basiert auf dem deutschen ICE 3 und wird in Spanien als Velaro E sowie in China als Velaro CN eingesetzt. Russland ist der dritte Auslandsmarkt für den Hightech-Zug aus Deutschland. Die deutsche Bahn ergänzt ihre ICE 3-Flotte ebenfalls in den nächsten Jahren um den Typ Velaro D.
Der Velaro RUS soll den Schienenverkehr in Russland in ein neuen Zeitalter führen, sagt Ivanovich Vladimir Zinner von den russischen Eisenbahnen (RZD): Die insgesamt acht Züge, die die RZD bei Siemens Mobility gekauft hat, sind der erste Mosaikstein im 2006 beschlossenen russischen Förderprogramm für ein nationales Schnell- und Hochgeschwindigkeitsbahnnetz. Als Höchstgeschwindigkeitstrassen sind dabei zunächst die Verbindungen Sankt Petersburg – Moskau sowie Moskau – Adler vorgesehen, erklärt Zinner, der Technischer Leiter der Schnellfahrstrecke ist. Hier verkehren die Velaro-Züge erst einmal mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern. Künftig sollen Strecke sowie Antriebe dann für noch höhere Geschwindigkeiten zwischen 300 und 350 Stundenkilometern aufgerüstet werden. Bei Testfahrten haben die im Siemens-Werk Krefeld gebauten Triebzüge allerdings schon jetzt eine Spitzengeschwindigkeit von 281 Kilometern pro Stunde erreicht.
In der jetzt von den russischen Eisenbahnen ausführlich getesteten und zugelassenen Velaro-Baureihe steckt viel zusätzliche Ingenieursarbeit von Siemens Mobility. Denn der Velaro RUS hebt sich wegen des Klimas, der anderen Spurweite und der technischen Vorschriften für Eisenbahnfahrzeuge in Russland deutlich von seinen Geschwistern ab. In erster Linie haben das russische Breitspur-Netz (1520 Millimeter statt der 1435 Millimeter breiten Regelspur) und die russische Kälte den Ausschlag für technische Veränderungen gegeben: Der „Sapsan“ rollt auf anderen Drehgestellen und ist außen rund 30 Zentimeter breiter als ein ICE 3. Wegen der dicken Isolierung kommt dieses zusätzliche Volumen allerdings nur zur Hälfte dem Innenraum des 250 Meter langen Zuges mit seinen 604 Sitzplätzen zugute.
Neben dieser Isolierung haben sich die Entwickler viele andere Innovationen einfallen lassen, erklärt David John, technischer Direktor von Siemens Mobility für den Hochgeschwindigkeits- und Intercityverkehr in Russland. So ist die Kühlluft-Ansaugung für die angetriebenen Fahrgestelle auf das Dach der Wagen verlegt, damit im Winter der Pulverschnee nicht die Öffnungen verstopft. Dazu kommen spezielle Bauteile, die Kältebrücken zwischen Außenhülle und Waggons verhindern. Auch die Schmierung und anderen Systeme sind auf kaltes Wetter mit viel Schnee eingestellt: Schließlich muss der „Sapsan“ auch bei minus 50 Grad Celsius noch zuverlässig funktionieren, bei klirrend kalten minus 40 Grad Celsius kann der neue Schnellzug sogar noch starten. Dass der elegante Sprinter diese Vorgaben wirklich erfüllt, haben die Siemens-Ingenieure unter anderem in der firmeneigenen Kältekammer in Wien und in einer Skihalle erprobt. Wer den ICE 3 kennt, der fühlt sich im „Sapsan“ sofort zu Hause. Auch wenn die 1. Klasse mit vier Sitzen in einer Reihe ausgeführt ist statt mit den aus Deutschland gewohnten drei, wirken die breiteren Wagen ausgesprochen großzügig. Mehr Platz hat aber auch der Lokführer. Denn der Führerstand ist neu konzipiert worden, um die russischen Eisenbahnnormen zu erfüllen. Das neue Cockpit bietet nun Platz für zwei Lokführer und hat eine sehr hohe Decke, damit auf den großen Fahrstrecken mit entsprechend langer Fahrzeit auch das Arbeiten im Stehen möglich ist.
600 Millionen Euro investieren die russischen Eisenbahnen in die neuen Hochgeschwindigkeitszüge. Neben den insgesamt acht Zügen selbst umfasst das Paket auch einen von Siemens in Russland geleisteten Wartungsservice dieser Velaro-Flotte für 30 Jahre. Zu diesem Zweck hat Siemens eigens ein eigenes Betriebswerk in Metallostroy bei Sankt Petersburg aufgebaut, wo der „Sapsan“ künftig beheimatet sein wird. Zusätzlich zu diesem Betriebswerk ist eine Dependance in Moskau geplant, in der die Züge über Nacht abgestellt werden können und Wartungsarbeiten möglich sind. Der Ausbau des Schnellzugnetzes ist noch lange nicht beendet.














