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Serie: Israelis in Berlin

Ein Forscherleben für die Judaistik

Tal Ilan, israelische Wissenschaftlerin und Professorin, lehrt an der Freien Universität Berlin Judaistik. Ein „räumlicher Spagat“, denn ihre Familie lebt in Jerusalem, wo die 54-Jährige regelmäßig die Semesterferien verbringt

Von Lars Hansen

Fabeckstraße im vornehmen Berliner Ortsteil Dahlem im Grunewald, Hausnummer 37, eine kleine, renovierungsbedürftige Villa: das Berliner Institut für Judaistik; ein zweckmäßiges und einfaches Arbeitszimmer – das Büro von Tal Ilan. 2003 folgte die israelische Professorin dem Ruf nach Berlin und geht – wie sie mit jedem Satz spüren lässt – fast völlig in „ihrer“ Lehre und Wissenschaft auf. Auch ihr privates Umfeld in Deutschland rekrutiert sich aus dem universitären Bereich. Die vielleicht einzige „Berliner Leidenschaft“ jenseits der Arbeit: „Ich lerne die Stadt immer wieder neu mit dem Fahrrad kennen“, erzählt die Israelin. Zwei Forschungsprojekte sind es derzeit vor allem, an denen die israelische Wissenschaftlerin arbeitet; eines davon: Das Lexicon of Jewish Names, das ein „doppeltes Anliegen“ verfolgt. Tal Ilan: „Einmal wollen wir im Sinne der Namensforschung eine möglichst vollständige Erfassung der von Juden verwendeten Namen in Palästina und in der Diaspora erreichen. Dabei werden jeweils die Struktur, semantische Bedeutung und Herkunft der Namen beschrieben.“

Der zweite Schwerpunkt: „Es geht um eine Auflistung sämtlicher Personen, die einen bestimmten Namen getragen haben.“ Das Lexikon soll Grundlage für weiterführende sozial-, kultur- und familiengeschichtliche Studien sein, Einblicke in das Netz sozialer Bezüge im antiken Judentum und Auskunft über finanzielle und politische Gegebenheiten sowie Einblicke in Bildungsgrad, Normen und Werte der damaligen jüdischen Bevölkerung geben. Bisher sind zwei Bände erschienen; zwei weitere sollen folgen.

Anspruchsvoll ist auch ein weiteres wissenschaftliches Projekt in Berlin: die Erstellung eines wissenschaftlichen feministischen Kommentars zu der Ordnung Mo’ed („Festzeiten“) des Babylonischen Talmud. „Frauen und Gender war immer ein unheimlich wichtiges Thema“, kommentiert die Israelin; „es ist aber von der Wissenschaft auch verpasst, ja liegen gelassen worden.“ Und etwas provokant fügt sie hinzu: „Es waren immer Männer, die geschrieben und gelehrt haben...“ Die Kommentarreihe ist auf 40 Bände angelegt: „Mit der Ordnung Mo’ed – Feste - haben wir diese Arbeit angefangen, weil die Feste wesentlich bestimmen, was ein Jude ist: Und für uns ist die Frage wichtig, inwieweit auch Frauen verpflichtet sind, an deren Ritualen teilzunehmen. Inwieweit sind Frauen wirklich selbstständige Juden? Es gibt manches, zu denen Männer – im Gegensatz zu Frauen – verpflichtet sind und was sie als Juden auszeichnet.“ In diesem Kommentar zu Mo’ed soll das Thema „Frau“ frei von groben Vereinfachungen und sich auf aktuelle Anliegen oder reine Apologie reduzierende Fragestellungen Traktat für Traktat systematisch behandelt werden.

Das Berliner Institut für Judaistik wurde 1963 gegründet. Aber bereits seit dem Sommersemester 1952 fanden an der Freien Universität regelmäßig Vorlesungen zur Jüdischen Geschichte und Literatur statt. Judaistik in Berlin orientiert sich an dem „idealtypischen Entwurf“ des Instituts für die „Wissenschaften des Judentums“ der Hebräischen Universität mit den traditionellen Fachgebieten Bibel, Talmud, hebräische Sprache und Literatur, Geschichte des jüdischen Volkes, jüdische Philosophie und jüdische Mystik. Besonderes Gewicht wird an der Freien Universität – neben einer fundierten Sprachausbildung – auf die Epoche des Spätantike gelegt. Derzeit haben etwa einhundert Studentinnen und Studenten Judaistik als Schwerpunktfach gewählt; weitere hundert studieren es im Nebenfach: Sie alle sollen lernen, „das komplexe Phänomen Judentum in seiner Eigenständigkeit zu erfassen, in seiner Interaktion mit wechselnden Umweltkulturen zu analysieren und seine Stellung im jeweiligen historischen Kontext herauszuarbeiten“.

Aufgewachsen ist die 1956 geborene Judaistin und Historikerin im Kibbuz Lahav in der Nähe von Beer Sheva. Nach ihrem Studium an der Hebräischen Universität promovierte sie bei Menachem Stern zum Thema „Jewish women in Palestine during the Helenistic-Roman Period“. Gastprofessuren außerhalb Israels führten sie unter anderem nach England und in die USA, aber auch an die deutschen Universitäten im niedersächsischen Oldenburg und im Rahmen der Martin-Buber-Gastprofessur nach Frankfurt. Warum kam sie 2003 an das Institut für Judaistik in Berlin? „Ich war in Israel natürlich als Wissenschaftlerin anerkannt“, antwortet Tal Ilan, deren Ehemann Yosef Garfinkel, Professor für Biblische Archäologie an der Hebräischen Universität, ebenso wie die beiden Söhne in Jerusalem lebt. Für Tal Ilan jedoch war es schwer, dort eine feste Stelle zu bekommen – „vielleicht auch, weil meine Forschung manchmal ein wenig neu war. Innovationen dauern, bis sie anerkannt sind.“ Zunächst konnte sie dann auch aus familiären Gründen – mit zwei kleinen Kindern – nicht ins Ausland gehen.

Nicht unmittelbar mit ihrer Berliner Professur hängt ein anderes Projekt, ein – wie Tal Ilan sagt – „feministisches Unternehmen“ zusammen: Mit ihrer Schweizer Kollegin Silvia Schroer, Professorin an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Bern, ist sie Herausgeberin von lectio difficilior („Schwierige Lesart“), einer dreisprachigen, in Englisch, Französisch und Deutsch angebotenen „europäischen elektronischen Zeitschrift für feministische Exegese“. Den Hintergrund dafür beschreibt Tal Ilan: „Feministische Exegese ist ein international anerkannter Bereich der Bibelforschung und ein wichtiger Beitrag zur Genderforschung.“ Bislang hätten jedoch Frauen im europäischen Raum kaum die Möglichkeit, einem daran interessierten Publikum ihre Artikel vorzustellen – ein „gravierendes Defizit“, weil es gerade für Europa ein „außerordentlich lebendiges Forschungsfeld mit profilierten und einzigartigen Ansätzen“ sei. Mit lectio difficilior wollen die Herausgeberinnen „Fachfrauen und allen exegetisch-theologisch Interessierten“ ein überkonfessionelles, interdisziplinäres – und, im Vergleich zu Printmedien, kostengünstiges Forum für Diskussionen bieten.

An der Freien Universität hat Tal Ilan seit dem vergangenen Sommersemester auch mit einem neuen Masterstudiengang zu tun. Das Programm umfasst die beiden Profilbereiche „Judentum im hellenistisch-römischen und islamisch-christlichen Kontext. Antike – Mittelalter – Frühe Neuzeit“ und „Modern Judaism and Holocaust Studies“ im 19. und 20. Jahrhundert. Es baut auf dem Bachelorstudium auf und will das Judentum und seine Kultur in den jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Kontexten analysieren. „Wir wollen damit in die dialektischen Prozesse einführen, die das Diasporajudentum als Minderheit in den verschiedenen Mehrheitsgesellschaften bestimmt haben“, beschreibt Tal Ilan die Studieninhalte – und gibt sich wieder ganz als Professorin mit großer Begeisterung für Lehre und Forschung.

12.03.2010
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